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Kultur Eine Familienangelegenheit
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21:52 05.10.2014
Von Mathias Begalke
Wenn der Vater mit dem Sohn Musik macht: Jeff Tweedy und sein Ältester, Spencer. Quelle: dpa
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Hannover

Mit der Geschichte eines Vater-Sohn-Konflikts endete „The Whole Love“, das bisher letzte Album der US-Band Wilco. In dem Folksong „One Sunday Morning (Song for Jane Smiley’s Boyfriend)“ beschrieb Sänger Jeff Tweedy vor drei Jahren das Misstrauen eines Vaters in die Fähigkeiten des Sohnes, den Druck, den er durch Erwartungen und Vorschriften aufbaut, die Schuldgefühle des Jungen, der einen eigenen Weg wählt. Der sanfte Song transportierte eine epische Traurigkeit, aber keinen Hass.

Tweedy, dessen erstes Soloalbum „Sukierae“ gerade erschienen ist, will es als Vater besser machen: Mit seinen 14 und 18 Jahre alten Söhnen scheint er auf Augenhöhe zu kommunizieren, und er stärkt sie, indem er ihnen etwas zutraut: Spencer, der ältere der beiden, spielt auf der Platte des Vaters Schlagzeug. Die 20 Songs sind aber nicht nur deshalb eine Familienangelegenheit: Die Produktion hatte schon begonnen, da diagnostizierten Ärzte Lymphdrüsenkrebs bei Jeffs Frau Sue Miller, deren Spitzname Sukie Rae lautet. Es heißt, die Chancen auf Heilung stünden gut, doch auch das Tweedy-Projekt soll allen geholfen haben. „Dadurch erreichte ich, dass sie sich weniger allein fühlte, und gleichzeitig, dass sich unsere Kinder nicht fürchteten“, erzählte der 47-jährige Tweedy im britischen „Uncut“-Musikmagazin. Ihn selbst hätten die Aufnahmen getröstet, es ihm ermöglicht, die eigene Angst um seine Frau zu verarbeiten. Tweedy will die Zeit im Studio nicht als Weglaufen verstanden wissen, sondern als „einen gesunden Weg, zu verschwinden“.

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Auf „Sukierae“ entwirft er in bisweilen surrealen Bildern einen sich verloren vorkommenden Charakter. Dieser meint, in einen Kunstpelzmantel gehüllt, mutterseelenallein auf einem Löffel zu sitzen. Während er dabei zusieht, wie ganze Ozeane überlaufen, kommt ihm die Erkenntnis: „Wir sind alle Pusteblumen“. In „I’ll never know“ sehnt er die vermeintliche Sicherheit zurück, die er als Kind empfand, als er zusammen mit seiner Mutter Judy-Garland-Filme im Fernsehen sah.
Tweedy schreibt seit jeher immer wieder Lieder über die Einsamkeit von Erwachsenen, über Menschen, die einerseits stark sein sollen, andererseits aber eine gewisse Hilflosigkeit in einer ziemlich komplizierten Welt verspüren. „Niemand kann dich vor dem Blut in deinen eigenen Adern schützen“, singt er in „Hazel“ – was sowohl auf seine krebskranke Frau zutrifft, als auch auf den von Selbstzweifeln und Angst geplagten Pusteblume-Mann.

„Sukierae“ ist eine Trotz-Platte, und sie kann als Lobgesang auf die Familie als Zufluchtsort in harten Zeiten interpretiert werden. Die Songs wirken zudem wie eine Liebeserklärung des Musikers an seine Frau. Wie trostlos Jeff sich ein Leben ohne Sue vorstellt, beschreibt er in „Desert Bell“. In „Wait for Love“ versichert er „but I still wanna look in your eyes today“, während Spencer im Walzertakt mitschwingt.

Der junge Tweedy war schon auf dem von seinem Vater im vorigen Jahr produzierten Mavis-Staples-Album „One True Vine“ zu hören. Seine erste Band gründete er mit sieben. Sein Trommeln ist eher ein Klopfen, ganz ohne Wucht. Der oft ländliche „Sukierae“-Sound erinnert an Tweedys erste Gruppe, die Americana-Pioniere Uncle Tupelo. Bei einigen Stücken bedürfte es wohl nur weniger Handgriffe – mal ein bisschen Pop, mal etwas Noise oder Elektronik –, und aus ihnen würden Wilco-Songs. Andere Lieder wie „Low Key“ mit seinen Beatles-Seufzern oder das psychedelische „Diamond Light Pt. 1“ könnten dagegen genau so von einem Album der Chicagoer stammen. Das nächste soll 2015 erscheinen.
Noch in diesem Jahr kommt ein Wilco-Boxset mit Hits und Raritäten heraus. Anfang November spielen die beiden Tweedys mit Band drei Konzerte in Deutschland. Dann wird sich zeigen, wie viel Spielraum der Vater seinem Sohn tatsächlich lässt. Denn anders als in den USA, wo man offiziell erst mit 21 Alkohol trinken darf, könnte sich der 18-Jährige hier das Bier selbst bestellen.

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