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Kultur Sparkassenstiftung will Kunstsammlung ans Sprengel Museum geben
Nachrichten Kultur Sparkassenstiftung will Kunstsammlung ans Sprengel Museum geben
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19:57 23.09.2011
Von Johanna Di Blasi
Foto: Die Zeche Zollern II in Dortmund, abgelichtet 1971 von Bernd und Hilla Becher.
Die Zeche Zollern II in Dortmund, abgelichtet 1971 von Bernd und Hilla Becher. Quelle: Hilla Becher
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Hannover

Ein gewaltiger Schatz wurde angesammelt – fast im Verborgenen. Die Niedersächsische Sparkassenstiftung hat in mehr als zehn Jahren in Hannover kontinuierlich eine Kunstsammlung aufgebaut, deren Schwerpunkt auf der künstlerischen Fotografie im dokumentarischen Stil liegt – von August Sander über Thomas Ruff bis Cindy Sherman. Gesammelt wurde auf Empfehlung eines Beirats, in dem Museumsvertreter aus ganz Deutschland sitzen. Leihanfragen kommen, was die wenigsten Hannoveraner wissen, inzwischen aus aller Welt: Eine Ausstellung in der Londoner Tate war 2003 zu einem Drittel mit Fotografien aus Hannover bestückt, auch nach New York (Whitney Museum) und München (Haus der Kunst) wurden Werke verliehen.

Insgesamt ist die Sammlung auf 1700 Arbeiten mit einem geschätzten Wert von 17 Millionen Euro angewachsen, 1000 Werke davon sind Fotografien und Fotoserien. Diesen Schatz – neben den Fotografien unter anderem Werke von Gerhard Richter oder Sigmar Polke – möchte die Stiftung nun in toto ins Sprengel Museum geben – als Dauerleihgabe. Das verkündeten am Freitag Vertreter der Stiftung gegenüber der HAZ. Bedingung ist allerdings laut Thomas Mang, dem Präsidenten des Sparkassenverbandes, und der Stiftungsdirektorin Sabine Schormann, dass das Museum in der vorgesehenen Weise baulich erweitert wird. „Wir wollen ein bisschen Druck machen“, sagte Mang.

Debatten um Details wie die Fassadengestaltung des Erweiterungsbaus, der 2014 abgeschlossen sein soll, hätten Inhalte in den Hintergrund treten lassen. Mit der Erweiterung und modernster Klimatisierung von Ausstellungsräumen und Depots könne das Sprengel Museum zu einer der ersten Adressen im Land werden, wenn es um Leihgaben, Schenkungen oder die Übergabe von Künstlerarchiven gehe.

Schon jetzt beherbergt das Sprengel Museum bedeutende Fotoschätze, die es jedoch kaum angemessen präsentieren kann. Die Fotosammlung umfasst rund 10.000 Werke. Den Grundstock bilden die Bestände der hannoverschen Spec­trum Photogalerie, eine der frühesten Fotogalerien Europas.

Die Fotokuratorin des Sprengel Museums, Inka Schube, sagte am Freitag auf Anfrage: „Die Leihgabe der Niedersäch­sischen Sparkassenstiftung würde eine enorme und fundamentale Stärkung unseres Schwerpunktes Fotografie bedeuten – und der Fotografie im Norden insgesamt. Es wäre traumhaft.“ Das geplante Depot für Fotografie – insgesamt rund 250 Quadratmeter – würde eine wunderbare Situation herstellen.

Das Sprengel Museum wäre damit weltweit eines der wenigen Häuser mit der Möglichkeit fachgerechter Lagerung sensibler Farbfotografie. Bislang besitzt lediglich das Museum of Modern Art in New York großzügige Lagerräume, in denen Fotografien in Spezialkühlschränken aufbewahrt werden.

Einige Schätze, die sich in der Sammlung befinden, die die Sparkassenstiftung ans Sprengel Museum geben möchte, kann das Publikum schon in zwei ­Wochen erleben. Dann eröffnet dort die Fotografieausstellung „Photography Calling!“. Auf einer Fläche von 2000 Quadratmetern werden historische und aktuelle Fotografien präsentiert. Etwa die Hälfte der mehr als 400 Abzüge von rund 30 Fotografen, darunter Diane Arbus, Lee Friedlander und Thomas Struth, kommt von der Sparkassenstiftung.

Mit der Schau knüpft das Sprengel Museum an seine großartige Fotoausstellung „How you look at it“ an, die im Expo-Jahr 2000 mit mehr als 500 Fotografien einen Überblick über die sogenannte „straight photography“ oder wirklichkeitsbeschreibende Fotografie gab. 20.000 Besucher sahen sie. Den Kern der Schau bildete die Sammlung der Sparkassenstiftung. Die damalige Ausstellung sei für die Stiftung Anlass und Auslöser gewesen, sich auf Fotografie zu konzentrieren, sagt Sabine Schormann.

Im Kunstbeirat der Stiftung sitzt unter anderem Thomas Weski. Er war früher Fotokurator am Sprengel Museum. Nach Stationen in Köln und München ist er inzwischen in Leipzig Professor für „Kulturen des Kuratorischen“. Die Fotografiesammlung der Sparkassenstiftung trägt nicht unwesentlich seine Handschrift. Gemeinsam mit Inka Schube vom Sprengel Museum kuratiert Weski „Photography Calling!“.

Als die Stiftung zu sammeln begonnen hat, waren die Preise für Fotografie noch moderat. Inzwischen sind sie explodiert. Den Rekord hält „Untitled #96“ von Cindy Sherman, das bei der diesjährigen Frühjahrsauktion von Christie’s in New York für 3,8 Millionen Dollar den Besitzer wechselte. Mit guten Kontakten sei aber noch mancherlei zu vernünftigen Preisen erhältlich, sagte Mang, der ankündigte „weiterzusammeln“. 360.000 Euro stünden jährlich für Ankäufe zur Verfügung – in Sonderfällen werde der Betrag erhöht.

Wenn es mit dem Sprengel Museum in gehoffter Weise vorangeht, wird es unmittelbarer Nutznießer des Sammel­eifers der Sparkassenstiftung sein.

Die Ausstellung

„Photography Calling!“ im Sprengel Museum Hannover wird am 9. Oktober um 11.15 Uhr eröffnet und läuft bis 15. Januar. Die Schau, eine Kooperation von Sprengel Museum und Niedersächsischer Sparkassenstiftung, gibt mit Werken von 31 Fotografen einen umfassenden Überblick über die Fotografie im dokumentarischen Stil seit den sechziger Jahren. Präsentiert werden unter anderem Werkgruppen von Robert Adams, Diane Arbus, Bernd und Hilla Becher, Thomas Demand, Andreas Gursky, Helga Paris, Martin Parr, Wolfgang Tillmans und Jeff Wall. Eintritt: 9 Euro. Am 8. Oktober lädt das Museum zu einer „Langen Nacht der Fotografie“ ein. Eintritt: 6 Euro inklusive Welcome-Drink. Informationen unter photographycalling-blog.de.

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