Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ohne Worte
Nachrichten Kultur Ohne Worte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 13.11.2013
Tanz mit der Klarinette: Sharon Kam spielt ein Opernprogramm im Funkhaus Hannover
Foto: Tanz mit der Klarinette: Sharon Kam spielt ein Opernprogramm im Funkhaus Hannover Quelle: Helb
Anzeige
Hannover

Der Teufel steckt im Detail. Zumindest in den ersten Sätzen von Luigi Boccherinis sechster Sinfonie, der bekanntesten des italienischen Vorklassikers, kann man höchstens ahnen, dass es hier um die Hölle geht. Die unwirtliche Tonart d-Moll, die ruppigen Läufe und donnernden Akkorde ergeben erst dann einen rechten Sinn, wenn man auch den Titel des Werkes kennt: „La Casa del Diavolo“, das Haus des Satans, hat Boccherini sein Stück genannt, das im letzten Satz sogar einen Höllensturz schildert. Der Komponist hatte die Don-Giovanni-Geschichte im Sinn und ihre plastische Darstellung in einem Ballett von Christoph Willibald Gluck im Ohr, als er seine Sinfonie 1771 komponierte.

Im Großen Sendesaal des hannoverschen Funkhauses, wo das Württembergische Kammerorchester Heilbronn dieses Werk nun aufführte, war „La Casa del Diavolo“ eigentlich nur eine Art Füllstück, das das Virtuosenprogramm der Klarinettistin Sharon Kam auflockerte. Zugleich war die Sinfonie aber auch beispielhaft für das Konzept des gesamten Konzertes. Unter der auffällig feinsinnigen Leitung des armenischen Dirigenten Ruben Gazarian erzählte das Orchester eine Geschichte in Noten: Boccherinis Teufelssinfonie als Musiktheater ohne Worte.

Genau das hatte sich auch Sharon Kam vorgenommen, als sie nun in ihrer Heimatstadt das Programm ihrer neuen CD vorstellte: Der Plattentitel „Opera!“ war auch das Motto des Konzertes. Das wirft Fragen auf: Wie soll eine Klarinettistin einen Opernabend geben? Sharon Kam hat eine ungewöhnliche Lösung gefunden: Mithilfe des Komponisten und Arrangeurs Andreas N. Tarkmann hat die israelische Klarinettisten, die seit Jahren in Hannover wohnt, Stücke von Komponisten der italienischen Oper als neues Repertoire für ihr Instrument gewonnen. Dabei ist sie weit entfernt davon, einfach die Gesangspartien bekannter Arien auf der Klarinette zu spielen. Selbst die neuen Versionen der Mezzosopran-Bravourstücke aus Rossini-Opern sind keine wörtliche Übertragung – die Arrangements übersetzen die Kombination aus Melodie und Worten vielmehr in eine verblüffend aussagekräftige, eigenständige Instrumentalsprache.

Ihre Übervirtuosität wirkt leicht und beiläufig

Natürlich erzählt Kam in der Klarinettenfassung von „Nacqui all’affano“, der Eröffnungserie des Abends, keine Geschichte. Und doch fühlt man sich als Zuhörer von diesen Klänge sofort angesprochen. Nur zu gerne lässt man sich von der „Rossini-Walze“ überrollen, die in diesem Stück von einem feinmechanischen Wunderwerk angetrieben zu sein scheint. Die Koloraturen der ursprünglichen Gesangspartie sind noch weiter aufgezogen und scheinen nun die Grenzen des Möglichen zu überschreiten: So kleinteilig und schnell können Töne doch eigentlich gar nicht durch die Oktaven rasen. Bei Kam allerdings wirkt diese Übervirtuosität so leicht und beiläufig, als wäre das auch im doppelten Tempo kein Problem. Wenn sie beim Spielen mit dem ganzen Körper temperamentvoll hin- und herschwingt, sieht das dann auch nicht im Geringsten nach Anstrengung aus. Kam scheint mit ihrem Instrument zu tanzen.

Das kann sie nicht nur in wilden Kapriolen, sondern auch sehr zart und innig. Anlass dazu geben etwa die Bearbeitung von einigen raren Liedern der ansonsten auf große Opern festgelegten Komponisten Verdi und Puccini. In Verdis Romanzen aus seinen „Composizioni da camera“ zeichnet Kam ein sehr intimes Porträt des italienischen Nationalkomponisten. Fast schmerzhaft zerrissen tönt seine Musik hier manchmal, und auch in der schönsten Melodie schwingt eine Melancholie mit, die den Zuhörer einen Moment sprachlos machen kann. Und auch Puccinis „Canzonen“ klingen zwar wunderbar sentimental aber gänzlich frei jeden Kitschverdachtes.

Worte vermisst man in keinem Moment

Denn so staunenswert Kams technische Fähigkeiten sind, so groß ist auch ihre Phrasierungskunst: Sie kann weite Bögen spannen, ohne dass die Musik an rhythmischen Biss verliert. Jede Note ist klar und deutlich artikuliert und schmiegt sich doch so weich und natürlich an die folgenden, dass der Klang weiter- und weitergetragen wird, bis er endlich das angestrebte Ziel erreicht. Ausdrucksvoller kann man wohl nicht musizieren – die Worte, die diesen Liedern hier ja fehlen, vermisst man zu keinem Moment.

Gänzlich zum Ereignis wird das Konzert, bei dem − erstaunlich für ein Heimspiel einer Künstlerin wie Kam – einige Reihen im Funkhaus leer blieben, bei einer musikalischen Entdeckung: Die von Tarkmann bearbeiteten Orchesterzwischenspiele aus Opern des deutsch-italienischen Komponisten Ermanno Wolf-Ferrari vom Anfang des vergangenen Jahrhundert klingen phantasievoll, interessant und mitreißend und sind so perfekte Vorlagen für eine perfekte Musikern wie Kam. Am liebsten würde man viel mehr davon hören . In Hannover aber bleibt es bei einer Zugabe: ein Bolero von Rossini.

Am 11. Dezember spielt Sharon Kam mit dem Pianisten Markus Becker und dem Cellisten Gustav Rivinius bei Kammermusik Hannover im Beethovensaal, Karten: (0511) 323581.

Von Stefan Arndt

Mehr zum Thema
Kultur Auftakt der Wiener-Klassik-Konzertreihe - Ode an die Klarinette

Mit Mozart, Spohr und Mendelssohn eröffnete die Klassische Philharmonie Bonn das erste der vier Hannover-Konzerte ihrer Wiener-Klassik-Reihe im großen NDR-Sendesaal.

01.10.2013

Das Blockflötenorchester der Epiphaniasgemeinde in Sahlkamp besteht seit 45 Jahren – und sucht neue Mitstreiter.

Susanna Bauch 21.11.2012

Hannover will künftig international mit einem neuen musikalischen Gütesiegel auf sich aufmerksam machen. Die Stadt stellte dazu am Mittwoch ihre Bewerbung für die Auszeichnung „City of Music“ der Unesco vor.

Sonja Fröhlich 26.06.2013
Kultur Regisseur Verhoeven - Aufstehen und widersetzen
Daniel Alexander Schacht 08.11.2013
Kultur Erdmöbel im Musikzentrum - Kung Fu in Rosa
11.11.2013