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Kultur So war der Auftakt der Hannah-Arendt-Tage
Nachrichten Kultur So war der Auftakt der Hannah-Arendt-Tage
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17:02 18.10.2017
Von Daniel Alexander Schacht
Im Kreise der Veranstalter: Yvonne Hofstetter mit Thomas Brunotte von der Volkswagenstiftung, Ralf Nemetschek von der Nemetschek-Stiftung und Oberbürgermeister Stefan Schostok.
Im Kreise der Veranstalter: Yvonne Hofstetter mit Thomas Brunotte von der Volkswagenstiftung, Ralf Nemetschek von der Nemetschek-Stiftung und Oberbürgermeister Stefan Schostok.  Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Yvonne Hofstetter braucht weder Rednerpult noch Manuskript. Sie spricht frei, flaniert auf der Bühne herum, richtet Fragen ans Publikum vor ihr, klebt nicht an den Bildern auf der Leinwand hinter ihr. Sie bietet damit geradezu eine Performance, fast so wie einst Apple-Chef Steve Jobs, auf den sie bald zu sprechen kommt. Und fast so wie ihr soeben auf der Buchmesse ausgezeichnetes neues Buch ist auch ihr Auftritt in der Galerie Herrenhausen betitelt - es geht um „Das Ende der Demokratie“ im Digitalzeitalter.

Die professionelle Präsentation zum Auftakt der Hannah-Arendt-Tage lässt ahnen, was Oberbürgermeister Stefan Schostok damit meint, dass die 20. Ausgabe der Reihe nicht nur aktueller und diskursiver, sondern auch lebendiger präsentiert wird.

„Wissen Sie, was Digitalisierung ist?“, lautet eine der Fragen, die Hofstetter dem Publikum stellt. Damit es nicht peinlich wirkt, dass keine Antwort kommt, hat sie zuvor verdeutlicht, dass nach Umfragen den meisten nichts dazu einfällt. „Mit der Digitalisierung“, lautet Hofstetters Antwort, „verwandeln wir die Welt in einen Computer.“

Wie das? Die Autorin, die auch Chefin einer Firma für Künstliche Intelligenz ist, erläutert es anhand zweier Fotos aus Rom. Das eine ist von 2005 und zeigt Trauernde über den Tod von Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz in abendlicher Dunkelheit. Auf dem anderen von 2013 sind Feiernde aus Anlass der Wahl von Papst Franziskus zu sehen - und lauter Lichtpunkte von Smartphones.

Gefahr für die Demokratie

Dazwischen liegt das Jahr 2007, in dem Steve Jobs das Iphone präsentiert und damit, wie Hofstetter es formuliert, „Sensoren über uns abgeworfen“ hat. Denn Smartphones sind eben nicht nur Telefone. „Sie geben damit ständig Auskunft über ihr Leben“, sagt Hofstetter, erinnert daran, dass die Geräte in den Hosentaschen der meisten zugleich Kreiselkompass, Geodatensystem, Lichtmesser, Mikro und Kamera, kurz: Datenstaubsauger sind - und fragt: „Haben wir eigentlich demokratisch darüber abgestimmt, überwacht zu werden?“

Nein, das haben wir nicht. Trotzdem geben wir mit der Smartphone-Nutzung unsere Daten bei Apple, Google, Facebook & Co. ab - so dass nicht nur Warenströme sondern auch menschliches Handeln digital erfasst wird. „Was ich mache, interessiert doch keinen Menschen“, bekomme sie oft zu hören, sagt Hofstetter. Tatsächlich sei es ja kein Mensch, sondern eine Maschine neuen Typs, die zu erkennen und verstehen, zu reden und übersetzen lerne und aufgrund ihrer Datenerhebung Pläne, Prognosen, Vorhersagen entwerfe. Allein der US-Datenhändler Acxiom habe Profile von 700 Millionen Menschen erstellt, darunter von 44 Millionen deutschen Staatsbürgern.

Aus der Datenflut würden uns heimelige Parallelwelten aufgebaut, aus Weltbestandteilen, die unsere Weltsicht bestätigen. „Diese Echokammern sind wie Gummizellen - sie generieren eine Masse aus Vereinzelten, die nichts gemeinsam haben.“ Die Daten könnten aber auch für Nudging oder Spoofing genutzt werden, ein Anstoßen oder Scherzen also, wie, recht verharmlosend, das Setzen von interessegeleiteten Impulsen oder von Fiktionen genannt wird. Die autoritären Regimes Chinas und Russlands nutzten solche Techniken längst zur Destabilisierung von Demokratien, die Ukraine etwa sei für Moskau ein Testfeld für Cyberattacken, durch Spoofing habe man dort schon massenhafte Stromausfälle initiieren können.

Droht mit der Digitalisierung ein Wirklichkeitsverlust - mit riskanten Rückwirkungen auf die Realität? Hofstetter nennt es „verrückt“, dass wir ausgerechnet Werbeplattformen im Netz als Foren für politischen Austausch zu nutzen versuchen. „Die sogenannten ,Sozialen Medien‘ sind dafür völlig hinderlich - wer sich politisch informieren will, muss sich an pluralistische und demokratische Medien halten.“ Sonst würden Grundrechte und die Regeln der Demokratie unterlaufen, könnten intelligente Maschinen eine Welt nach dem eigenen Bilde schaffen, in der nicht vorkommt, was sich nicht digitalisieren lässt. „Der Mensch ist darin nur ein Datenhaufen, das Ich, Gewissen, Bewusstsein kommen in dieser Welt nicht vor.“ Der Mensch komme darin nur vor, insoweit er sich nach maschinellen Regeln erfassen lässt.

Regeln für den Digitalmarkt

Eine allzu düstere Vision? „Schreiben Sie nur noch Postkarten?“, wird Hofstetter in der anschließenden Diskussion gefragt: „Ich nutze weder Facebook noch Twitter oder ein Smartphone“, sagt sie. „Ein Leben ohne all das ist möglich.“ Dabei will sie keine Variante der Maschinenstürmerei, sie plädiert für selbstbestimmte und transparente Technologien. „Hat irgendjemand hier ein europäisches Produkt in der Hosentasche?“, fragt Hofstetter und schließt mit einem kleinen Forderungskatalog: Die EU, ohnehin die einzige Weltregion, in der es eine Datenschutzgrundverordnung gebe, müsse eine eigene digitale Infrastruktur schaffen. Und die Gesetzgeber in Deutschland und anderswo müssten Regeln für den digitalen Markt setzen. „Die Digitalisierung schreitet so rasch voran, weil sich damit viel Geld verdienen lässt - doch dieser Informationskapitalismus gehört geregelt.“

Da brandet Applaus auf, und am Ende bildet sich ein großer Pulk von Kaufinteressenten am Tisch mit Hofstetters Büchern, darunter auch ihrem preisgekrönten Titel „Das Ende der Demokratie“ (Bertelsmann, 512 Seiten, 22,99 Euro).

Die weiteren Termine

Kommune 5.0: Wenn Algoritmen regieren und verwalten: Donnerstag um 19 Uhr in der Ada-und-Theodor-Lessing-Volkshochschule, Theodor-Lessing-Saal 14.

Was Big Data ist: Freitag, 20. Oktober, 19 Uhr, im Hafven, Kopernikusstraße

14. Trialog: Wissen – Macht – Meinung: Sonnabend, 21. Oktober, 10 Uhr, Schloss Herrenhausen.

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