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08:05 17.06.2014
Hannoversche Tischgespräche – rein im Dienst der Neuen Musik.
Hannoversche Tischgespräche – rein im Dienst der Neuen Musik. Quelle: Helge Krueckeberg
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Hannover

21, 22, 23 - der Nächste, bitte! Binnen der ersten drei Sekunden, so haben Forscher herausgefunden, entscheiden wir, ob wir für jemanden Sympathie empfinden oder nicht. Bei dem Kennenlern-Event „Speed-Dating“, das erstmals 1998 in Los Angeles stattgefunden und inzwischen weltweit Anklang gefunden hat, haben Alleinstehende fünf Minuten Zeit. Man stellt sich die Standardfragen: Wie heißen Sie? Pflegen Sie Kontakt zu Ihrer Familie? Mögen Sie Kinder? Wie halten Sie es mit der Religion? Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?

So auch im Musiktheater „Love & Diversity“ des Komponisten und Kagel-Schülers Manos Tsangaris. Bei den Kunstfestspielen in Herrenhausen lädt er zu einem Speed-Dating mit Geige, Querflöte, Toypiano, Bratsche, Cello, Klarinette und Kontrabass. Die Besucher werden in Fünfergruppen in den großen Saal im Galeriegebäude am Großen Garten geführt. Die Musiker des griechischen Ensembles DissonArt sitzen dort an sieben Tischen. Das Licht geht aus, und das Kennenlernen beginnt. Nach fünf Minuten ertönt eine Klingel, die Gruppen rutschen einen Tisch weiter. Ganz zum Schluss nimmt man auf der Galerie Platz und überblickt das Geschehen von oben und entdeckt: Inmitten der Szenerie sitzt die Schauspielerin Stella Maxeiner. In Nachrichtensprechermanier kommentiert sie die Dating-Szene, stellt weitere Fragen und zwinkert nach oben.

In den Formen des Neuen Musiktheaters gilt es, alltägliche Handlungsabläufe zu erforschen und die Klangerzeugung vom rein instrumentalen Spiel auf experimentelle Instrumente und Geräusche sowie Handlungen und andere optische Reize zu erweitern. Geiger Theodoros Patsalidis zieht einen Gummiball, in den eine Schraube gedreht ist, über den Tisch. Die Bratschistin Maria Pache dreht Metallringe, bis sie klirrend zu Boden fallen. Jannis Anissegos beleuchtet seine Flöte von innen. Hier dreht sich eine Taschenlampe an einem Seil und lässt den Lichtschein tanzen, dort schwebt ein Blumentopf ganz ruhig. Es sind die kleinen Momente und die Details, die Tsangaris’ Inszenierungen sehenswert machen. Und zugleich geht „Love & Diversity“ über Kurzweil weit hinaus: Jedes Klopfen, jede Frage und das daraufhin erklingende Instrument, das Ein- und Ausschalten der Lampen - alles ist aufeinander abgestimmt. Klangmotive, Worte und Fragen werden von einem Tisch zum nächsten gereicht und erschaffen aus den Solopartituren ein großes Ganzes. Die Intimität der Bühnensituation verleitet manchen Zuhörer sogar, auf die Fragen zu antworten. Jeder Teil der Aufführung wird so zu einer Uraufführung und irgendwie zu einem tatsächlichen Date.

Manche der Musiker sprechen lauter und übertönen die leiseren. Dann ist es schwer, sich auf den aktuellen Datingpartner zu konzentrieren. Aber wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, zieht man eh weiter.

Von Jacqueline Moschkau

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