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Kultur Spiel und Spenden: Landesbühne Nord kämpft um Zukunft
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07:25 21.01.2010
Von Uwe Janssen
„Wir wollen nicht als Bittsteller auftreten müssen": Intendant Gerhard Hess hat an der Landesbühne ein anspruchsvolles Programm etabliert. Quelle: Handout
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Der Deich ist fertig. Grün. Hoch. Und – aus Holz. Gut, Holzdeiche sind eher untypisch. Dieser steht auch nicht an der Küste, sondern in den Katakomben des Stadttheaters Wilhelmshaven. Er soll kein Wasser abhalten, sondern Besucher anziehen. Torben Schumacher steht daneben und ist jetzt schon begeistert. „Dieser Deich“, sagt der Sprecher der Landesbühne Nord ein wenig geheimnisvoll, „hat es in sich.“ Und ist das zentrale Requisit für ein besonderes Theaterstück. Denn in Wilhelmshaven reden sie dieser Tage alle von „Meta“.

Aber was heißt in Wilhelmshaven – überall zwischen Jadebusen und Dollart. Meta. Nicht wie die Ebene. Sondern wie Meta Rogall aus Norddeich. Schillernde Betreiberin eines Musikschuppens, Klubbesitzerin würde man heute wohl sagen. Meta ging gern im Unterrock mit ihrem Husarenäffchen auf dem – echten – Deich spazieren, verteilte in ihrem „Haus Waterkant“ Getränke aus dem Kinderwagen und holte in den sechziger und siebziger Jahren die Scorpions, Woodstock-Legende Richie Havens und auch Howard Carpendale in das ostfriesische Küstenkaff. Einen jungen Musiker namens Otto Waalkes engagierte sie als DJ.

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Autor Peter Schanz (Autor des derzeitigen HAZ-Fortsetzungsromans) hat für die Landesbühne Nord nun ein Stück über die 1994 gestorbene Kultfigur geschrieben, das mit viel Musik an diesem Sonnabend im Stadttheater Wilhelmshaven uraufgeführt wird. Die Publikumsresonanz findet sogar Landesbühnen-Intendant Gerhard Hess „absolut unglaublich“. 14 der 17 Gastspiele von „Meta, Norddeich“ zwischen Emden, Leer und Jever sind ausverkauft, ein Ansturm wie bei einem Popstar in einer an Identifikationsfiguren armen Gegend.

Hess’ Büro ist mit Plakaten der laufenden Spielzeit tapeziert: Goethes „Stella“, Orhan Pamuks „Schnee“ und eben „Meta“ – alles Publikumsrenner. Grund zur Freude eigentlich für Hess und seine Mitarbeiter, die allerdings noch ein anderes Thema beschäftigt: Die Finanzierung des Theaters hängt in der Luft. Der Vertrag mit dem Land läuft 2011 aus, der neue muss erst verhandelt werden.

Bezuschusst wird das Theater, das etwa 30 Prozent der Kosten selbst erwirtschaftet und damit ziemlich gut dasteht, vom Land und einem Zweckverband der zwölf Kommunen und vier Landkreise, die das Theater bespielt. Das Land begrenzte seinen Anteil im derzeitigen Vertrag auf jährlich drei Millionen Euro, ohne die Summe anzupassen, als die Kosten vor allem durch Tariferhöhungen stiegen. Es drohte ein Etatloch von 900.000 Euro. Der Zweckverband beschloss daraufhin, seinen Zuschuss drei Jahre lang um jährlich 150.000 Euro aufzustocken und so die Hälfte des Defizits zu übernehmen – in der Hoffnung, das Land würde den gleichen Betrag beisteuern und so den Etat über die Vertragslaufzeit bis 2011 sichern.

Doch obwohl Kulturminister Lutz Stratmann den Wilhelmshavenern zunächst entsprechende Hoffnungen gemacht hatte, bekam er das Vorhaben im Haushaltsausschuss nicht durch und brachte stattdessen den Begriff des „bürgerschaftlichen Engagements“ ins Spiel: Das Theater sollte Spenden sammeln, die das Land dann in gleicher Höhe aufstocken würde. Anders gesagt: Landesmittel hängen an Spenden und fließen nur, wenn Sponsoren eingeworben werden, wenn also das Theater in Vorleistung geht.

Das hat in Wilhelmshaven und dem 720.000 Einwohner großen Einzugsgebiet der Landesbühne Nord Existenzängste geschürt. Von „Ausbluten“ reden die einen, andere befürchten sogar, die Landesbühne Nord solle demnächst von Oldenburg aus gelenkt werden. Bedenklich findet es Walter Theuerkauf, Aufsichtsratschef des Zweckverbandes, „die Existenz des Theaters an Spenden aus der Bevölkerung zu knüpfen“. Und Intendant Hess befürchtet einen „Systemwechsel, einen Umbau auf Spenden“ – ohne Blick auf die heikle Sozialstruktur an der Küste. „In Großstädten ist es leichter, Spenden zu akquirieren, als hier in Kleinstädten wie Esens. Wenn da einer überhaupt etwas spendet, dann für seinen Sportverein.“ Hess dreht den Spieß um. „Den Rückhalt aus der Bevölkerung haben wir. Die Leute brauchen und wollen uns. Nun muss das Land zeigen, was ihm das Theater wert ist.“

Der Schweizer Hess hat seit seinem Amtsantritt 1998 an der Nordsee ein anspruchsvolles, eher schweres Programm zwischen Klassikern und zeitgenössischen Stücken etabliert. Musicals wie „Meta, Norddeich“ sind da eher die Ausnahme. Auch sonst geht der Intendant seinen eigenen Weg. Sein Engagement hat sich herumgesprochen und anderen kommunalen Theatern Mut gemacht, die auch Geld sammeln sollen, um Landesförderung zu ermöglichen. Hess war zuletzt viel unterwegs, um in Ausschüssen und Gremien Überzeugungsarbeit zu leisten und für seine Sache zu werben. Hier zumindest mit durchschlagendem Erfolg. Der Zweckverband stellte sich auf seiner jüngsten Versammlung geschlossen und demonstrativ hinter den Theatermacher.

Immerhin hat Theuerkauf positive Signale aus Hannover vernommen. In einem Gespräch habe Minister Stratmann ihm Hoffnungen auf eine Lösung bis zum Jahr 2011 gemacht. Die freiwillige Förderaufstockung des Zweckverbandes soll nun doch als „bürgerschaftliches Engagement“ angerechnet und in gleicher Höhe bezuschusst werden.

Intendant Hess mag sich auf solchen Zusagen nicht ausruhen. Sein Ziel ist es, die Theaterversorgung zwischen Ems und Jade langfristig zu sichern. „Die Landesregierung hat uns ins Trudeln gebracht. Nun ist es an ihr, das wieder in Ordnung zu bringen. Wir wollen nicht als Bittsteller auftreten müssen.“ Hess’ Rolle in diesem Stück ist die der Kämpfernatur – zum einen, weil es für ihn zum Berufsbild eines Theaterintendanten gehört. Aber es gibt noch einen anderen Grund: „Ich bin Schweizer. Wir haben die Habsburger besiegt. Also werden wir das hier auch schaffen.“

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