Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Shaw: „Ideen entstehen aus dünner Luft“
Nachrichten Kultur Shaw: „Ideen entstehen aus dünner Luft“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:07 03.08.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Ali Shaws Debütroman „Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“ war ein großer Überraschungserfolg und wurde in 18 Sprachen übersetzt. Quelle: Archiv
Anzeige
Hannover

Die Fragen stellte HAZ-Redakteur Ronald Meyer-Arlt.

Mr. Shaw. Das ist ja ein merkwürdiger Titel für einen Roman: „Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“. War es immer klar, dass der Roman so heißen sollte, oder haben Sie auch an einen anderen Titel gedacht?

Anzeige

Ich habe nie den Drang verspürt, irgendwie zu verheimlichen, um welche Art von Geschichte es sich hier handelt. „Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“ ist ein Buch, in dem Magie ganz real wird - und die Leser sollten das von Anfang an wissen. Ich denke, dass Magisches und Mythisches für die Fiktion genauso wichtig sind wie für die Wirklichkeit. Und beides ist ganz sicher für die Figuren in meinem Buch sehr wichtig.

Sie erzählen von einem Mädchen, dessen Füße sich langsam in Glas verwandeln - und der Vergläserungsprozess geht immer weiter die Beine hoch. Wie sind Sie auf diese kuriose Idee gekommen?

Es fühlt sich an, als ob Ideen irgendwie aus dünner Luft entstehen. Ich kann tagelang an meinem Schreibtisch sitzen und versuchen neue Szenen zu erträumen - und am Ende kommt nichts Gutes dabei heraus. Dann aber stehe ich in der Schlange im Supermarkt, oder ich sitze im Bus oder bringe den Wertstoffmüll raus, und plötzlich habe ich eine Idee, in der ich einen ganzen Roman erkennen kann. Die Idee für „Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“ hatte ich, als ich auf einer Rolltreppe im Bahnhof stand. Plötzlich hatte ich das Bild von zwei gläsernen Füßen, Mädchenfüßen, vor mir, und mir war klar, dass es sich um echte Füße handelt, nicht um die Füße einer Statue. Ausgehend von diesem Bild habe ich dann die ganze Geschichte konstruiert.

Es handelt sich dabei um ein Märchen?

Nein, aber es ist so etwas wie ein Märchen. Ich habe viele Märchen gelesen, und ich glaube, dass Märchen mächtige Texte sind. Aber sie weisen einige Besonderheiten auf, die nicht gut zu einem Roman passen. Märchen sind in der Regel kürzer, und oft unterliegt ihre Geschichte einem Wandlungsprozess. Märchen haben zweideutige Charaktere, die manchmal genauso gut in einem anderen Märchen auftauchen können. Märchen sind natürlich voller Magie, aber die Märchenmagie ist eine besondere Art von Magie: Sie reicht tief hinab in das, was unsere Menschlichkeit ausmacht. Ich rede hier nicht von Disney-Märchen, sondern von den ursprünglichen, den wirklich unheimlichen Märchen, von diesen Geschichten, in denen Menschen gegessen werden oder sich in roten Schuhen zu Tode tanzen.

Was ist das Besondere an dem Märchen?

Diese Geschichten erzählen uns mehr davon, was es heißt, lebendig zu sein, als all die realistischen Erzählungen. Die Magie der Märchen ist eine Metapher für all das Irrationale und Leidenschaftliche in uns. Und für all das, was uns erschreckt.

In Ihrem Roman gibt es die Verwandlung des armen Mädchens, es gibt winzige geflügelte Rinder, die um die Stalllampe herumschwirren und ein Tier, das in der Lage ist, alles weiß zu färben, was es anschaut. Andererseits gibt es Midas, einen echten Fotografen mit einer echten elektronischen Kamera. Und er erlebt eine echte Liebesgeschichte. War es schwierig, die Welt des Möglichen und die Welt des Unmöglichen so zu gestalten, dass sie miteinander harmonieren?

Ich habe versucht, es so zu machen, dass man das nicht als zwei unterschiedliche Welten wahrnimmt. Es ist eine Welt, in der beides vorkommt: das, was wir für real halten und auch das Phantastische. Wichtig ist, dass die phantastische Seite der Welt genauso fehlerhaft und zerbrechlich sein kann wie die reale. Es geht dabei ja nicht darum, eine Art der Magie zu beschreiben, die keinen Gesetzen gehorcht und die Probleme aller Menschen löst. Diese Art von Magie würde uns ja nichts über uns und über die Welt erzählen. Die Magie in meinem Buch hängt immer mit dem zusammen, was die Charaktere gerade denken und fühlen.

Das Buch wurde bereits in 18 Sprachen übersetzt. Welche Leserreaktionen haben Sie besonders berührt?

Ich finde es ganz erstaunlich, dass das Buch in all diese Sprachen übersetzt wurde. Und ich finde es immer noch erstaunlich, dass es überhaupt veröffentlicht wurde. Romane zeichnen oft die Gefühle nach, die der Autor beim Schreiben hatte - es erstaunt mich immer wieder von einem Mädchen in Rio oder einem Jungen in Seoul zu hören, die das gleiche fühlen wie das, was ich beim Schreiben gefühlt habe.

__________________________

Zur Person

Ali Shaw wurde 1982 geboren und wuchs in einer kleinen Stadt in Dorset, Großbritannien, auf. Nach seinem Abschluss in englischer Literatur an der Universität von Lancaster arbeitete er als Buchhändler und in einer Bibliothek in Oxford. Sein Debütroman „Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“ war ein großer Überraschungserfolg und wurde in 18 Sprachen übersetzt. Am 9. August drucken wir „Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“ als Fortsetzungsroman ab.

Kultur Starke Frauen im Kino - Warum Filmheldinnen so selten sind
03.08.2012
Kultur Filmfestival von Locarno - Alain Delon für Lebenswerk geehrt
03.08.2012