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Nachrichten Kultur Simon Rattle dirigiert das London Symphony Orchestra in Hannover
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00:17 03.05.2018
Keine Ermattung: Simon Rattle. Quelle: dpa
Hannover

 Was bewirkt diese Musik? Was spricht sie im Menschen an, dass mehr als 3000 Zuhörer im hannoverschen Kuppelsaal wie versunken in sich hineinhorchen, nachdem sie verklungen ist? Fast zehn Sekunden herrscht absolute Stille im größten deutschen Konzertsaal, selbst als Dirigent Simon Rattle seine Anspannung löst und die Arme sinken lässt bleibt es noch einen erstaunlichen Moment lang ruhig, bevor endlich der Beifall anschwillt. 

Simon Rattle dirigiert das London Symphony Orchestra

Stille nach dem letzten Ton eines Konzertes kommt manchmal vor – doch so lange, so tief und in einem derart vollen Raum wie nach dieser Aufführung von Gustav Mahlers 9. Sinfonie, ist sie nur sehr selten zu erleben. Es ist, als hätten die Zuhörer eine besondere Erfahrung gemacht, als hätte ihnen die Musik etwas Geheimnisvolles, vielleicht Wunderbares offenbart, das sie in sich zu bewahren suchen, bevor sie sich öffnen und laut in die Hände klatschen können. Was eben noch klar ausgesprochen schien, hat sich dann schon wieder verflüchtigt. Zu fassen ist auch diese Musik nicht. Es bleibt die Stille, die ihr folgt: Man war wohl nicht der einzige, der sich hier gerade angerührt gefühlt hat.

Mahlers letzter vollendeter Sinfonie, die nun als einziges Werk auf dem Programm des Pro-Musica-Konzertes stand, eilt der Ruf des Metaphysischen voraus. Sie gilt als autobiografisch durchtränkter Abschiedsgesang des kranken und abgläubischen Komponisten, der sich fest einbildete, nach Beethoven und Bruckner könne auch er nicht mehr als neuen Sinfonien schreiben. 

Ein tönendes Lebenswerk

Doch an diesem Abend ist wenig zu hören von der Verbitterung und Resignation, die Mahler in seinen letzten Lebenjahren empfunden haben mag angesichts seiner gefühlten Erfolglosigkeit als Komponist, seiner spektakulär und öffentlich gescheiterten Ehe und der zunehmenden Judenfeindlichkeit, die ihn aus Wien und Europa vertreiben sollte. Das London Symphony Orchestra spielt die Musik unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Rattle so kraftvoll und scharfkantig, aber auch so voll und licht bis in die Fast-Unhörbarkeit des leise ausschwingenden Finales hinein, dass von Ermattung hier nie die Rede sein kann. 

Charakterkopf: Sir Simon Rattle. Quelle: dpa

Rattle erinnert zudem daran, dass diese letzte Sinfonie immer wieder frühere Werke des Komponisten in sich aufnimmt. Mahler verwendet allerdings nie direkte Zitate, sondern nur Anklänge – musikalische Gesten, die er ähnlich schon andernorts verwandt hat. Durch Rattles Detailschärfe und souveräne Übersicht ist das im Kuppelsaal ungewöhnlich deutlich zu hören: die sehnsuchtsvolle Trompete als Erinnerung an das Posthorn der dritten Sinfonie, die Totentanz-Flöte aus der zweiten, die plötzliche unheilvolle Eindunklung eines Motivs aus der sechsten und die geharften Herzryhthmusstörungen aus dem „Lied von der Erde“. Mahlers Neunte ist keine Abschiedsinfonie, sie ist im Gegenteil ein tönendes Lebenswerk: kein Zeugnis der Depression, sondern voller Wärme und Licht.

So etwas wie Frieden

Die Musiker aus London fächern die unterschiedlichen Klangspektren sehr weit auf. Rattle scheint dabei gerade die grellen Farben und schroffen Gegensätze zu genießen, die man bei seinem bisherigem Orchester – den auf Wohlkang bedachten Berliner Philharmonikern – in der Regel zu vermeiden sucht. Vor allem in den ersten Sätzen tönt die Musik so besonders zerrissen, immer wieder aufbrausend und nicht selten auch aggresiv.

Umso wirkungsvoller ist dann die große Wärme und Klangschönheit im letzten Satz, der die Sinfonie, der Mahlers ganzes Werk in Balance und zur Ruhe bringen scheint. Rattle legt es nicht darauf an, den Klang aufzulösen, wie viele seiner Kollegen es hier anstreben. Bei ihm bleibt der Klang bis zum sehr leisen Schluss plastisch und konsistent – das Herz der Musik hört nicht auf zu schlagen. Die Sinfonie bleibt an diesem großen Abend eindeutig im Diesseits. Eher als den Tod findet man in ihr so etwas wie Frieden.

Von Stefan Arndt

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