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Kultur Spielbergs Verfilmung von "Tim und Struppi" kommt ins Kino
Nachrichten Kultur Spielbergs Verfilmung von "Tim und Struppi" kommt ins Kino
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08:43 27.10.2011
Von Stefan Stosch
In einer Welt ohne Google und GPS: Kapitän Haddock und der junge Reporter Tim. Quelle: Sony
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Ein schmucker Dreimaster mit zwei Decks und 50 Kanonen an Bord! Mit so einem Schiff können die unglaublichsten Abenteuer beginnen – sogar dann, wenn es sich nur um ein Modellschiff auf einem Flohmarkt handelt. Allerdings müssen noch mindestens zwei Voraussetzungen erfüllt sein, bevor ein fabulierlustiger Kinofilm draus wird: Ein neugieriger Bursche mit Haartolle muss den Segler namens „Einhorn“ entdecken, und der Bursche wiederum muss von einem Regisseur wie Steven Spielberg entdeckt werden.

Ein Vierteljahrhundert hat das alles gedauert. 1983 starb der belgische ­Comicstar „Hergé“. Zum geplanten Treffen mit Steven Spielberg kam es nicht mehr. In Hergés Nachlass tauchte eine Notiz auf: „Wenn es einen Menschen gibt, der Tim auf die Leinwand bringen kann, dann ist es dieser junge amerikanische Regisseur.“

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Das Ringen um die Rechte an der 24-bändigen Comicserie zog sich hin. Lange zögerte Spielberg auch, weil er nach einer passenden künstlerischen Form suchte. Jetzt lüftet er im Verbund mit Peter Jackson „Das Geheimnis der Einhorn“. Der schnapsselige Kapitän Haddock (leider beinahe ganz ohne seine wunderbaren Schimpfworte!), die skurrilen Detektive Schulze und Schultze, der mutige Hund Struppi: Alle Helden sind an Bord.

Vielleicht ist es sogar gut, dass es so lange gedauert hat – nicht unbedingt wegen der unvermeidlichen 3-D-Effekte, die heute offenbar zum Standard eines jeden computeranimierten Films gehören. Wichtiger sind die inzwischen ­gesammelten Erfahrungen mit der ­Motion-Capture-Technik, bei der Gestik und Mimik eines Schauspielers digital abgetastet und auf eine virtuelle Film­figur übertragen werden.

In Filmen wie „Der Polarexpress“ (2004) mit Tom Hanks oder Robert ­Zemeckis’ „Die Legende von Beowulf“ wirkten die Experimente immer dann ungelenk, wenn es um die Darstellung von Menschen ging. Spielberg hat seine Schlüsse daraus gezogen: Er nähert sich zwar dem Fotorealistischen an, lässt ­seinen Charakteren aber einen Comictouch – Tim und seine Freunde haben ­einen eher starren Gesichtsausdruck. Sie sollen gar nicht mit der Wirklichkeit konkurrieren. Produziert hat Spielberg bei Jacksons Trickfirma Weta Digital, wo auch schon „Herr der Ringe“ entstand.

Auch wenn man die Schauspieler auf der Leinwand nicht in ihrer digitalen Hülle erkennt, hat der Regisseur doch erste Kräfte engagiert. Jamie Bell („Billy Elliot“) spielt Tim, Daniel Craig (der aktuelle James Bond) den Bösewicht Iwan Iwanovitsch Sakharin, und in der Computermaske von Kapitän Haddock steckt Andy Serkis.

Serkis gilt als der Motion-Capture-Experte schlechthin. Er hatte schon viele große Rollen – ohne dass man ihn darin hätte identifizieren können. Serkis verwandelte sich bei Peter Jackson in den Gollum aus „Herr der Ringe“ und auch in den Riesenaffen „King Kong“, in der jüngsten „Planet der Affen“-Verfilmung gab er den Revoluzzer-Schimpansen Caesar. Mit seiner Kunst war Serkis im Vorjahr sogar als Oscar-Kandidat im Gespräch – und auch diesmal verleiht er seiner digitalen Figur viel Seele.

Mit dem illustren Team beginnt die wilde Jagd nach dem Goldschatz des ­Piraten Rackham dem Roten, den Haddocks Vorfahren einst versteckt haben. Bis in die marokkanische Wüste verschlägt es die Abenteurer, und immer wieder ist ihnen Sakharin um eine ­Nasenlänge voraus. Aber davon lässt sich ein Tausendsassa wie der Reporter Tim nicht entmutigen. Wenn’s sein muss, setzt er sich sogar ans Steuer eines Flugzeugs, die Bedienungsinstruktionen auf den Knien.

Spielberg gesteht seinen Figuren die gesunde Naivität zu, wie sie auch die ­Comicvorlagen auszeichnet. Die knollennasigen Detektive Schulze und Schultze (Nick Frost, Simon Pegg) könnten mit ihren Marotten glatt als Loriot-Figuren durchgehen. Skurrilität und Witz entschädigen dafür, wenn die Geschichte gar zu einfältig vorangetrieben wird. Ein echter Kostar ist der tapfere Hund Struppi: Ohne ihn wäre Tim aufgeschmissen.

Von Hergés klarem Stil – der Comickünstler zeichnete mit schwarzer Tinte und Wasserfarbe – ist allerdings wenig geblieben. Spielberg schwelgt in Details einer Retro-Welt. Handys, Fernseher und moderne Autos fehlen. Wann genau das Geschehen spielt, ist nicht auszumachen. Aber dieses Versinken in eine Zeit, in der die Welt noch ohne Google und GPS zu entdecken war, macht ja gerade den Charme aus.

Das „Einhorn“-Abenteuer soll nur der erste Streich sein. Den zweiten „Tim und Struppi“-Film wird Jackson inszenieren, danach soll es noch einen dritten geben. „Das Geheimnis der Einhorn“ ist ein lohnender Auftakt für alle, die sich in ein nostalgisches Kino-Comic-Abenteuer stürzen möchten.