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Kultur Sprengel zeigt Fotografien von Viktor Kolár
Nachrichten Kultur Sprengel zeigt Fotografien von Viktor Kolár
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20:12 23.02.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Intimität und Öffentlichkeit: Jahrmarktsvergnügen in Ostrova, der tschechischen Heimat von Viktor Kolár. Foto: Viktor Kolár
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Hannover

Der Dampf einer Lokomotive zieht sich quer durchs Bild, verdeckt die Hügel zweier Abraumhalden, verweht über Laternen und Gleisanlagen - und all das ist noch in einem Baggersee vor den Gleisen gespiegelt. Festgehalten hat diese Panorama der Fotograf Viktor Kolár, und seine Aufnahme ist ein Beispiel dafür, dass Industrielandschaften eine eigentümliche, düstere Poesie zu entfalten vermögen. Seinen Werken, die jetzt im Sprengel-Museum zu sehen sind, ist das besondere Einfühlungsvermögen dieses Künstlers anzumerken, das es erst möglich macht, derart geschundene Landschaften und ihre oft ebenso von der Industrie gezeichneten Bewohner so sensibel festzuhalten.

Außer diesem Vermögen bringt der Fotograf auch noch lebenslange Erfahrung mit den Objekten dieser Bilder mit. Denn sie sind über 30 Jahre hinweg in der Kohle- und Stahlstadt Ostrava, dem „Stahlherz“ Tschechiens, entstanden, wo Kolár geboren und aufgewachsen ist. Und weil schon sein Vater Fotograf war, ist von Kindesbeinen an mit der Erfahrung auch das Gespür für den rechten Augenblick gewachsen, den Kolár spontan bemerkt und dann auf seinen Fotografien festhält: Da ist das kohlegeschwärzte Gesicht eines Bergarbeiters, die laszive Neugier einer jungen Frau in der Tram, der verliebte Blick des Jünglings, der ein Mädchen auf einem Geländer des Autoscooters umarmt - von Halbwüchsigen beobachtet, von einem Kleinkind ignoriert. Auch in dieser Konfrontation von Intimität und Öffentlichkeit liegt eine Poesie der Industriegesellschaft.

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Aber nicht nur solche Milieustudien und Landschaftsporträts hat Fotografie-Kuratorin Inka Schube zu den 58 Bildern dieser vorletzten Kabinettsausstellung im Untergeschoss zusammengestelllt - vor dem Wechsel in größere Räume nach dem Museumsumbau. „In Kolárs Bildern ist die Tradition der surrealistischen Bewegung zu spüren, die in Prag in der Zwischenkriegszeit ebenso stark war wie in Paris“, sagt sie. Manchen Bildern - etwa von einer alten Frau, die eine Taube in der Hand zu zerquetschen scheint, vom glühenden Schlackeabguss in ein Tal oder von Trachtentänzern neben müden Stahlarbeitern - haftet tatsächlich etwas Surreales an.

Doch die Stärke auch dieser Aufnahmen liegt eher in Kolárs hartem Dokumentarismus, der zu Ostblockzeiten auch quer zum geschönten Bild der Gesellschaft stand. Viktor Kolár ging nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 nach Kanada und in die USA. Fünf Jahre später jedoch kehrte er in seine Heimatstadt Ostrava zurück, wo er sich zunächst als Stahlarbeiter „in der Produktion bewähren“ musste und nur nebenbei fotografieren konnte.

Heute ist er längst international anerkannt, hat Preise in den USA und in seiner Heimat erhalten und ist Professor an der berühmten Famu, der Film- und Fernsehfakultät der Prager Akademie der musischen Künste. Auf Inka Schubes Frage, was er dort lehre, soll er „vor allem Empathie“ geantwortet haben. Einfühlung also. Die spürt, wer seine Bilder sieht.

Viktor Kolár. Fotografien. Bis 31. Mai im Sprengel-Museum, Kurt-Schwitters-Platz.

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