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Kultur Sprengel-Direktor Krempel will „mehr Noblesse“ für das neue Museum
Nachrichten Kultur Sprengel-Direktor Krempel will „mehr Noblesse“ für das neue Museum
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20:40 29.11.2010
So soll es aussehen: Simulation des Innenraums der Schweizer Architekten Meili + Peter, die den Wettbewerb für die Vergrößerung des Sprengel Museums gewonnen haben Quelle: HAZ
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Belle Etage“, „Enfilade der schönen Räume“, „Schöne Flöte von Sälen“: Es hört sich nach Koseworten an, wenn Ulrich Krempel die neue Folge aus Oberlichtsälen im erweiterten Sprengel Museum beschreibt. Er führt Besucher gern zu den Architekturzeichnungen und Modellen im Foyer des Hauses und schreitet dann gewissermaßen mit dem Finger die neuen Prachtsäle ab. Durch ein rotundenartiges Verbindungsstück („Vielleicht der schönste Teil des neuen Museums“) geht der alte Trakt organisch in den neuen über. Rund 20 alte und neue Räume schließen sich so zu einem Rundgang von etwa einem Kilometer zusammen. „Da wird man regelrechte Sonntagsausflüge machen können“, sagt Krempel, und augenzwinkernd fügt er hinzu: „Ich will umkrempeln.“

Dem Museumsdirektor ist die Begeisterung anzumerken, dass das 25-Millionen-Euro-Bauvorhaben – Baubeginn ist für 2012 geplant – trotz Weltwirtschaftskrise auf den Weg gebracht werden konnte. Andere Museen der Stadt mussten zurückstehen. Auch das Museum August Kestner bräuchte eine Erweiterung. Die Politiker aber haben mit der Sprengel-Erweiterung einen Schwerpunkt gesetzt. Nun ist es an den Bürgern, mit Spenden den fehlenden Restbetrag zu ergänzen. Fünf Millionen Euro an Drittmitteln sind nötig, allerdings gibt es erfreulicherweise bereits für mehr als drei Millionen Euro feste Zusagen.

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Mit der Neuordnung seiner Sammlung möchte das Sprengel Museum aufschließen zu zeitgemäßen Museumspräsentationen in Hamburg, München oder im kürzlich wiedereröffneten, viel gelobten Museum Folkwang Essen. Als Leitlinien für die zeitgemäße Neuordnung der Sammlung seines Hauses nennt Ulrich Krempel „eine gewisse Noblesse, ordentliche Distanz für Bilder, Kombination von Künstlern, die zu Lebzeiten verbunden waren“. Werke wie Otto Dix’ eindringlich geschildertes Elternpaar oder Christian Schads porzellanhafte „Lotte“, das Urbild der eleganten Frau der Goldenen Zwanziger, aber auch Plastiken von Henry Moore oder Karl Hartung werden wohl erst dann richtig glänzen können. Auch sind unter den mehr als 50 000 Werken im Depot eine Menge Dinge, die die künftige Schausammlung bereichern und abrunden können.

Krempel möchte „eine unaufdringliche Entwicklungsgeschichte der Moderne“ erzählen, wobei einzelnen Künstlern oder Strömungen wie Max Beckmann, der Neuen Sachlichkeit, Kurt Schwitters, Niki de Saint Phalle und den Nouveau Réalistes sowie Dieter Roth ganze Säle gewidmet sein werden. Neben der Noblesse der Präsentation der millionenschweren Meisterwerke möchte Krempel auch neue Reize setzen. Er träumt davon, neben Fernand Légers tubistisch-kubistischen Figurenzerlegungen dessen rasante Filmexperimente laufen zu lassen. Oder den Malern der Neuen Sachlichkeit die Fotografen des Neuen Sehens der zwanziger Jahre beizugesellen.

Als Auftakt möchte Ulrich Krempel den Besuchern einen starken Dreiklang bieten: Munchs medusenhafter „Weiblicher Halbakt; Das Biest“ von 1902, ein „Blumenstillleben mit Totenköpfen“ des belgischen Eigenbrötlers James Ensor von 1909 und als Charakterköpfe gefasste „Kohlköpfe“ (1903) von Christian Rohlfs, einer Vaterfigur der deutschen Expressionisten. Die Eröffnungsschau des neuen Sprengel Museums wird, wenn alles nach Plan läuft, Mitte 2014 sein. Man kann davon ausgehen, dass es ein Ereignis mit überregionaler Ausstrahlung wird.

Bis dahin befindet sich die erlesene Sammlung klassischer Moderne, die im Grundstock auf den Sammeleifer des hannoverschen Schokoladenfabrikanten Bernhard Sprengel (1899–1985) zurückgeht, noch im engen Klammergriff der Architekturideologie der siebziger Jahre. Man muss „in den Keller“ (Krempel) steigen, um zu den Meisterwerken von Pablo Picasso, Paul Klee oder Kurt Schwitters zu gelangen. Das Architektenbüro Trint, Trint und Quast meinte es gewiss gut mit seinem verspielten Erlebnisparcours im Untergeschoss. Als regelrechte Antimuseums- und Antirepräsentationsarchitektur entsprach das Haus dem damaligen Zeitgeist.

Heute aber möchte man nicht mehr zwischen Kunstwerken umherirren, sondern klaren, möglichst linearen Erzählungen folgen. Auch möchte man ohne Hilfe der Saalaufsicht wieder den Ausgang finden. Und man möchte vielleicht vor dem Verlassen des Museums noch hübschen Nippes im Museumsshop erwerben. All das wird im neuen Sprengel Museum möglich sein. Oben wird „Belle Etage“, „Enfilade der schönen Räume“ und „Schöne Flöte von Sälen“ sein. Und im Untergeschoss, verspricht Krempel, „dürfen sich junge Gegenwartskünstler mit raumbezogenen Installationen ausleben“.

Johanna di Blasi