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22:46 18.07.2013
Von Johanna Di Blasi
Die Tortenschlacht aus dem Film „Battle of the Century“ von 1927 (Foto) diente als Vorlage für Alexej Koschkarows anarchische Tortenschlacht 2003. Quelle: CCA
Wolfsburg

Schlag auf die Nase, über Schuhe stolpern, Ziegelstein auf dem Kopf, in die Gitarre treten, auf der ­Bananenschale ausrutschen, Cremetorte ins Gesicht werfen: Das Kunst­museum Wolfsburg widmet sich in seiner neuen Ausstellung der Situationskomik. Unter dem Titel „Slapstick!“ sind Werke von Künstlern versammelt, die zwar nicht im Ruf stehen, „Kleinkünstler“ zu sein, deren Werke aber unübersehbar ­Momente des klassischen Slapsticks aufweisen: Bruce Naumann, Fischli/Weiss, Rodney Graham oder der selbst ernannte „Totalkünstler“ Timm Ulrichs. Diese werden tatsächlichen Berufskomikern wie Chaplin & Co. gegenübergestellt.

2003 veranstaltete der Künstler Alexej Koschkarow in Düsseldorf mit 30 Gästen in Abendgarderobe und 800 Kilogramm weißer Cremetorte eine stummfilmreife Tortenschlacht: als Feier handfester Anarchie und Hommage an Slapstick-Klassiker wie „Battle of the Century“ (1927) von Laurel und Hardy. Der früh gestorbene Gordon Matta-Clark hängt akrobatisch an den Uhrzeigern des Clocktower Buildings in Tribeca, New York, und putzt sich die Zähne – in unverkennbarer Anspielung an Harold Lloyds Film „Safety Last“ von 1923.

Der Künstler Steve McQueen steht in einem Video unversehrt in der Fensteröffnung einer wuchtigen umstürzenden Hauswand. McQueens krachende Slapstick-Nummer ist sogar ein direktes Reenactment einer tragikomischen Stummfilmszene von Buster Keaton („Steamboat Bill, Jr.“, 1928). Auch die berühmte Fließbandszene aus Charlie Chaplins „Modern Times“ (1936) hat ein Gegenstück in der zeitgenössischen Kunst: die endlos scheinende Kettenreaktion in „Lauf der Dinge“ (1987) von Fischli/Weiss.

An verschiedenen Stellen der herrlich schlamasseligen Schau sind Ausschnitte aus Stummfilmklassikern zeitgenössischen Videoarbeiten gegenübergestellt. Aber es gibt auch die präparierte Bananenschale, die am Boden des Kunstmuseums für Besucher ausgelegt ist (Wilfredo Prieto) oder Timm Ulrichs „ersten sitzenden Stuhl“ mit klappbaren Hinterbeinen. Vor Szymon Kobylarz’ „Fressenpolierer“ (2007) kann man sich hinsetzen. Ein netter Museumsgast könnte den Polierer dann mit Schmackes in Richtung Gesicht des Sitzenden in Gang setzen. Das wäre dann aber vielleicht nicht mehr lustig.

Tortenschlacht, Bananenschale, Kettenreaktion: Das Kunstmuseum Wolfsburg entlarvt in einer neuen Ausstellung moderne Kunst als Slapstick-Nummer.

Die „Slapstick!“-Schau resultiere keineswegs „aus Beobachtungen innerbetrieblicher Arbeitsabläufe im Kunstmuseum“, stellte gestern Museumsdirektor Markus Brüderlin klar, „Slapstick gibt es auch anderswo“. Die Kuratorin Uta Ruhkamp sagte, es gehe „weder darum, die symbolischen Antihelden der Stummfilmära mit einem kräftigen Tritt in die bildende Kunst zu katapultieren, noch darum, die Kunstwerke im Kontext des Slapsticks komischer erscheinen zu lassen, als sie sind“, sondern um die „ästhetischen Codes“ von Kunst und Slapstick.
Der Slapstick war ursprünglich ein Theaterrequisit aus der italienischen Commedia dell’Arte, ein biegsamer Stock, der laut klatschende Geräusche macht, ohne zu verletzen. Der „batacchio“ wurde ins Vaudeville-Theater übernommen, dem wiederum klassische Slapstick-Meister wie Chaplin, Keaton und Laurel entstammten. Durch Projektionen und Schnitttechniken konnte in Filmen die Komik-Rhythmik erheblich gesteigert werden.

Die Kunst kalkulierter Lacher funktionierte bei Aristophanes 400 vor Christus ebenso wie in der Gegenwart, wo beispielsweise die Slapstick-Komödie „Der Schuh des Manitu“ (2011) von Michael „Bully“ Herbig mit 11,7 Millionen Zuschauern einer der erfolgreichsten deutschen Filme wurde. Und das reale Leben spart auch nicht mit Slapstick. Im Internet findet man beispielsweise Listen mit Leuten, die eine Torte ins Gesicht geschleudert bekamen. Darunter sind ein Universitätskanzler, ein Anti-Gay-Aktivist und sogar Schwedens König, den 2001 ein 16-Jähriger mit einer Torte bewarf.

„...dann aber stellt sich eine andere Stimmung ein – und genau diese interessiert mich.“

Laut Chaplin, den der Schriftsteller Kurt Tucholsky einen „großen Philosophen“ nannte, gründet alle „elementare  Komik darauf, dass der Mensch in einer lächerlichen und peinlichen Lage handeln muss“. Die Künstler der Wolfsburger Ausstellung, die nicht zwischen Künstler und Komiker unterscheidet, erbringen nicht weniger als den Beweis, dass man selbst noch die überdrehteste Komik weiterdrehen kann: wenn beispielsweise Bruce Nauman im Endlosloop gegen eine Zimmerecke fällt („Bouncing in the Corner“, 1968) oder Peter Land in Endlosschleife vom Barhocker fällt. „Am Anfang lachen die Leute“, sagt Land, „dann aber stellt sich eine andere Stimmung ein – und genau diese interessiert mich.“

Scheitern, aber mit Würde: Auf diese Formel lassen sich die Werke der selbst alles andere als gescheiterten Wolfs­burger Schau bringen. „Slapstick!“ setzt ein Gegengewicht zur aktuellen Fixiertheit auf Erfolg und zur Tabuisierung von Schwäche. Vor dem Hintergrund der großen Systemfehler und Kontrollverluste unserer Zeit – auf dem Finanzmarkt oder im Überwachungsbereich – hat es etwas Befreiendes, über harmlose Arglisten, kleine Missgeschicke und lustvolle Überschreitungen von Normen zu lachen. Anarchischer Humor erscheint aktueller denn je.

Slapstick!“, vom 20. Juli bis 2. Februar im Kunstmuseum Wolfsburg, dienstags bis sonntags, 11 bis 18 Uhr, Eintritt 8 Euro. Informationen: (05361) 26 69 20.

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