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Kultur Regelwut, Regelwandel
Nachrichten Kultur Regelwut, Regelwandel
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20:46 15.01.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Symbolbild Quelle: dpa
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Hannover

Heißt es eigentlich die oder das Mail? Was tun, wenn das Standesamt als Vornamen fürs Kind „Etomnissanctis“ nicht zulässt? Manchmal bleibt was hängen – aber schreibt man hängen bleiben auseinander oder zusammen? Wem solche Fragen auf der Seele lasten, der findet Erleichterung und vielleicht Erleuchtung durch die deutsche Sprachberatung. Die bietet die altehrwürdige Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) sogar telefonisch an.

Wer den Anruf noch scheut, kann jetzt Ermutigung erfahren – durch den Auftritt des wohl wichtigsten deutschen Sprachberaters im Linguistischen Arbeitskreis der Leibniz-Universität. „Es ist doch immer interessant, wenn Leute sich für Sprache interessieren“, konstatiert da Dr. Lutz Kuntzsch („Sagen Sie einfach ,Kunsch‘“). Der sitzt beim GfdS-Servicetelefon am anderen Ende der Leitung – wenn er nicht gerade aufstehen muss, um im Duden, Wahrig oder Pons nachzuschlagen.

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„Das macht Spaß, aber es strengt auch an“, sagt dieser Reisende in linguistischen Grenzgebieten, der seine Doktorarbeit 1988 in Leipzig über Anredefloskeln im DDR-Schriftverkehr vorgelegt hat. Ein Thema, das heute von eher historischem Interesse ist. „Es bleibt auch am Servicetelefon wie im Examen: Man weiß nie, was kommt.“ Das stimmt nicht so ganz, denn die GfdS führt natürlich Statistik: 40 Prozent der Anfragen drehen sich um Vornamen, 25 Prozent um Schreibweisen, jeweils fünf Prozent widmen sich Fragen der Aussprache sowie den Klagen über Sprachverfall, Anglizismen, Lexikologie etc. pp.

„In vielen Branchen gibt es Weiterbildung – ich habe die einfach durch meinen Berufsalltag“, sagt Kuntzsch. Da lernt er beispielsweise, dass Eltern ihre Kinder „Rainbow“, „Pippilotta“, „Legolas“ oder auch „Beton“ nennen wollen, da merkt er, dass er Stammtischwetten entscheiden soll – und oft enttäuschen muss, weil mehr als eine Variante „richtig“ ist.

Doch was heißt schon richtig? Auch die schönste Regel wirkt absonderlich, wenn sich keiner daran hält. „Es geht um die Alltagssprache, und da diktiert die Sprachpraxis den Sprachwandel.“ Was gestern Ausnahme war, kann demnach heute Regel sein und morgen schon veraltet. „Wir setzen auf behutsames Eingreifen zur Pflege der Sprache“, sagt Kuntzsch über seinen Alltag, der für die GfdS viel repräsentativer ist als die Vergabe von Sprachpreisen oder die Bekanntgabe des „Worts des Jahres“, die die älteste deutsche Sprachpflegeeinrichtung Jahr für Jahr ins Licht der Öffentlichkeit rückt.

Ihre Wurzeln hat sie im 1885 gegründeten Allgemeinen Deutschen Sprachverein. Unter ihrem heutigen Namen gegründet wurde die in Wiesbaden residierende GfdS 1947 in Lüneburg. Die erste Anfrage stammte aus Hannover und diente der Klärung, ob es nicht „Durchschreibbuchführung“ statt „Durchschreibebuchführung“ heißen müsse. Eine Antwort ist nicht überliefert. Insgesamt, sagt Kuntzsch, wurden von 1947 bis heute 41 624 schriftliche Anfragen beantwortet.

Und wie ist das nun mit „Etomnissanctis“, einem Vornamen, der immerhin durch alle Heiligen sanktioniert wäre? „Vornamen müssen dem Kindeswohl dienen, lebbar sein und das Geschlecht erkennen lassen“, sagt Kuntzsch. In diesem Fall würde er dann wohl einen eindeutigen Zweitnamen empfehlen, die Entscheidung liegt aber letztlich beim Standesamt. Man kann die oder das Mail sagen. Und ob „hängen bleiben“ auseinander oder zusammen geschrieben wird – da stößt auch Kuntzsch an Erkenntnisgrenzen. „Fragen Sie mich nicht, ich verstehe es nicht.“
Es gibt eben Fälle, da wird Sprachberatung zur Sisyphosarbeit.

Darf man sich den Sprachberater also als glücklichen Menschen vorstellen? „Auf jeden Fall“, sagt Doktor Kuntzsch über seine bisweilen fruchtlose, doch nie freudlose Aufgabe. „Ich bin glücklich.“ Was will man mehr?
Die GfdS bietet ihre Sprachberatung unter der Rufnummer 0 90 01 88 81 28 für 1,86 Euro je Minute an. Für Mitglieder der GfdS (Jahresbeitrag: 40 Euro) ist sie kostenlos.