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Kultur Spielzeit beginnt mit einer Redeschlacht am langen Tisch
Nachrichten Kultur Spielzeit beginnt mit einer Redeschlacht am langen Tisch
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10:31 13.09.2011
Von Heinrich Thies
Schuldig oder nicht schuldig: Geschworene im Streit. Quelle: Andreas Hartmann
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Besonders aufregend mutet das Ganze eigentlich nicht an. Die Bühne wird zwei Stunden lang beherrscht von einem langen Tisch, und die zwölf Tischgenossen haben nicht mal Namen, sondern nur Nummern. Und sie kauen die ganze Zeit die gleiche Geschichte durch – immer wieder und zunehmend genervt. Dabei ist es ziemlich heiß.

Doch es geht um Leben und Tod, um „schuldig“ oder „nicht schuldig“. Denn bei den Namenlosen handelt es sich um Geschworene, die darüber zu befinden haben, ob ein 18-Jähriger seinen Vater tatsächlich kaltblütig erstochen hat und darum zum Tode verurteilt werden soll. Die Beweislast ist erdrückend. Als sich nach dem Ende des Mordprozesses die zwölf Geschworenen zur Beratung zurückziehen, scheint der Fall klar zu sein. Doch einer der zwölf, der Geschworene Nummer acht, hat Zweifel und beginnt mit der Rekonstruktion des Tathergangs – gegen den Protest der anderen, die aus Gründen der Bequemlichkeit an einem schnellen Schuldspruch interessiert sind. Doch weil das Votum einstimmig sein muss, müssen sie sich auf die mühselige Wahrheitsfindung einlassen.

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Jede Figur hat unverwechselbares Profil

Bekannt geworden sind „Die zwölf ­Geschworenen“ schon 1957 durch den gleichnamigen Filmklassiker mit Henry Fonda. Bereits ein Jahr später schrieb Horst Budjuhn die deutsche Bühnen­fassung, die den amerikanischen Autor Reginald Rose 1964 veranlasste, eine amerikanische Bühnenfassung nachzulegen. Jetzt setzte das Theater für Niedersachsen das Stück in Szene, um damit im Stadttheater Hildesheim seine neue Spielzeit zu eröffnen.

Doch die Inszenierung kommt nicht eben spektakulär daher. Regisseur Karl-Heinz Ahlers verzichtet auf alle grellen Bühneneffekte und lässt seine Darsteller zwischen Ventilator, Eisschrank, Waschbecken und dem langen Tisch so unbekümmert naturalistisch agieren, wie man es auf deutschen Bühnen heute nur noch selten zu sehen bekommt. Pferdeschwanz und Hochfrisur, Fliege und Zweireiher wirken vielleicht ein bisschen altbacken, aber langweilig wird diese Inszenierung nicht.

Ahlers bietet fein ausgearbeitetes Sprechtheater. Jede seiner namenlosen Figuren gewinnt ein unverwechselbares Profil. Schon bald fügen sich die unterschiedlichen Typen zu einem bunten Panoptikum der amerikanischen Gesellschaft: der auftrumpfende Geschäftsmann, die dicke Supermarktkassiererin, der ordinäre Tankstellenpächter, die schüchterne Hausfrau, die verkniffene Lehrerin, der biedere Uhrmacher, der arrogante Börsenmakler, die Werbekanone, der Emporkömmling, der fette Sportsfreund und eben auch der nachdenkliche Zweifler. Sie brüllen einander an und reden einander ins Gewissen; sie plädieren für Härte und beharren auf ihren Vorurteilen. Doch der Mut und die Beharrlichkeit des Geschworenen Nummer acht führen dazu, dass einer nach dem anderen im Verlauf der turbulenten Redeschlacht ins Nachdenken kommt und sein „schuldig“ in „unschuldig“ verwandelt.

Beifall vom Publikum

Diese Inszenierung ist keine simple Hymne auf Zivilcourage und Gerechtigkeit, sie zeigt vor allem eindrucksvoll, wie sich das Beziehungsgefüge von Menschen in Drucksituationen entwickelt und Fassaden einstürzen. Der auftrumpfende Geschäftsmann zum Beispiel, der so lange gegen „Humanitätsduselei“ gekämpft hat, erweist sich am Ende selbst als gequälte Seele und droht sogar mit Mord.

Dem Premierenpublikum hat’s gefallen. Es feierte das Schauspielertheater mit langem und stürmischem Applaus.

Nächste Vorstellung in Hildesheim am Donnerstag, 15. September, um 19.30 Uhr.

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