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Kultur „Shoah“-Regisseur Claude Lanzmann zu Gast in Hannover
Nachrichten Kultur „Shoah“-Regisseur Claude Lanzmann zu Gast in Hannover
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20:23 20.09.2011
Von Daniel Alexander Schacht
„Die Palästinenser sind stark in der Propaganda, aber die Israelis sind keine Opfer mehr“: Claude Lanzmann, Philosoph, Autor und Regisseur. Quelle: dpa
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Hannover

Unerschrocken hockt er auf der Straße, unverwandt mustert er den Mann hinterm Lenkrad, den er zur Vollbremsung gezwungen hat, dann erst hoppelt er davon. „Da platzte die Freude aus mir heraus“, sagt Claude Lanzmann, dem dieses Erlebnis in Patagonien zum Titel seiner Autobiografie „Der patagonische Hase“ verholfen hat.

Welch ein Sinn für Allegorien, was für eine Persönlichkeit, welch ein Leben! Mit 15 Jahren bei Clermont-Ferrand im Untergrundversteck vor den Nazis, mit 18 Widerständler und Partisan, keine fünf Jahre später erst Philosophiestudent in Tübingen, dann Reporter für „Le Monde“ aus dem geteilten Berlin: Lanzmann, hierzulande vor allem als Dokumentarfilmer über Israel („Pourquoi ­Israel“, 1972) und die deutsche Vernichtung der europäischen Juden („Shoah“, 1985) bekannt, hat sehr viel mehr Facetten. Er wird im Auftrag Jean-Paul Sartres verantwortlicher Redakteur von „Les Temps Modernes“, er ist über Jahre mit dessen Frau Simone de Beauvoir liiert, er war mit der jüdischen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff verheiratet.

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Was hat den Mann mit jüdischen Wurzeln, der sich mit diesem Hasen vergleicht, gleich nach dem Krieg ausgerechnet ins „Land der Täter“ geführt? „Ich konnte zu den Deutschen gehen, weil ich nicht geflohen war, weil ich sie bekämpft hatte“, sagt Lanzmann. „Und ich wollte es, weil Deutschland das Heimatland der Philosophie ist.“ Lanzmann hat seine Doktorarbeit über Gottfried Wilhelm Leibniz geschrieben, ein Berlin-Besuch ist für ihn oft mit einer Visite am Grab von Georg Wilhelm Friedrich Hegel verknüpft, einer „Wallfahrt“, wie er lächelnd hinzufügt.

Die Selbstironie zeugt davon, dass Lanzmann nicht nur gut mit der deutschen Geistesgeschichte vertraut ist. Der 87-Jährige ist höchst präsent und erfahrungshungrig, was ihn in diesen Tagen nach Niedersachsen und am Mittwochabend nach Hannover führt. Zuvor hatte er Auftritte in Göttingen und Stadthagen, wo er mit Oberstufenschülern diskutiert und ihnen seine Einsichten über die Tötungsmaschinerie der Nazis geschildert hat: Bei Recherchen zu dem Neunstundenfilm „Shoah“ stellte er fest, dass Zeitzeugen diese Maschinerie kaum beschreiben konnten. „In Auschwitz gab es keine Leichenberge wie in Bergen-Belsen, denn da ging es um Tötung ohne Zeugen“, sagt Lanzmann. Wer im Arbeitslager war, ahnte nur die Gaskammern, das „Herz des Systems“. Wer direkt nach der Ankunft vergast wurde, wusste nicht einmal, dass er in Ausch­witz war, die „Sonderkommandos“ an den Verbrennungsöfen wurden regel­mäßig selbst vergast. „Niemand war in Auschwitz“, sagt Lanzmann daher überspitzend. „Ich musste einen Film über das Nichts drehen, weil es keine Spuren gab.“ Es gelang ihm, weil er für „Shoah“ zwölf Jahre lang weder Geld noch Mühe scheute, um auch KZ-Aufseher zum Reden über ihre Verbrechen zu bringen.

Welch ein Engagement – für einen Mann, der von sich selbst sagt, er sei „ein ganz schlechter Jude“ und habe seinen „Fuß nie in eine Synagoge gesetzt“. Der Weg zur Beschäftigung mit dem Mord an den europäischen Juden und zum Einsatz für Israel führte Lanzmann über seinen Kampf gegen den Kolonialismus und seine Kritik an Frankreichs Krieg gegen Algerien. „Kaum war Algerien unabhängig, wollten 100.000 Algerier zur Befreiung Palästinas gegen Israel kämpfen“, erinnert er sich. „Darum musste ich den Film ,Warum Israel‘ drehen.“

Aber muss für einen Mann, für dessen philosophisches Selbstverständnis Emanzipation und Selbstbestimmung zentrale Werte sind, nicht auch ein souveränes Palästina ein Ziel sein? „Gewiss, ich bin nicht dagegen“, räumt Lanzmann im Zwiegespräch ein. Doch der Schritt vor die Vereinten Nationen werde vielleicht nur neue Gewalt bringen, sicher aber keinen neuen Staat. „Die Palästinenser sind stark in der Propaganda, aber die Israelis sind keine Opfer mehr.“

„Der Patagonische Hase – Lesung und Gespräch“ mit Claude Lanzmann. Eine Veranstaltung der Corvinus-Stiftung zur Förderung der Evangelischen Akademie Loccum, Mittwoch, 20 Uhr, Cumberlandsche Bühne, Prinzenstraße 9, Hannover.