Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Sonia Delaunays: Weg von der Wand
Nachrichten Kultur Sonia Delaunays: Weg von der Wand
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:00 10.01.2009
Kunstflitzer: 1967 veredelte Sonia Delaunay diesen Sportwagen "530 Simultane" des französischen Autoherstellers Matra. Quelle: Heuwinkel

Tango und Foxtrott heizten ein. Er ging gern aufs Parkett, sie blieb lieber sitzen – und beobachtete den Fluss der tanzenden Farben und Formen im Licht elektrischer Lampen. Was Sonia dabei durch den Kopf ging, verraten ihre Bal-Bullier-Arbeiten. Kostproben sind nun in der großen Sonia-Delaunay-Retrospektive der Bielefelder Kunsthalle zu bewundern. Ihr Mann Robert wird vom 29. März an in Hannover bei der Ausstellung „Marc, Macke und Delaunay. Die Schönheit einer zerbrechenden Welt“ im Sprengel Museum einen großen Auftritt haben.

Sonia Delaunay lässt auf ihren Bildern Kurven und Ecken aufeinander stoßen, da wirbeln Kreise und Facetten umher, da sorgen komplementäre Kontraste für Aufruhr. Mit diesen Werken schaffte die Malerin 1913 ihren Durchbruch in die Gegenstandslosigkeit. Bis heute zählt Sonia Delaunay zu den wichtigsten Vertretern der Abstraktion. Dabei können ihre malerischen Variationen über das Treiben im Pariser Tanzlokal als frühe Höhepunkte eines Oeuvres gelten, das sich bald mit ungeheurer Wendigkeit in alle möglichen Richtungen ausbreiten wird. Dass man davon außerhalb Frankreichs bisher so wenig zu sehen bekam, liegt wohl daran, dass sich Sonia bis heute nicht aus dem Schatten ihres großen Gatten gelöst hat.

Die erste und einzige deutsche Retrospektive liegt ein halbes Jahrhundert zurück. Auch sie ging in Bielefeld über die Bühne. Ein denkwürdiges Ereignis, das nun auch den Anlass für die Neuauflage geboten hat. Um die 350 Gemälde, Grafiken, Modefotos, Entwürfe, Kostüme, Stoffproben und diverse Objekte im charakteristischen Delaunay-Design sind in der Kunsthalle zu einem umfassenden Überblick vereint.

Zum Bal-Bullier-Reigen gesellen sich dort neben Bildern auch Sonias schicke Simultan-Outfits. Die Künstlerin hatte sie eigens für die Tanz-Sessions entworfen mit Stücken von Tuch, Taft und Tüll, von Baumwolle, Moiré und gerippter Seide, à la Patchwork zusammengestückt.

Zunächst schneiderte sie nur für den privaten Kleiderschrank. Bald schon sollte sie ihr Talent aber Gewinn bringend einsetzen. Notgedrungen. Denn nach der Oktoberrevolution blieben die regelmäßigen Zuwendungen des reichen Adoptivvaters aus Sankt Petersburg aus, von denen das Paar mit seinem kleinen Sohn über Jahre sorglos gelebt hatte. Während Robert sich nun weiter der brotlosen Kunst und Theorie widmen durfte, kümmerte sich seine Frau um die Kasse und startete unversehens ihre sagenhafte Karriere als Modemacherin, Stoffdesignerin und Raumausstatterin. Auch Kostüm- und Bühnenbilder gehörten ins Repertoire. Die Künstlerin gründete mehrere Modehäuser, zuerst in verschiedenen spanischen Städten, dann in Paris. Mit ihrem Schick zog sie während der wilden Zwanziger die Hautevolee aus aller Welt an.

Die Ausstellung präsentiert die ganze Palette des freien und angewandten Schaffens. Man sieht eigenwillige Porträts, in denen sich die junge Malerin an der Kunst großer Vorbilder schulte – Matisse, Gauguin, van Gogh. Man begleitet die Künstlerin mit dem Ehemann ins Bal Bullier, erkennt ihre Beschäftigung mit Farbtheorien, folgt ihrem Schritt in die Abstraktion. Nach 1917 blieb ihr nicht mehr viel Zeit für die freie Kunst. Doch der Wechsel auf angewandtes Terrain tut dem Werk keinen Abbruch. Der Bielefelder Ausstellung auch nicht – im Gegenteil, er macht die Sache erst richtig spannend. „Für mich gab es keine Kluft zwischen meiner Malerei und der so genannten dekorativen Arbeit“, hat die Künstlerin einmal gesagt. Das vermeintlich niedere Genre habe sie nie frustriert. „Es war vielmehr eine Befreiung und Erweiterung, eine Eroberung neuer Räume, in denen sich die gleiche Suche fortsetzte.“

Sonia Delaunay habe die Malerei von der Wand befreit, so formulierte es treffend ein Kunsthistoriker. In Bielefeld wird man Zeuge, wie sich ihr Design bald auf allen möglichen Oberflächen ausbreitet – Pyjamas, Polsterstoffe, Spielkarten, Bademoden, auch auf der Karosserie eines flotten Flitzers macht sich Delaunays Handschrift gut. Mit diesem alle möglichen Bereiche übergreifenden Ansatz, mit der unbefangenen Verbindung von freier und angewandter Kunst kommt dieses Werk Ideen sehr nah, für die das Bauhaus berühmt ist.

Trotz all ihrer Talente blieb die Malerei aber doch Sonia Delaunays große Leidenschaft. „Da ich zu viele Kräfte hatte, habe ich sie nicht aufgespart für eine Sache, die ich wirklich liebe: die Malerei“, das wurde ihr klar, als sie um die siebzig war. Und so machte die Künstlerin sich an die Arbeit. Als eindrucksvolle Ergebnisse stehen in der Schau die satten, monumentalen Farbrhythmen der alten Dame – bis zu ihrem Tod im Alter von 94 Jahren wirkte sie unermüdlich weiter. „Zu schaffen liebe ich mehr als mein Leben“, so Delaunay. „Und ich muss meinen Ideen Ausdruck verleihen, bevor ich verschwinde.“

von Stefanie Stadel

Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5, bis 22. Februar 2009.

Es ließe sich ja einiges sagen zu diesem Stück und auch zu seiner spektakulären Interpretation beim Pro-Musica-Konzert mit der Academy of St. Martin in the Fields im hannoverschen Kuppelsaal.

10.01.2009

Der Chinese Lang Lang ist der Popstar unter den Pianisten. Und wie Bushido oder Eminem hat er jetzt auch eine Autobiografie herausgebracht.

10.01.2009

Am 15. Januar eröffnet in der Kestnergesellschaft die Ausstellung „Bookmarks – Wissenswelten von der Keilschrift bis YouTube“. Das Gemeinschaftsprojekt könnte Hannovers ungewöhnlichste Ausstellung des Jahres werden.

10.01.2009