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Kultur „Sind im Garten“: Kunst rund ums Wilhelm-Busch-Museum
Nachrichten Kultur „Sind im Garten“: Kunst rund ums Wilhelm-Busch-Museum
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09:21 04.07.2009
Tom Otto hat Stühle in Bäumen arrangiert.
Tom Otto hat Stühle in Bäumen arrangiert. Quelle: Martin Steiner
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Fast 400 Stühle hat der Künstler für sein Werk arrangiert.

Als symbolische Stellvertreter des Menschen stehen die Stühle diszipliniert in einer langen Schlange, deren Ordnung sich abrupt auflöst wie infolge einer plötzlichen Katastrophe, worauf sie, archaischen Instinkten gehorchend, in den Schutz des Baumes flüchten. Ein ebenso poetischer wie präziser Kommentar zum aktuellen Stand der Dinge.

Sein Bruder Michael F. Otto glänzt dagegen mit einem lakonischen, diskreten und minimalistischen Eingriff. Ein banales Stahlgeländer auf der Rückseite des Wilhelm-Busch-Museums, industrielle Massenware der fünfziger Jahre, hat er mit einer leuchtenden Haut von Blattgold überzogen und es solchermaßen geadelt. Blattgold findet sich traditionell auch an der Fassade des Hauses, wo goldene Buchstaben auf das Museum für Karikatur und kritische Grafik hinweisen.

Zudem bewehrt das goldene Geländer eine Treppe, die in das Depot, mithin in die Wunderkammer des Museums, führt. Einziger Wermutstropfen bei der Betrachtung dieser klugen Arbeit ist die Erinnerung daran, dass die hannoversche Künstlerin Ulla Nentwig schon seit Jahren mit demselben Material ähnliche nobilitierende Interventionen im öffentlichen Raum betreibt.

Auch die anderen Künstler der Ausstellung „Sind im Garten“, einer Veranstaltung der Gartenregion Hannover, legen mit ihren Arbeiten Ehre ein – indes, wie es bei einer Gruppenausstellung nun einmal ist, mal mehr, mal weniger. Ebenfalls im Georgengarten hat Kerstin Vorwerk eine schlanke, weiße Holzskulptur errichtet, die Assoziationen an einen Hochsitz und eine Himmelsleiter beschwört.

Für die Künstlerin ist ihre Arbeit eine Auseinandersetzung mit dem „Jäger in uns“, aber diesem Jagdinstinkt kann und soll natürlich nur gedanklich nachgegangen werden. Zugang und Ausblicke des Werks sind verspiegelt, sodass es ausschließlich zur Betrachtung, nicht zur Benutzung dient.

Noch stärker in der Wirklichkeit verankert ist das Werk von Stephanie Link und Kai Wetzel. Es zeigt eine stählerne Drehtür, wie wir sie oft beim Zugang zu U-Bahnen, Stadien, Schwimmbädern oder dergleichen zu passieren haben. Das Künstlerpaar hat sein Readymade mit blauweißen Schildern mit den Aufschriften „Vorher“ und „Nachher“ versehen, wodurch das Studium des Objekts dem Betrachter Anlass geben soll, über die verrinnende Zeit nachzudenken. Großer Aufwand bei kleinem Ertrag.

Unter dem Motto „Sind im Garten“ gibt es in Hannover Kunstinstallation zu bewundern.

Das lässt sich auch für den schwarzen Kunststofftank von Frank Bartz sagen, ein Monstrum, das sich normalerweise schamhaft unter der Erde versteckt, wo es das menschliche Auge nicht stört. Bartz hat ihn zum Klangkörper umfunktioniert mit einer Partitur, die von außen durch den Einfall von Licht und Schatten gesteuert wird.

Fragiler sind die Plastiken, die Klaus Fleige errichtet hat. Einfache Kisten aus Holzlatten und blauem Kunststoff. Sie erinnern an Module der Minimal Art, für die sie aber zu unvollkommen und provisorisch sind.

Das Provisorische macht sie zum sozialen Menetekel, rückt sie bewusst in die Nähe von Behelfsunterkünften für Obdachlose, deren Zahl auch bei uns größer wird. Ihre politische Dimension verbindet sie mit den Schildern von Reinhard Stoppe, die er für den Kaffeegarten des Wilhelm-Busch-Museums entworfen hat. Auf den Tischen findet der Besucher dort nun für die Zeit der Ausstellung Hinweise, dass dieser oder jener Tisch von den pleitegegangenen Lehman Brothers gesponsert wurde oder von der mit Gensaatgut in die Kritik geratenen Firma Monsanto oder von der Waffenschmiede Krauss-Maffei.

Steht hier vor dem Kaffeegenuss die Aufforderung an den Besucher, über gesellschaftliche Fragen nachzudenken, wird er bei seinem Spaziergang im Museumsgarten durch die schöne Arbeit von Sabine Schneider-Pungs ganz und gar mit sich selbst konfrontiert. Auf braun schimmernden Urnen liest er die Namen von Lastern wie Zorn, Lüge, Angst, Neid, die an die sieben Todsünden erinnern.

Hebt er die Deckel der Gefäße hoch, erfährt er auf den Innenseiten, was in solchem Fall Abhilfe schaffen kann, also Geduld, Aufrichtigkeit, Mut oder Generosität. Ganz klar: Diese Urnen wollen später nicht die Asche unserer Sünden tragen. Die Arbeit ist der eindrucksvolle Abschluss einer Ausstellung, deren Besuch man nicht nachdrücklich genug empfehlen kann.

von Michael Stoeber

Bis zum 9. August, vor und hinter dem Wilhelm-Busch Museum.