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Kultur „Soldaten. Protokolle vom Töten“ schildert den Krieg aus Tätersicht
Nachrichten Kultur „Soldaten. Protokolle vom Töten“ schildert den Krieg aus Tätersicht
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13:09 12.04.2011
Im Balkankrieg: Wehrmachtsangehörige bei Erschießung in Jugoslawien.
Im Balkankrieg: Wehrmachtsangehörige bei Erschießung in Jugoslawien. Quelle: Ullstein
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„Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt einem ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.“ Es ist ein Oberleutnant der deutschen Luftwaffe, den die Forscher Harald Welzer und Sönke Neitzel in ihrem am Dienstag erscheinenden Buch „Soldaten“ mit einer Gesprächsnotiz vom 17. Juli 1940 zitieren. Dass Töten im Krieg nicht nur eine (überlebens-)notwendige Pflicht ist, sondern „Spaß“, sogar einen „Mordsspaß“ machen kann, belegt das Buch mit vielen aus heutiger Sicht verstörenden Zitaten von deutschen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg: So sprechen Täter, wenn sie unter sich sind.

Um zu erforschen, wie Soldaten den Krieg erleben, hat sich die Geschichtswissenschaft bislang vor allem auf Feldpostbriefe gestützt, Zeitzeugenberichte, Kriegstagebücher, Memoiren, Ermittlungsakten von Staatsanwälten. All diese Quellen haben gemeinsam – so resümieren Welzer und Neitzel –, dass man davon ausgehen kann, dass die Verfasser meist geschönte Versionen ihrer Erlebnisse öffentlich machen. Das Material, das die beiden Forscher für „Soldaten“ auswerten konnten, ist ungleich näher dran an dem, wie Menschen den Krieg unmittelbar erleben. Der aus Hannover stammende Sozialpsychologe Welzer und der Mainzer Zeithistoriker Neitzel konnten mit gut zwei Dutzend Wissenschaftlern seit dem Herbst 2007 bislang unveröffentlichte Abhörprotokolle von Gesprächen unter deutschen Soldaten auswerten, die diese in britischen und amerikanischen Kriegsgefangenenlagern führten. In verwanzten Zellen in von Abhörspezialisten der Alliierten speziell ausgerüsteten Lagern in England, im Mittelmeerraum und in den USA haben Nachrichtendienstler ahnungslose Kriegsgefangene belauscht.

Bereits 2001 war Neitzel im britischen Nationalarchiv auf ein Quellenkonvolut gestoßen, das für eine Mentalitätsgeschichte des Krieges vermutlich unschätzbar ist. Er fand Gesprächsprotokolle von deutschen Generälen und Stabsoffizieren aus dem englischen Kriegsgefangenenlager Trent Park und veröffentlichte diese 2005. Das für „Soldaten“ ausgewertete Textkonvolut, das Neitzel später entdeckte, ist noch wesentlich umfangreicher. Es umfasst 150 000 Seiten an Originalquellen: 17 500 Protokolle haben die Briten aufgezeichnet. Tausende weitere stammen von amerikanischer Seite.

Wer die Auswertungen dieser Abhörprotokolle studiert, taucht ein in eine Welt, die so voll ist von Grausamkeit und Brutalität, dass es manchmal kaum zu ertragen ist. „Ich sage dir, ich habe vielleicht schon Leute umgelegt in England. Ich hieß in unserer Staffel ,der Berufssadist‘. Ich habe alles umgelegt, (...) Jeden Radfahrer habe ich beschossen“, protzt da ein Unteroffizier Fischer, Pilot einer Me 109 am 20. Mai 1942 im Luftkrieg gegen England. Ein anderer Luftwaffensoldat beschreibt einen Bombenabwurf auf englische Kasernenanlagen: „Wir hin, dschoom! drauf Du, zack, die Kasernen flogen in die Luft, die Landser wirbelten da durch die Gegend.“ Der Mann benutzt eine Sprache, die unwirklich comichaft und dadurch fast lächerlich wirkte, hätte sie keinen so furchtbaren Hintergrund. Er habe Frauen und Kinder mit Kinderwagen umgelegt, brüstet sich ein Oberleutnant Hans Hartigs vom Jagdgeschwader 26 im Januar 1945, der im Luftkrieg über England eingesetzt war.

Dass es „unser Vorfrühstücksvergnügen“ gewesen sei, „einzelne Soldaten mit Maschinengewehren durch die Felder zu jagen und sie dort mit ein paar Kugeln im Kreuz liegen zu lassen“, bemerkt ein Leutnant Pohl von der deutschen Luftwaffe am 30. April 1940.

Sein Gespräch, in dem er auch berichtet, dass er es an seinem ersten Tag im Polenfeldzug noch furchtbar fand, Bomben auf Menschen abzuwerfen, bereits am vierten Tag aber seine „Lust“ und „Freude“ daran hatte, nehmen die Forscher als einen von vielen Belegen für eine radikale These: Die Abhörprotokolle bewiesen, so die Autoren, dass die meisten Menschen nicht über eine längere Zeit hinweg durch die Gewaltexzesse eines Krieges „brutalisiert“ werden müssten, um solcher Taten fähig zu sein.

Neitzel und Welzer zeigen, dass „eine Waffe oder ein Flugzeug, Adrenalin und das Gefühl von Macht über Dinge, über die man sonst keine Macht hat“ ausreichen, damit Menschen ganz unterschiedlichen Alters, Charakters oder Ranges auch in kürzester Zeit ihre Hemmungen verlieren: wenn ein „sozialer Rahmen, in dem das Töten erlaubt, ja sogar erwünscht ist, gegeben ist“. Die lapidaren Schlusssätze ihres Buches lauten: „Menschen töten aus den verschiedensten Gründen. Soldaten töten, weil das ihre Aufgabe ist.“

Die „Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ könnten möglicherweise die Diskussion über die Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg neu beleben. Mit Hilfe ihrer Quellen versuchen die Autoren nämlich auch zu belegen, dass „die Judenvernichtung in weit höherem Maße Bestandtteil der Wissenswelt der Soldaten war, als es jüngere Untersuchungen erwarten lassen“. Zwar werden die Vernichtungsaktionen nur in 0,2 Prozent aller Abhörprotokolle thematisiert: eine auch nach Ansicht von Sönke Neitzel und Harald Welzer erstaunlich niedrige Zahl, zumal man davon ausgehen kann, dass die Alliierten sich besonders für dieses Thema interessierten.

Aus der Tatsache allerdings, dass sämtliche Details der Vernichtungen bis hin zu Tötungen durch Kohlenmonoxid in Lastwagen und spätere Ausgrabungen und Verbrennungen von Leichen, um die Spuren der Judenmorde zu beseitigen, in den Protokollen nachzulesen sind, schließen die beiden Forscher, dass „fast jeder wusste, dass die Juden umgebracht wurden“. Dafür, dass den meisten Soldaten die Massenvernichtungen bekannt war, spreche außerdem auch, dass sie in den wenigsten Passagen für unglaubwürdig gehalten würden.

Dabei wird hier über Details geredet, die jedem Menschen die Sprache verschlagen müssten. Generalmajor Walter Bruns berichtet im April 1945 davon, dass sich bei einer Massentötung eine unvorstellbare Zahl von Opfern, eine anderthalb Kilometer lange Menschenschlange vor mehreren Gruben aufgereiht habe. Die Wartenden mussten sich bis auf Hemd und Schlüpfer ausziehen, darunter viele Frauen und kleine Kinder, „so Zweijährige“. Damit in dem Massengrab „nicht zuviel Platz verloren ging“, mussten die Lebenden sich dann auf die Toten legen, „mussten sich schön schichten“, bevor sie „einen Schuss kriegten“.

Erschütternd zu lesen ist auch, dass solche Erschießungen keineswegs Abscheu auslösten, sondern es sogar einen regelrechten „Exekutionstourismus“ gab. „Die SS hat eingeladen zum Judenschießen. Die ganze Truppe ist mit Gewehren hingegangen. (...) Hat jeder sich aussuchen können, was für einen er wollte“, hat Oberstleutnant von Müller-Rienzburg von der Luftwaffe am 25. Dezember 1943 erzählt.

„Soldaten“ bestätigt die Ergebnisse der beiden heftig diskutierten Wehrmachtsausstellungen, die das Hamburger Institut für Sozialforschung zwischen 1995 und 2004 in Deutschland und Österreich zeigte – am Mythos einer „sauberen“ Wehrmacht ist nichts dran.

Jutta Rinas