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00:18 18.03.2018
Tocotronic stellt im Capitol ihre zwölftes Studioalbum vor.
Tocotronic stellt im Capitol ihre zwölftes Studioalbum vor. Quelle: Philipp Von Ditfurth
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Hannover

 Seine Bandkollegen stehen im Schatten,  die Scheinwerfer sind auf Dirk von Lowtzow gerichtet. Über dem Sänger der Band Tocotronic leuchtet im Capitol ein Sternenhimmel. Nur mit seiner Gitarre begleitet er den Song „Unwiederbringlich“ vom neuem Album. 

In „Unwiederbringlich“ singt er von einer ICE-Fahrt auf dem Weg zu einem geliebten Menschen, der gerade stirbt. Auf dem neuen Album „Die Unendlichkeit“ ist das Lied im Gegensatz zur Variante auf der Bühne im Capitol mit Xylophon und unaufdringlichen Holzbläsern im Staccato arrangiert. In typischer Tocotronic-Manier singt Dirk von Lowtzow so nüchtern-schöne Zeilen wie „Es gab noch keine Handys/Es war alles Gegenwart“ in dem Song. Das neue Album ist sehr intim. Es widmet sich wieder mehr der Einfachheit und gibt sich nahbar. 

Die deutsche Indiepop-Band Tocotronic stellt im Capitol ihr neues Album vor.

„Der ist aber grau geworden“, stellt einer von 1400 Fans im Capitol fest und meint die Haare von von Lowtzow. Kein Wunder: Tocotronic feiert in diesem Jahr 25-jähriges Bandjubiläum. „Die Unendlichkeit“, so auch der Name der Tour, ist das zwölfte Studioalbum der Gruppe. Tocotronic ist eine Institution des deutschen Indiepops und wird immer wieder als eine der wichtigsten oder gar als die wichtigste Band ihres Genres betitelt. Auch beim Auftritt in Hannover zeigt sich: zu Recht. 

Zum düster-dramatischen Stück „Tanz der Ritter“, komponiert von Sergjei Prokofjew für eine Ballett-Inszenierung von „Julia und Romeo“, betritt die Band die Bühne. Danach spielt Tocotronic „Die Unendlichkeit“. Das ist der Titelsong ihres gleichnamigen Albums, das in diesem Jahr erschienen ist. Live klingt das Lied nicht so dahinplätschernd und poppig wie auf der Platte, die Bässe wummern durchdringender. Von Lowtzow hört sich weniger wächsern, dafür älter und rauer an, was ihm gut steht. „Wir sind die Gruppe Tocotronic und wir bringen euch die Unendlichkeit“, hatte der Sänger den Song vorher angekündigt. 

In der Aussage steckt auch eine Verheißung – nämlich, dass Tocotronic die Ideen so schnell nicht ausgehen werden. Wer die Diskografie der Band kennt, weiß: Tocotronic hat immer wieder neue Konzepte umgesetzt, sie ist nie langweilig geworden.

Im Capitol spielt das Quartett einen Querschnitt aus einem Vierteljahrhundert Bandgeschichte. Mit dabei ist die scheppernde Hass-Hymne „Freiburg“ aus dem Jahr 1995, „Wie wir leben wollen“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2013 und „This Boy is Tocotronic“ mit gewohnt kryptischen Text vom sogenannten weißen Album aus dem Jahr 2002. Tocotronic ist schließlich für Diskurspop bekannt, für doppelbödige lyrisch-abstrakte Texte. 

Mit „Die Unendlichkeit“ stellt die Band ein autobiografisches und chronologisches Konzeptalbum über Dirk von Lowtzows Leben vor. In Songs wie „Electric Guitar“ oder „Hey du“ über pubertäres Aufbegehren in der Kleinstadt kreischt die Gitarre live mehr als auf der Platte – und es ist leicht, sich selbst in den Texten wiederzufinden. 

Die Fans sind davon begeistert: Frenetisch pfeifen und erklatschen sie sich drei Zugaben. Wie nach fast jedem Song bedankt sich von Lowtzow höflich für den Applaus. Seine Ansagen zwischen den Liedern sind schlicht und zurückhaltend. Auch das autobiografische Werk hat den Sänger nicht dazu verleitet, abseits der Musik Details aus seinem Leben preiszugeben.  

Freitagabend tritt Scott Bradlee’sw Postmodern Jukebox im Capitol auf.

Von Sarah Franke