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08:26 22.10.2014
Foto: Häufig sieht das Publikum mehrfach gebrochene Bewegungsabläufe, Bewegungen, die stottern.
Häufig sieht das Publikum mehrfach gebrochene Bewegungsabläufe, Bewegungen, die stottern. Quelle: haz
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Hannover

Nitroglyzerin ist lebensgefährlich. Das wissen zumindest die Filmfans, die den 1977 gedrehten Thriller „Sorcerer“ kennen; zu Deutsch „Atemlos vor Angst“. Sorcerer, Zauberer, Magier, das sind Menschen, die etwas können, was andere nicht können. Manchem macht das Angst.

Was Landerer und Vagnerová in den zurückliegenden Monaten erarbeitet haben, macht jedoch keine Angst, sondern amüsiert. Es droht auch kein hochexplosives Nitroglycerin, sondern ein rotlichtiger Glitzervorhang entführt ins harmlose Ambiente einer Revue. Dort lernen wir sechs sonderbare Menschen kennen. Einige tragen rot leuchtende Glitzerjackets, die führen alberne, eitle Schrittfolgen vor. Die meisten zeigen immer wieder herrisch auf andere; nach dem Motto: Der war’s. Führen auch wiederholt Zeige- und Mittelfinger an die Schläfe; die Geste als Signal: Wären die Finger eine Pistole, gäbe es Tote.

Die Geschichte, die erzählt wird, bleibt eindeutig uneindeutig. Um vom bitterbösen Kampf zwischen Mann und Frau zum harmlosen Geplänkel zu kippen, genügt ein einziger magischer Moment, der manchmal kaum wahrnehmbar ist. Landerer, der den ersten Teil des Abends choreografierte, entwickelt die verrückt-verdrehten Bewegungen seiner Figuren aus dem Alltäglichen, wiederholt sie und stilisiert sie dabei.

Häufig sind es mehrfach gebrochene Bewegungsabläufe, Bewegungen, die stottern. Und die in einer veränderten Bewegungsqualität dann auch weiter stottern. Die Geschichte mit den magischen Momenten, die uns öfter zu täuschen vermögen, als wir wahrhaben wollen, wird nach der Pause von Lenka Vagnerová weitererzählt. Der Schauplatz wechselt: Eine Party steigt, wieder mit raffinierten Lichtsettings (von Wolfgang Denker), entsprechend mit einer anders gearteten Klangcollage (vorher der Hannoveraner Christof Littmann, jetzt der Prager Ivan Acher). Das rasante Tempo der sechs Tänzer (drei aus der Landerer-Compagnie, drei aus der Truppe Vagnerovás) bleibt ähnlich hoch angesiedelt.

Statt schrill-zerschnittener Bewegungsabläufe überwiegen im zweiten Teil geschmeidige Sprachmuster, die die tschechische Tanzkünstlerin in so verwirrende Rotationen übersetzt, dass man sich fragt: Geht’s noch? Lassen sich die Oberkörper der Partygäste noch verquerer nach hinten kippen? Dabei handelt es sich nicht um Artistik, sondern ausschließlich um tänzerischen Ausdruck. Oder um theatralischen, wie der Ulk mit dem Tablett voller Champagnerflöten, mit dem der Gastgeber nicht minder schräg – und einen eigenwilligen Flamenco tanzend – durch seine illustre Party scharwenzelt.

Zwei Choreografen haben ein kluges, humorvolles Stück Tanztheater entstehen lassen. In Schweden, 2011, haben die beiden schon einmal miteinander kooperiert. Im Vorfeld tauschten sie sich eingehend über das Thema aus: wie einfach es doch sein kann, menschliche Wahrnehmung zu manipulieren, und wie gern wir wider besseres Wissen an Illusionen glauben. Mehrere Workshops folgten, in Prag und Hannover: Landerer arbeitete mit Vagnerovás Tänzern, Vagnerová mit denen von Landerer. Erst nach dieser intensiven Vorarbeit entwarf jeder seinen Part: verbunden zu einem fast zweistündigen, überaus amüsanten Tanzabend. Lachen vertreibt die Angst, dieser „Sorcerer“ will nur tanzen.

Wieder am 24., 25., 26., 30., 31. Oktober und 1. November, jeweils 20 Uhr. Infos auch im Internet.

von Alexandra Glanz

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