Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Jung oder glücklich
Nachrichten Kultur Jung oder glücklich
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 18.11.2015
Sissi Perlinger begeistert im Pavillon mit ihrem Programm "Ich bleib dann mal jung". Quelle: Michael Wallmüller
Anzeige
Hannover

Ihre Oma hat ihr gesagt: „Wer nicht älter werden will, muss sich früh aufhängen.“ Das wollte sie dann doch nicht. Sie will: „Jung sterben. Aber so spät wie möglich.“ Was, wenn das alle wollen, zu gesellschaftlichen Problemen führt: „Die Kosten im Gesundheitswesen explodieren. Die Rentner leider nicht.“

Sissi Perlinger war mit ihrem Programm "Ich blieb dann mal jung" im Pavillon.

Die Kabarettistin Sissi Perlinger hat sich am Freitagabend im knallvollen Pavillon des Älterwerdens angenommen, mit ihrem Soloprogramm „Ich bleib dann mal jung“. In unzähligen Rollen, von der schusseligen Oma bis zur Scheherazade. Dass die Perlingerin die beste Fachfrau für das Thema ist, steht außer Zweifel: Schon Harvard-Studien haben erwiesen, dass man zum Älterwerden vor allem Humor braucht. Alter sei also eine Chance, jetzt, mit der gestiegenen Lebenserwartung: Inzwischen hätten sogar Männer Gelegenheit, erwachsen zu werden.

Anzeige

Und die Frauen bekommen auch ihr Fett weg. Etwa bei Perlingers Lob der Wechseljahre. Unter anderem wegen des Theaters mit der Verhütung: Wie Madame Perlinger dabei das Einsetzen eines Diaphragmas vorführt, das ist so furios, dass das Publikum vor Lachen fast zwischen die Stuhlreihen rutscht.

Im Grunde geht es beim Jungsein aus dem Programmtitel natürlich um das Jungsein im Kopf: „Wenn ich alt bin, will ich nicht jung ausschauen, sondern glücklich.“ Und die Kabarettistin entlarvt den Jugendwahn als Schachzug der Marketingbranche, um Bevölkerungsschichten, die noch nicht die kritische Klarheit der Älteren haben, allen möglichen Schund anzudrehen. Bei der Jugend seien doch sogar Drogen verschwendet: „Wo kein Bewusstsein ist, kann man auch nichts erweitern.“

Die Leute haben Tränen in den Augen. Und nicht immer nur Lachtränen, das zeichnet Sissi Perlinger aus: In der Rolle einer verlorenen Alten sagt sie, sie wünsche sich bloß, dass ihre Kinder so für sie da seien, wie sie für ihre Kinder dagewesen sei – und plötzlich ist es sehr still im Saal, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Dann sagt Sissi Perlinger: „Ich will mir auch mal Grießbrei in die Haare schmieren.“

Das Publikum, mehrheitlich schon in Sichtweite des Grießbreis, wiehert. Und danach steckt beides in den Menschen: ein Quäntchen mehr Bewusstsein. Und (noch) ein Quäntchen mehr Glück.

Bert Strebe

Kultur SDP im Capitol - Einmal mit alles, bitte!
15.11.2015
14.11.2015
Ronald Meyer-Arlt 13.11.2015