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Kultur Felsbrocken im Gebirge
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08:10 04.06.2014
Von Jutta Rinas
Agil und plastisch: Die Academy of St Martin in the Fields unter Sir Neville Marriner im hannoverschen Kuppelsaal. Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Es war ihr größter Hit – und zugleich das Werk, das die Academy of St. Martin in the Fields eine Zeit lang ganz aus ihren Programmen verbannte. Nachdem sie Mozarts Klavierkonzert in d-Moll KV 466 1984 für Milos Formans Film „Amadeus“ eingespielt hatte – strich sie es erst einmal aus den Auftrittslisten, um nicht dauerhaft auf ihren größten Erfolg reduziert zu werden.

Jetzt war Mozarts Opus im hannoverschen Kuppelsaal aber wieder einmal zu hören. Aus bemerkenswertem Anlass: einer Art allerletztem Auftritt nach dem letzten. Vor drei Jahren hatte Sir Neville Marriner nach 40 Jahren Zusammenarbeit mit der Konzertdirektion Schmid in Hannover ein umjubeltes Abschiedskonzert gegeben. Jetzt kam der Gentleman unter den Dirigenten wieder: mit einem Konzert anlässlich seines 90. Geburtstags. Mozarts für die Academy so zentrales d-Moll-Konzert hatte er aber nicht aus Sentimentalität im Gepäck, sondern auf Wunsch von Daniil Trifonov, dem Solisten des Abends.

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Zwei herausragende Künstler, einer, der Klassikgeschichte geschrieben hat, und einer, der sie noch prägen wird, trafen an diesem Abend aufeinander. Marriner ist 1924 geboren, Trifonov ist 23 Jahre alt. Es wurde – nach anfänglichen Irritationen – eine Begegnung der denkwürdigen Art.

Für ein paar unruhige Momente zu Beginn sorgte das „Allegro“. Marriner traf zwar die von den bedrohlichen Streicher-Synkopen und den unheimlichen Vierton-Schleifern in den Bässen ausgehende, düster-geheimnisvolle Stimmung des Mozart-Klavierkonzertes genau. Insgesamt ging er den Satz aber eher bedächtig an. Zu bedächtig, zumindest für Teile der Academy, die hörbar aufs Tempo drückten, – und definitiv zu gemächlich für einen Pianisten, der mit seinem nach den Worten von Martha Argerich zugleich „sanften und dämonischen“ Klavierspiel bekanntermaßen zu Extremen neigt.

Als nach 76 Takten zum ersten Mal das Klavier erklang, wurde in Sekundenschnelle klar, was das Spiel dieses jungenhaft und schmächtig wirkenden Pianisten so herausragend macht. Es sind nicht nur sein unerhört klarer, großer Ton in der rechten Hand und dazu die so eigenständige Linke, mit der er selbst sparsam gesetzte Begleitstimmen zum Ereignis macht. Jeden einzelnen Ton der durch den Oktavsprung zu Beginn gespreizten und doch anmutig und schlicht wirkenden Melodie Mozarts kostet er aus. Jede noch so kleine Steigerung zeichnet er nach (auch später in der Romanze), dehnt Tonzwischenräume manchmal bis an die Grenze des Erträglichen, streichelt die Tasten dann wieder, sanft und weich, kriecht förmlich ins Klavier, um die Intensität zu steigern.

Wie Felsbrocken in einem ohnehin schon zerklüfteten Gebirge isoliert er einzelne Motive in der sensationellen Kadenz des ersten Satzes, meißelt sie in die Tasten und stellt sie zugleich unvermittelt neben Melodien voller Schönheit: So unerhört kühn und dabei nie manieriert hat man diese Kadenz nie gehört.

Nach dem zugegebenen „Infernal dance“ aus Strawinskys „Feuervogel-Suite“ gibt es zum ersten Mal an diesem Abend stürmischen Applaus. Am Ende stehen die rund 2200 Besucher im Kuppelsaal und feiern „ihren“ Sir Neville Marriner, die Academy und nicht zuletzt auch den Norddeutschen Figuralchor und den (im Programmheft unerwähnt gebliebenen) hannoverschen Bachchor unter Leitung Jörg Straubes.

Kein Wunder: Hatten sie doch auch, gleich zu Beginn des Konzerts, einen Pultstar erlebt, der uneitel und effektiv in Mozarts Haffner-Symphonie noch einmal die großen Qualitäten der Academy herausarbeitete – die Ausgewogenheit, die Plastizität, die ungeheure Frische dieser Musik.

Auch in Haydns „Nelson-Messe“ zeigte sich Marriner bemerkenswert agil und druckvoll, ganz anders beispielsweise als vor zwei Jahren der vom Alter gezeichnete, an Parkinson leidende Kurt Masur im Kuppelsaal. Klar und differenziert und zugleich leidenschaftlich agierend beeindruckte zudem nicht nur das Quartett der Gesangssolisten.

Hervorzuheben sind ausdrücklich der hannoversche Bachchor und der Norddeutsche Figuralchor, die die Schönheit der Messe Haydns in ihrer ganzen Kraft und Vielfalt erstrahlen ließen. Die Konzertdirektion Schmid hatte der Academy die Zusammenarbeit mit den Chören empfohlen. Das verlieh diesem denkwürdigen Abend noch eine ganz besondere Note.

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