Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Lasterhölle für Transgender-Wesen
Nachrichten Kultur Lasterhölle für Transgender-Wesen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 03.05.2015
Von Jutta Rinas
Foto: Robert Künzli und Sara Eterno in der grellen Operette „Die Fledermaus“ an der Staatsoper Hannover.
Robert Künzli und Sara Eterno in der grellen Operette „Die Fledermaus“ an der Staatsoper Hannover. Quelle: Thomas M. Jauk /Staatsoper Hannover
Anzeige
Hannover

Von wegen lustig. Regisseur Martin G. Berger hat mit Johann Strauß' Operette „Die Fledermaus“ mehr als eine reine Publikumserheiterung im Sinn. Das macht er bei der Premiere in der hannoverschen Staatsoper schon vor der Orchesterouvertüre klar. Da setzt er den Prinzen Orlofsky (Julie-Marie Sundal) nämlich - noch bevor es im Orchestergraben losgeht - allein auf die leere Bühne und lässt ihn mit verschiedenen Arten des Lachens experimentieren. Das geht so lange, bis nach vielem „Haha“, „Hihi“ und „Hoho“ nur noch Grimassen übrigbleiben - und ein ersticktes Flüstern.

Wie ernst der erst 27-jährige Regisseur es mit den gesellschaftskritischen Bezügen des Stückes meint, ist spätestens nach dem Ende des zweiten Aktes klar. Denn Berger, der an der Staatsoper zuletzt für die Junge Oper die Produktion „Krawall“ inszenierte, stattet die „Fledermaus“, die eigentlich von ihrer Doppelbödigkeit, ihrer Ironie, vom raffinierten Spiel mit Schein und Sein lebt, mit einer ziemlich eindeutigen Botschaft aus. „Seid nicht Mädchen oder Jungs, schwul oder hetero, schwarz oder weiß. Jeder soll sein, wie er tief drinnen wirklich ist“, ruft Prinz Orlofsky in der berühmten Champagner-Szene dem Volk und auch dem hannoverschen Publikum zu. Einen Staat nach den Prinzipien von „König Champagner“ fordert er, einen, der alle klassischen Geschlechterrollen negiert. Dann entblößt er sich - selbst in einem riesigen Champagnerglas stehend-, für einen kurzen Moment, so dass man Brüste und ein männliches Geschlechtsteil sieht.

Aus Johann Strauß' "Fledermaus" wird in der Staatsoper Hannover ein flammendes Plädoyer gegen gängige Geschlechteridentitäten.

Regisseur Martin G. Berger hat die im Libretto von Richard Genée und Karl Haffner nach der Komödie „Le Révellion“ von Henri Meilhac und Ludovic Halévy so raffiniert angelegte Ambivalenz der Verhältnisse in die Geschlechterrollen hinein verlegt. Mit seiner „Fledermaus“ - einer Art Bekenntnisoperette - kommen gesellschaftliche Veränderungen wie der Welterfolg der berühmtesten Frau mit Bart, der ESC-Gewinnerin Conchita Wurst, auch in der Oper an.

Das wirkt oft bizarr und manchmal - wie bei der Rede des Prinzen, einer Hosenrolle, in der passenderweise eine Frau einen Mann spielt, - ein bisschen pathetisch. Manchmal fühlt man sich fast schon, als wohne man unfreiwillig einem ziemlich dramatisch inszenierten Schwulen- oder Transsexuellen-Outing bei. Etwa an der Stelle, als Rosalinde (Sara Eterno) als falsche Ungarin voller Melancholie die „Klänge der Heimat“ besingt. In Hannover ist sie dabei gekleidet, als wolle sie sich für die Hauptrolle im zweiten Teil von E. L. James’ „Shades of Grey“ bewerben. Um sie herum vergnügen sich Männer in Stöckelschuhen und Strapsen und Frauen mit angemalten Bärten und Smokinghosen währenddessen lustvoll miteinander.

Die Sehnsucht aller Zwitterwesen

Johann Strauß’ wunderbarer Csardas, mit dem in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts oft auch kitschige Heimatromantisierung betrieben wurde, steht plötzlich für die Sehnsucht all dieser Zwitterwesen nach Heimat. Sie fordern - unterstrichen von rund 140 Jahre alter Musik - einen Platz in der Gesellschaft im 21. Jahrhundert ein.

Eindrucksvoll ist es, wie konsequent Berger seine Lesart der „Fledermaus“ durch alle drei Akte hindurch durchhält - und wie schlüssig sie über weite Strecken ist. Bühnenbildner Florian Parbs beispielsweise hat den Ballsaal des zweiten Aktes mit riesigen Spiegeln ausgestattet, wodurch jede Figur auf der Bühne verdoppelt und verdreifacht wird. Alle Sänger tragen Kostüme in Schwarz-Weiß (Kostüme: Susanne Hubrich). Gerade in den Massenszenen mit dem Chor verstärkt das optisch das Spiel mit den Identitäten noch. Einige der Zwitterwesen klettern zudem im zweiten Akt von der Bühne herunter und versuchen, sich händchenhaltend mit dem Publikum zu verbrüdern. Manche der Opernbesucher greifen zu, andere sitzen indigniert da, während die intersexuellen Wesen in den Rängen golden flimmernde Banner entrollen. „Duidu, Duidu“ aus „Brüderlein und Schwesterlein“ schallt es dazu von allen Seiten beschwingt durch die Oper. Was für ein Spektakel!

Ein bewegtes Publikum

Nach der Pause ist es ausgerechnet der betrunkene Gefängniswärter Frosch (Steffen Scheumann), der mit bemerkenswert schlicht und trocken formulierten Einsichten wieder für Bodenständigkeit sorgt. Direkt an die „lieben Regisseure“ wendet er sich, die dauernd irgendwelche „Analysen der Kaputtheit“ betrieben. Das finde er „nicht so toll“. Wenn man nicht „vegan, glutenfrei, schwul oder transsexuell“ lebe, gelte man ja schon als homophob, beschwert er sich und gesteht: „Ich mag Frauen, ich esse Klopse, ich gucke Fußball und, ja, ich trinke auch Alkohol.“ Und die Lästereien über Frauen und Ausländer geraten zu immer heftigeren Stammtischparolen.

Gelächter und zustimmende Rufe erntet er dafür, aber auch ein erregtes „Aufhören“. Das zeigt, wie sehr das Gehörte das Publikum bewegt. Weitere ungewohnte Pointen in der von Martin G. Berger selbst erarbeiteten, sehr heutigen Textfassung fliegen in schnellem Tempo zwischen Adele (Ania Vegry), Ida (Stella Motina), Gefängnisdirektor Frank (Frank Schneiders) Gabriel von Eisenstein (Robert Künzli), Alfred (Sung-Keun Park), Dr. Blind (Gevorg Hakobjan) und Dr. Falke (Stefan Adam) hin- und her. Es ist soviel los auf der Bühne, dass man darüber manchmal fast die wunderbare Straußsche Musik vergisst.

Dabei wird sie hier so stark interpretiert! Die Sänger bieten eine ebenso geschlossene wie herausragende Ensembleleistung: gesanglich und schauspielerisch. Und das niedersächsische Staatsorchester unter Benjamin Reiners taucht ganz tief ein in die Welt dieses so verführerischen Werkes. Klangverliebt, charmant, voller Leichtigkeit klingt es aus dem Orchestergraben und im dritten Akt auch von der Bühne. Am Ende gibt es großen Applaus - abgesehen von ein paar Pfiffen für das Regieteam.

Nächste Aufführungen

Wieder am: 9. Mai um 19.30 Uhr, 14. und 25. Mai um 18.30 Uhr und am 3. Juni um 19.30 Uhr. Weiter Informationen gibt es unter staatstheater-hannover.de.

Kultur Neues Tocotronic-Album - Zwölf Songs über die Liebe
02.05.2015
Kultur Sean Penn in „The Gunman“ - Ballern, stechen, Knochen brechen
29.04.2015
29.04.2015