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00:18 20.10.2014
Martin Parr präsentierte seine Fotoausstellung im Sprengel Museum.
Martin Parr präsentierte seine Fotoausstellung im Sprengel Museum. Quelle: Eberstein
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Hannover

Drei Hotdogs mit Senf- und Ketchupklecksen. Eine Zigarette zwischen grellrot lackierten Fingernägeln und Armkettchen. Ein weißer Pudel mit bunter Baseballkappe und Sonnenbrille. Das sind drei von vielen Bildern der ersten Fotoserie, die den Besucher der neuen Ausstellung im Sprengel Museum empfängt. Andere Fotos dieser Serie zeigen Coladosen oder Schnapsflaschen, Hausschuhe mit rosa Puschel, ein Goldkreuz auf beharrter Männerbrust, glänzende Donuts, braune Brezeln, bleiche Bagel. Es ist die grellbunte Welt des Trashs, der Billigprodukte und des Junkfood, deren Farben Martin Parr mit dem Blitz noch knalliger hervortreten lässt. „Common Sense“, nennt der britische Fotograf diese Serie, also „Gesunder Menschenverstand“.

Der Titel deutet auf die ebenso ironisch-distanzierte wie provokante Nähe suchende Strategie Martin Parrs hin, die quer durch diese opulente Werkschau zu beobachten ist. Immerhin 380 Arbeiten aus acht Fotoserien zeigt die Ausstellung „We Love Britain!“ - und dabei hat Inka Schube, die Fotografiekuratorin des Sprengel Museums, in mehrerer Hinsicht neue Wege beschritten: Zum einen hat Martin Parr auf Einladung des Museums über 16 Monate hinweg britische Spuren in Niedersachsen fotografiert - so ist die für die ganze Ausstellung titelgebende Fotoserie „We Love Britain!“ entstanden. Zum anderen wird statt der Wechselausstellungshalle die größere Enfilade der Oberen Sammlung genutzt - die auch die Präsentation früher Arbeiten Martin Parrs aus dem Bestand der Niedersächsischen Sparkassenstiftung erlaubt.

Das Sprengel Museum zeigt den britischen Fotografen Martin Parr – mit einer Werkschau und Bildern seiner Suche nach britischen Spuren in Niedersachsen.

„Dies ist ein ganz ungewöhnliches und sehr aufwendiges Projekt“, betont Museumschef Reinhard Spieler unter Hinweis auf die Förderung dieses Ausstellungs- und Fotografievorhabens durch die Sparkassenstiftung, den Sparkassen-Kulturfonds, die Sparkasse Hannover und die Nord/LB. Sparkassenstiftungsdirektorin Sabine Schormann hebt hervor, dass die Fotografie seit langem ein besonderer Förder- und Sammelschwerpunkt der Stiftung ist. „Da steckt Herzblut drin - und jahrzehntelanges Engagement für die Fotografie im Norden.“

Ungewöhnlich ist der Blick, den Martin Parr auf die Wirklichkeit wirft. Verfolgen lässt er sich in der Ausstellung von „Common Sense“ bis zu frühen Arbeiten wie „Bad Weather“ oder „Scottish Landscapes“. Und eben in der allein zwei Räume füllenden Dokumentation niedersächsischer „Britishness“.

Die geht ebenso auf die britische Besatzungszeit zurück wie auf die Personalunion, die über 300 Jahre hinweg zu besonderen Beziehungen zwischen Hannover und Großbritannien geführt hat. In Parrs „We Love Britain!“-Serie posieren denn auch Lady-Di-Fans in Hameln, da wird eine britische Armeeunterhose in einem Militärmuseum in Fallingbostel gezeigt oder ein „VIP-Zelt“ mit Büfett - und Königin Elizabeth II. als Pappkameradin. „Die Queen konnte nicht kommen, dafür haben sie diese Pappe geschickt“, konstatiert Parr sarkastisch.

Sein kühler fotografischer Blick hat dazu geführt, dass er erst spät als Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum akzeptiert wurde. Kritikern ist sein Stil bis heute zu provokant, und nicht selten ist ihm vorgeworfen worden, er mache sich über die von ihm Fotografierten lustig. Hat Martin Parr einen besonderen Hang zum Bizarren und Hässlichen, zur Darstellung von Makel und Sentiment? „Solche Seiten gehören zur Wirklichkeit, die meist verleugnet wird“, sagt er. „Ich versuche die Welt zu zeigen - und die ist nicht perfekt.“

„English and proud“

In der Tat. So präsentiert er statt eines festlichen Ballabends in Bergen-Hohne eine müde Putzfrau, die den Boden des Ballsaals der dortigen britischen Kaserne wischt. Statt britischer Überlegenheit hält er einen stoppelhaarigen Männernacken mit der tätowierten Inschrift „English and proud“ fest. Statt royaler Würde zeigt er den leeren Blick eines Dieners, der einen Schirm mit der Aufschrift „Royals aus Hannover“ hält.

Es ist zweifellos ein schmaler Grat zwischen dem anteilnehmenden Zeigen und dem voyeuristischen Vorführen von sozialen Miseren oder Menschen, die vom Leben gezeichnet sind. Der 62-Jährige dokumentiert immer wieder Zustände sozialer Kälte. Doch er ist keineswegs darauf fixiert. Und er begegnet den Objekten seiner Kamera durchaus mit Wärme. Gleich ob es Schützenfestteilnehmer sind, die er in Hannover fotografiert, oder Angehörige der britischen Armee, die er in Fallingbostel mit ihrer ganzen Familie Aufstellung nehmen lässt. „Ich mag Deutschland“, sagt Parr und fügt bekräftigend hinzu: „Ich liebe Deutschland.“

Das wäre dann das freundlich-diplomatische Pendant zum „I love Britain“ dieser Ausstellung. Dabei ist diese Liebeserklärung - nach Parrs früheren Bildern zu urteilen - eher als ironisch gebrochen zu verstehen: „The Cost of Living“ nimmt sich 1989 die soziale Misere im Vereinigten Königreich nach zehn Jahren unter der Regierung Margaret Thatchers vor. Die Serie „The Last Resort“ beleuchtet 1986 den Versuch, in der Bucht von Liverpool für kleine Leute ein zweites Brighton nach dem Vorbild des südenglischen Seebades zu errichten - und zeigt eine Frau, die ihr Badetuch statt am Strand nur auf Beton ausbreiten konnte. Einen sanfteren Blick wirft Parr auf die Landschaften - in seinen Serien „Scottish Landscapes“ und „Postboxes“, die die einsamen Briefkästen auf schottischen Inseln zeigt. Es sind Bilder betörender Ruhe und opaker Farbigkeit.

Hat Fotografie von solcher Qualität im Zeitalter von Internet, Selfies und schnellem Posten noch eine Zukunft? Auf jeden Fall“, sagt Martin Parr. „Es ist die demokratischste Kunstform - und ich bleibe ihr verpflichtet.“

„Hier zu
 arbeiten ist
 eine Freude“

Sie fotografieren seit Langem in Farbe, begonnen haben Sie aber mit Schwarz-Weiß-Bildern. Wie kam es zu dem Wechsel?
Es waren vor allem amerikanische Fotografiepioniere, die mich in dem achtziger Jahren zu diesem Schwenk veranlasst haben, vor allem der Farbpionier William Egglestone.

Schwarz-Weiß gilt ja vielen noch immer als authentisch, Farbe dagegen als ungeeignet für Dokumentarfotografie.
Tja, ich war selbst Schwarz-Weiß-Anhänger, Farbe wurde ja zuerst in der Werbung verwendet. Aber heute stimmen diese Zuweisungen nicht mehr. Farbe ist kein Unterscheidungsmerkmal mehr dafür, ob man es mit dokumentarischer Fotografie zu tun hat oder nicht.

Sie haben für Ihre Serie „We love Britain!“ über 16 Monate hinweg in Niedersachsen recherchiert und fotografiert. Hat sich ihr Bild von Niedersachsen dadurch gewandelt?
Eigentlich nicht. Hier zu arbeiten, ist eine Freude. Ich habe sehr viele angenehme Begegnungen gehabt. Aber das hat mich nicht überrascht. Ich bin schon mehr als 50-mal in Deutschland gewesen, da muss man sein Urteil nicht ständig revidieren.

Und hat sich Ihr Bild von Großbritannien durch die Erfahrungen in Niedersachsen geändert?
Schon eher. Wenn man Landsleute im Ausland trifft, treten zwar erst einmal nur die Klischees deutlicher hervor. Aber mir sind auch die Hierarchien stärker aufgefallen.

Weil Sie hier mit Armeevertretern zu tun hatten?
Nicht nur. Die britische Gesellschaft ist einfach hierarchischer.

Ist das ein Grund dafür, dass britische Offiziere Ihnen ihr Leben in Deutschland als beste Zeit ihres Lebens geschildert haben?
Gut möglich. Aber es liegt auch einfach daran, dass sie hier in schönen, aufgeräumten Orten leben, dass Deutschland ein gut funktionierendes Land ist.

Was ist Ihr nächstes Projekt?
Jetzt plane ich eine Fotoserie in der britischen Hauptstadt. „Das geheime Leben von London“ lautet der Arbeitstitel.

Klingt geheimnisvoll.
Und ist auch spannend.

Martin Parr: „We Love Britain!“. Bis zum 23. Februar.

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