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Kultur Im neuen Kabinett des Abstrakten wird man Akteur
Nachrichten Kultur Im neuen Kabinett des Abstrakten wird man Akteur
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20:44 19.02.2017
Mondrian, Legér und ganz viel Lissitzky – der neue Eindruck des „Kabinetts“. Quelle: Sprengel-Museum
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Hannover

Rot – ein kräftiger, warmer Farbton: Das springt als sinnfälligste Neuigkeit ins Auge. Doch was heißt schon neu? Bereits 1926, im ersten Entwurf von El Lissitzky, waren ja rote Leisten zwischen Wand, Decke und Boden des „Kabinetts der Abstrakten“ vorgesehen.

Die Lissitzky-Arbeit gilt als eines der wichtigsten Artefakte der Moderne. Ein Werk, das Kunstraum und Raumkunst zugleich ist. Das die Künstler einer neuen Zeit würdigen und zugleich selbst ein begehbares Kunstwerk sein sollte – und vielleicht gerade wegen der Kühnheit seines Entwurfs nicht leicht zu endgültiger Form gelangt ist. Jetzt erst, 90 Jahre nach der ersten Materialisierung des Entwurfs, ist der Öffentlichkeit dessen jüngste Umsetzung im Sprengel-Museum übergeben worden.

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Meilenstein der Kunstgeschichte

Kein Wunder, dass dessen Direktor Reinhard Spieler dabei Superlative aneinanderreiht – und das Kabinett als „Inkunabel der Moderne“, „Herzstück der Sammlung“ seines Hauses und „Meilenstein der Kunstgeschichte“ preist.
Sicher ist, dass die jüngste Rekonstruktion des Lissitzky-Raumkunstwerks der (Kunst-)Geschichte auch noch einen neuen Farbton beschert: das „Sprengel-Museum-Lissitzky-Rot“. So nennt die Kuratorin Isabel Schulz jenen Farbton, auf den sie sich nach intensiven Vergleichen von Lissitzkys Entwurfszeichnungen mit dem Rot seiner auch der „neuen Zeit“ gewidmeten „Proun“-Bilder sowie den Graustufen von Schwarz-Weiß-Fotografien festgelegt hat.

Denn rekonstruiert werden sollte – unter wissenschaftlicher Begleitung durch die Kunsthochschule Kassel und die HBK Braunschweig – die 1927 im damaligen Provinzialmuseum, dem heutigen Landesmuseum, unter der Regie von Alexander Dorner geschaffene Version des „Kabinetts“. Und davon existieren eben nur Schwarz-Weiß-Fotos. Der spätere, ohne jedes Rot und auch sonst nur ungefähre Nachbau war nach Spielers Worten spürbar in die Jahre gekommen – von angestoßenen Ecken über klemmende Schiebewände bis zu knarrenden Drehmechanismen.

Die aber gehörten für Lissitzky unbedingt dazu, weil der russische Avantgardekünstler eben nicht nur Mondrian, Legér und andere Abstrakte seiner Zeit zeigen, sondern wie nie zuvor auch den Kunstbetrachter einbeziehen und in einen Kunstakteur verwandeln wollte.

Ein Lissitzky-Bild per Schiebemechanismus hinter einem anderen hervorzuzaubern oder eine der Drehvitrinen zu bewegen – das dürfen Besucher im „Kabinett der Abstrakten“ nicht nur, das geht nun auch reibungsloser als zuvor. Denn bis auf die Kunstwerke ist jetzt alles neu, nachgebaut von der Firma Expomondo. „Wir sind jetzt dichter denn je am Dorner-Bau“, sagt Expomondo-Chef Claus Holtmann, der das Projekt auch finanziert hat. Die Nähe zu der 90 Jahre zuvor entstandenen Variante schlägt sich überdies in einer zweiten Tür nieder, durch die sich ein frappierender Lichteffekt des Lissitzky-Entwurfs im Vorübergehen von der einen zur anderen Tür erleben lässt: Drei der Raumwände haben ein schwarz-weißes Lamellengerippe, das die jeweilige Wand von der einen Seite weiß, von der anderen schwarz erscheinen lässt. „Lissitzky lässt so jeden Gast seines ,Kabinetts’ erleben, dass die Wahrnehmung eines Kunstwerks vom Standpunkt des Betrachters abhängt“, sagt Isabel Schulz. „Er fügt damit den drei Raumdimensionen der Kunst als vierte die Zeit hinzu – und nimmt neben den Kunstproduzenten auch deren Wahrnehmung mit ins Kalkül.“

Mit simuliertem Tageslicht

Zur Exaktheit des Nachbaus gehört nicht nur, dass statt Kunststoffrastern an der Decke jetzt Nesselstoff gespannt ist und am Boden statt grauen Teppichs schwarzes Linoleum liegt wie einst im Provinzialmuseum. Wie dort ist jetzt auch das Fensterkreuz hinter den Stofflamellen zu ahnen, die im Provinzialmuseum das Tageslicht abschirmten. Und wie dort ließe sich jetzt elektronisch gesteuert auch Licht im Tagesverlauf simulieren. Das aber würde das Kabinett, zumindest im Winter, in Dämmerlicht versetzen. Was nicht nur wegen des kräftigen Rots doch schade wäre.     

Parallel zur  Eröffnung startet im Sprengel-Museum am Freitag eine kleine Ausstellung mit Dokumentation zur Geschichte des „Kabinetts“.

Von Daniel Alexander Schacht

19.02.2017
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