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Kultur Staatliche Unterstützung für kleine Buchhandlungen gefordert
Nachrichten Kultur Staatliche Unterstützung für kleine Buchhandlungen gefordert
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18:42 02.04.2013
Lümmeln, lesen und entspannen – in kleinen Buchläden wie der Bücherstube Konertz in Hannover-List geht dem Kauf oft das gemütliche Stöbern in Büchern voraus.Herzog
Lümmeln, lesen und entspannen – in kleinen Buchläden wie der Bücherstube Konertz in Hannover-List geht dem Kauf oft das gemütliche Stöbern in Büchern voraus. Quelle: Nico Herzog
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Hannover

Stöbern zwischen Holzregalen, Schmökern auf dem Sofa, zwischendurch ein Gedankenaustausch mit dem Buchhändler: So sieht das Ideal einer Buchhandlung aus. Doch in der Realität gibt es das immer seltener. Sogar große Buchhandelsketten schließen inzwischen Filialen. Hugendubel ist in Hannover seit Mitte 2012 zwar auch öffentlich der Name der übernommenen Traditionsfirma Schmorl & von Seefeld. In München aber hat Hugendubel Filialen geschlossen, ebenso wie Thalia in Hamburg und Trier und die Mayersche in Hamm, Lüdenscheid und Bochum. Weil immer mehr Leser statt im Buchladen über das Internet kaufen, gerät der Buchhandel vor Ort ins Hintertreffen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verzeichnet 40 Prozent weniger Ausbildungsplätze als im Jahr 2008. In den vergangenen zehn Jahren ist rund ein Viertel der inhabergeführten Buchhandlungen in Deutschland verschwunden. Stefan Weidle, Geschäftsführer des Weidle-Verlages und Vorstandsvorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung, fordert deshalb eine staatliche Förderung nach dem Vorbild der Programmkinos. „Unabhängige Buchhandlungen“, sagt er, „sind im Idealfall nicht nur Verkaufs-, sondern auch Kulturorte.“

Zwischen 5000 und 13000 Euro sollen Buchhandlungen erhalten, die einen bestimmten Umsatzanteil aus dem Verkauf neuer Bücher erzielen, kulturelle Veranstaltungen anbieten und ausreichend beratendes Personal haben. Nach Weidles Modell müssten sich die Buchhändler bewerben, um am Prämientopf von jährlich insgesamt fünf Millionen Euro beteiligt zu werden. „Sie sollen sich nicht auf die faule Haut legen und auf Geld vom Staat vertrauen können, sondern sie müssen etwas dafür tun, um prämiert zu werden“, sagt der Verleger. Eine Jury solle unter Federführung der Kurt-Wolff-Stiftung über die Vergabe der Prämien entscheiden. „Wir unabhängigen Verlage sind die ersten, die unter dem Schwund kleinerer Buchhandlungen leiden. Denn in den großen Ketten kommt unser Programm schlicht nicht vor“, sagt Weidle.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann ließ auf Nachfrage mitteilen, er nehme Weidles Vorschlag sehr ernst. Zur Zeit prüfen Fachleute die rechtliche Umsetzbarkeit des Modells. Ginge es nach Weidle, würden schon 2014 die ersten Gelder fließen. In Frankreich ist ein ähnliches System bereits etabliert.

Ein Beispiel für einen Buchladen, der ohne staatliche Förderung floriert, ist „ocelot“, 2012 in Berlin-Mitte eröffnet. Inhaber Frithjof Klepp hat sich als erster für eine bundesweite Imagekampagne der Agentur Literaturtest porträtieren lassen. Buchhändler von Rügen bis Nürnberg vervollständigten für die Plakataktion den Satz „Meine Stadt braucht mich, weil...“ Bei Klepp lautet das Ende des Satzes „... auch in Zukunft Menschen Orte für Literatur und Geist suchen und besuchen werden.“

Schon von außen lockt sein Laden in der Nähe des Rosenthaler Platzes mit dem Schriftzug „ocelot - not just another bookstore“, die moderne „Centro“-Typografie fällt sofort ins Auge. Das hauseigene Café wirbt mit dem Spruch „Für das nächste Kapitel des Lesens“. Auf den ausladenden Holzbänken im Innern hat eine Künstlerin aus Teheran aus Knoblauch, Münzen, Apfel und Hyazinthen eine kleine Symbol-Installation zum alt-iranischen Frühlingsfest geschaffen.

Die einzelnen Abteilungen des Ladens tragen originelle Namen wie „Heartbeat. Urban Culture“, „Grundlagen. Feines aus Papier“. Politische Literatur findet man unter „Sichtweisen. Menschen in der Welt“, Kinderbücher unter dem Titel „Lila Nashörner“. Der Raum ist heller als die meisten Buchläden, bedient Ansprüche von kühlem Hipster und heißblütigem Buchliebhaber gleichermaßen. Klepp sagt: „Kunden erwarten heute eine bestimmte Ästhetik im Laden. Die Aufenthaltsqualität muss stimmen. Der Bucheinzelhandel hat da viel verpennt.“

Auch im digitalen Bereich ist ocelot Vorreiter. Im Laden gibt es Wlan für die Kunden, unter ocelot.de hat Klepp einen eigenen Internetshop eingerichtet, der Empfehlungen und Bestseller ebenso übersichtlich präsentiert wie in der analogen Welt. Ein markiger Spruch („Die Gedanken sind frei. Portofrei“) weist auf den kostenlosen Versand von Büchern hin. „Viele Kunden bestellen bequem im Internet, holen sich das Buch aber lieber persönlich ab und trinken noch einen Kaffee“, sagt Klepp.

Das ocelot hätte wohl große Chancen auf eine staatliche Förderung nach dem Modell von Stefan Weidle. Klepp würde sich aber gar nicht darum bewerben: „Ich will nicht als aussterbende Spezies behandelt werden. Das würde meine Freiheit einschränken.“

Internetversand und der kleine Buchladen vor Ort stehen für verschiedene Einkaufskulturen. Hier der schnelle Klick auf ein bereits bekanntes Werk, dort das intensive Herantasten an das eine Buch, das man an diesem Tag nach Hause tragen wird. Beflügelt von diesem Gefühl, das nur das Stöbern in Büchern auslöst, die man in die Hand nimmt.

Hildegard George, deren „litera“-Laden in der Jakobistraße in Hannover 2005 zu „Niedersachsens Buchhandlung des Jahres“ gekürt wurde, hält die anvisierte Prämierung jedoch für „genial. Wir kleinen, engagierten Buchhandlungen sind schließlich die direkten Kulturvermittler vor Ort. Das ist eine kulturelle Leistung, die honoriert werden sollte.“ George beobachtet die Entwicklung des Kaufverhaltens mit Sorge: „Viele Kunden kommen von unserem liebevoll gestalteten Schaufenster angelockt in den Laden, sehen sich um - und bestellen dann im Internet bei der Konkurrenz. Dabei gehen wir auf Dauer kaputt.“ Der „litera“-Buchladen habe auch mal Lesungen angeboten, die seien aber ökonomisch nicht mehr tragbar.

Es gibt aber auch Hoffnungsschimmer. George verzeichnet wie viele ihrer Kollegen einen Aufwind kleinerer Buchhandlungen in Folge des Skandals um die Arbeitsbedingungen bei Amazon. Der Versandhandel steht in der Kritik, seine Mitarbeiter auszubeuten. „Eine Kundin hat mir erzählt, sie habe ihren Amazon-Account sofort gelöscht und kaufe jetzt nur noch stationär“, sagt George.