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Kultur Lewitscharoff rechtfertigt umstrittene Thesen
Nachrichten Kultur Lewitscharoff rechtfertigt umstrittene Thesen
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19:38 14.04.2014
Von Jutta Rinas
„Mannhaft mit dem Fäustle im Rücken“: Sibylle Lewitscharoff in Hannover. Quelle: Felix Schledding
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Hannover

Als „widerwärtig“ und „abartig“ hatte sie die Reproduktionsmedizin bei ihrem Vortrag vor etwa vier Wochen bezeichnet. Modernes „Fortpflanzungsgemurkse“ hatte sie in den Kontext der Eugenik der NS-Zeit gerückt und Retortenbabys „zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas“, ja sogar „Halbwesen“ genannt. Damit hatte die 59-Jährige einen Entrüstungssturm quer durch die Republik ausgelöst.

Jetzt - bei einem Auftritt im prall gefüllten hannoverschen Literaturhaus - rechtfertigt sie sich. Thema des Abends ist eigentlich ihr neues Buch, der Krimi „Killmousky“ (Suhrkamp, 223 Seiten, 19,95 Euro), der am Montag erscheint. Aber aus aktuellem Anlass führt der Moderator, NDR-Kultur-Redakteur Joachim Dicks, mit der Autorin ein Gespräch über ihre Thesen, bevor es um den vergleichsweise harmlosen Mäusekiller in „Killmousky“ geht.

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Wenn man „so etwas“ schreibe, sagt Lewitscharoff, dann habe man Konkretes vor Augen. Bei ihr sei es ein Gespräch mit einem Freund ihres Vaters, eines Gynäkologen, gewesen. Der habe ihr vor 16, 17 Jahren von einem Institut in Dresden und dessen Versuchen zur Rassenzüchtung in der NS-Zeit erzählt. Diese seien durchaus mit manchen Tendenzen der künstlichen Befruchtung von heute vergleichbar. Wer aufmerksam zuhört, stutzt schon hier. Ein Gespräch mit einem Freund des Vaters ist die Quelle für Lewitscharoffs Thesen gewesen? Keine Recherche, die - wie in der Debatte der vergangenen Wochen mehrfach thematisiert - ergeben hätte, dass die Nationalsozialisten jede Art von künstlicher Befruchtung abgelehnt haben? Man wundert sich.

Aber es kommt noch dicker. Denn Lewitscharoff führt als zweite Referenzquelle für ihre Zweifel an der modernen Reproduktionsmedizin ihre Zahnärztin ins Feld. Die habe erst unlängst wieder von einer 60-jährigen Russin berichtet, die mit einem 45-jährigen Liebhaber ein Kind haben wollte und dafür eine Leihmutter aus der Ukraine engagiert habe. Das Verstörende ist auch in diesem Moment nicht nur das Fehlen jedes wissenschaftlichen Verweises, sondern der Tonfall. Die Büchnerpreisträgerin plaudert drauflos wie in den prüden fünfziger Jahren, als stünde eine Frau beim Nachbarschaftsklatsch am Beginn eines profanen „Hast du auch schon gehört, die Soundso kriegt ein Kind vom Soundso“-Gesprächs. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass sie sich im Jahr 2014 befindet - und jetzt nicht mehr der uneheliche Seitensprung, sondern das homosexuelle Paar mit dem Retortenbaby der Anlass für das „Skandal“-Gerede aus Volkes Munde ist. Und noch verblüffender ist, dass sie auch die jüngsten Einwände gegen ihre Ressentiments schlicht ignoriert.

„Abertausende Kindern, die im Dreck verelenden“

Es wird an diesem Abend immer wieder deutlich, dass nicht die Sache, sondern die Erregung darüber das eigentliche Anliegen von Sibylle Lewitscharoff ist. Das zeigt sich, wenn sie sich in Rage redet - und in erstaunlicher Geschwindigkeit die Themen wechselt. Von den „Abertausenden Kindern, die im Dreck verelenden“, und den Retortenbabys, die gleichzeitig mit großem technischen Aufwand produziert würden, ist es für sie ein Katzensprung zu den Samenspenderkatalogen in den USA, die „ziemlich hart an der Rassenzüchtung sind“. Ehe man sich’s versieht, ist man schon bei „ziemlich verrückten Staaten wie Nordkorea“ angelangt. Dort könne man sich doch vorstellen, dass die jeweiligen Diktatoren sich „eine kleine Leibgarde züchteten“. Die Unlust an der Auseinandersetzung mit der Sache wird auch deutlich, als Moderator Dicks die Büchnerpreisträgerin mit den heftigen Vorwürfen ihrer Gegner konfrontiert („Volksverhetzung, Klerikalfaschismus“). Mit burschikosem Charme und erstaunlicher Lässigkeit lässt sie diese an sich abprallen. Natürlich habe sie an zwei oder drei Stellen einen Bock geschossen. Das bedauere sie, sagt sie. Aber sie sei kein „verheultes Süßlein“. Wer eine scharfe Lippe riskiere, dürfe nicht „das beleidigte Leberwürschtle“ spielen, verfällt sie an solchen Stellen in den Tonfall der schwäbischen Unschuld. Kritik müsse man „mannhaft“ und mit dem „Fäustle im Rücken“ ertragen.

Die Konsequenz ist: Das Publikum bestaunt Lewitscharoffs rhetorisches Geschick und ihre Nehmerqualitäten. Es goutiert ihren Wortwitz, amüsiert sich, lacht. Ein ernsthaftes Gespräch über die „Menschheitsfrage“ (O-Ton Lewitscharoff), wie wir uns künftig fortpflanzen, entsteht nicht - und erstaunlicherweise wird es offenbar auch nicht vermisst. Zwischenfragen, kritische Wortmeldungen, wie noch bei einer Lesung Lewitscharoffs bei der Lit.Cologne in Köln vor einigen Wochen, gibt es jedenfalls nicht.

Es gehört zu den Absonderlichkeiten dieses Abends, dass es in demselben zwanglosen Tonfall mit dem Gespräch über „Killmousky“ weitergeht. Aber hier passt der Tonfall der Autorin, ihr Sprachwitz, ihre Fähigkeit, menschliche Schwächen mit spöttischen Worten aufzugreifen. Der erste Krimi der Büchnerpreisträgerin handelt von einem aus einfachen Verhältnissen stammenden Kriminalhauptkommissar, den es wegen eines Mordfalls nach New York verschlägt. Richard Ellwanger heißt der Verhörspezialist, der wegen eines Foltervorwurfs bei einer Vernehmung aus dem Dienst entlassen wird und daraufhin als eine Art Privatdetektiv von dem Millionär Howard Clayton Trevillyan engagiert wird, um den Tod seiner Tochter Vicky aufzuklären.

Mit der sprachmächtigen Verspieltheit früherer Romane wie in „Pong“ (1999) hat „Killmousky“ ebenso wenig zu tun wie mit Lewitscharoffs bilderreichem, äußerst komplexen Spiel mit Verweisen in „Blumenberg“ (2011), einem vielgelobten Roman über den gleichnamigen Philosophen.

Provinzpolizist versus Welt der Superreichen ist diesmal die Devise. Und mit viel Ironie und genauem Blick fürs Detail spießt Lewitscharoff in ihrem leider ansonsten etwas spannungsarmem Krimi gesellschaftliche Verhältnisse auf. Bei ihrer Lesung im Literaturhaus schlüpft sie teilweise förmlich in ihre Figuren, zeigt, dass sie auch aus einer für sie ungewöhnlichen Konstellation Funken schlagen kann. Beim Thema Reproduktionstechnologie dagegen stehen ihr, so zeigt dieser Abend, ihre Übertreibungen, Zuspitzungen, eher im Weg.

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