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Kultur So gut ist die "Verkaufte Braut" in der Oper
Nachrichten Kultur So gut ist die "Verkaufte Braut" in der Oper
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13:48 12.12.2016
Von Stefan Arndt
Quelle: HAZ
Hannover

Schön ist das nicht. Das giftige Grün, das auf Plakaten, Tüchern und Schildern überall an und in der Staatsoper hängt, erinnert nicht an Wiesen oder Wälder. Es ist schmierig und falsch wie die heimatverbundene Firma Prolocal, die an diesem Abend anscheinend das Haus gekapert und die Aufführung der Oper „Die verkaufte Braut“ in eine Werbeveranstaltung umgemünzt hat. Der junge, vielfach ausgezeichnete Regisseur Martin G. Berger hat in seiner Version des Erfolgsstücks von Bedrich Smetana eine Rahmenhandlung konstruiert, die sich weit vom Original entfernt und doch viel über diese tschechische Nationaloper erzählt.

Fabian Gerhardt, der früher zum Ensemble des hannoverschen Schauspiels gehörte, führt darin als sinistrer Conférencier durch den am Ende erstaunlich einmütig beklatschten Abend. In seiner Opernshow sind die Figuren des Stücks Angehörige der ausgedachten Firma, die außer einer elektronischen Partnervermittlung jede Menge kruder populistischer Thesen und interner Konflikte im Sortiment hat. So seltsam diese Konstruktion, die den ursprünglichen Fluss des Stückes ständig unterbricht, zunächst auch erscheinen mag: Sie macht die beiden unterschiedlichen Grundthemen der „Verkauften Braut“ – die inhaltliche Komödie einer arrangierten Hochzeit und das formale Bemühen um ein erkennbar nationales Kunstwerk – gut sichtbar und gegenwärtig.

Man kann immer wieder staunen, wie frech, klug und unterhaltsam die Einfälle dieses Regisseurs sind. Berger hat neben den vollständig neuen gesprochenen Dialogen auch das klassische gesungene Libretto sprachlich beherzt aufpoliert und dabei beispielsweise aus dem verstoßenen Sohn Hans einen vermeintlichen Islamisten gemacht, der von den Strippenziehern nach Belieben mal Ali, mal Achmed und mal Mohammed genannt wird. Mit der Wahrheit nimmt es hier niemand so genau. Nur wenn das tatsächliche Geschehen gar nicht mehr zu ignorieren ist, wird die eigene Meinung eben sophistisch angepasst. So erzählt diese „Verkaufte Braut“ auch von einer Gegenwart, in der manche eine diffuse Furcht vor dem Fremden mit einem Ohnmachtsgefühl gegenüber angeblich manipulativen Medien verbinden.

Dabei bewahrt der Regisseur aber jederzeit den komödiantischen Tonfall des ursprünglichen Werks. Anders als die umstrittene hannoversche „Freischütz“-Deutung von Kay Voges, in der der Begriff der Nationaloper ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, bleibt Bergers Inszenierung immer so spielerisch und leicht, dass sie zu keiner Zeit ernsthafte Empörung hervorruft.

Das ist zugleich aber auch das große Problem dieser Arbeit: Sie ruft auch sonst wenig Emotionen hervor. Mit den schillernden, vielfach verspiegelten Bausteinen, aus denen sich die Inszenierung zusammensetzt, errichtet Berger einen Schutzwall aus Ironie, der verhindert, dass einen die eigentliche Oper erreichen kann. Es ist paradox: Der Regisseur hat das Stück konsequent und durchaus erfolgreich mit der Gegenwart kurzgeschlossen – und es damit doch denkbar weit von den Zuhörern entfernt.

Das spürt man vor allem am Bedeutungsverlust der Musik. Gerade weil Berger sein Konzept nicht einfach gegen die Partitur stellt, sondern sie gemeinsam mit dem Dirigenten Benjamin Reimers sehr musikalisch darin integriert hat, geht viel von dem Pathos verloren, das Smetanas Stück über die meisten anderen Singspiele seiner Zeitgenossen erhebt. Die Rezitative etwa werden in ein Talkshowformat einbezogen, bei dem sich Gesang und blöde Fragen nahtlos abwechseln. Und weil das Ensemble hervorragende Sängerdarsteller wie Shavleg Armasi (als Heiratsvermittler Kezal) hat, merkt man manchmal kaum, dass man in der Oper ist: Oft klingt der Abend mehr nach Plasberg als nach Smetana: So souverän Dorothea Maria Marx und Robert Künzli die Hauptpartien als Marie und Hans auch meistern – ihre großen Arien können darin nur wie Fremdkörper wirken.

Auch der Chor ist viel zu sehr damit beschäftigt, Freaks und Witzfiguren darzustellen, um die rhythmischen Funken überspringen zu lassen, die Smetanas Musik so populär gemacht haben. Und natürlich ist es eine interessante Idee, den berühmten Furiant erst nach der Pause zu spielen und die noch hereinströmenden Zuschauer dabei zum Teil des Bühnenvolks zu machen. Die mitreißende Wirkung, die dieser größte Hit der Oper entfalten kann, ist so aber trotz der Präzision des Staatsorchesters viel zu schnell verpufft.

Besser funktionieren die ohnehin komisch angelegten Szenen der Nebenfiguren. Beim Wenzel von Tivadar Kiss etwa kann man hinter der grotesken Figur das gewaltige Gewicht spüren, das Gefühle auslösen können. Enttäuscht von unerfüllter Liebe wird er am Ende sogar zum Amokläufer. Im allgemeinen Happy End stehen aber doch alle wieder auf. War nicht ganz ernst gemeint. Wie der ganze Abend.

Die nächsten Vorstellungen sind am 15. und 17. Dezember.

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