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Kultur Staatsorchester begeistert in der Oper Hannover
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00:15 04.01.2013
Von Rainer Wagner
Stimmung auf dem Podest – Karen Kamensek nimmt im Opernhaus das Publikum mit. Quelle: Natalie Becker
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Hannover

Für alle Besucher, die mittags um zwölf noch nicht ganz wach waren, kam dieses Stück gerade recht: Michael Torkes „Bright Blue Music“ ist nämlich vor allem laut. Sehr laut. Und sehr schrill.

Mit diesen knapp zehn Minuten Musik weckte Generalmusikdirektorin Karen Kamensek beim diesjährigen Neujahrskonzert auch den müdesten Geist auf. Einen „euphorisch torkelnden Walzer“ nannte Chefdramaturg Klaus Angermann in seiner Moderation dieses Stück, der amerikanische Musikkritiker John von Rhein musste bei einer Aufführung daran denken, was passiert, wenn der Komponist John Adams zugedröhnt zu viel „Rosenkavalier“ höre. Von den Qualitäten eines John Adams (demnächst mehr von ihm beim nächsten Abo-Konzert des Staatsorchesters) ist Michael Torkes frühes Stück allerdings doch deutlich entfernt, auch wenn er sich selbst ebenfalls als „Postminimalist“ einordnet.

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„Gute Vorsätze“ war das Motto des Programms. Das bot Angermann jede Menge Gelegenheit, seinen Wortwitz zu zünden. Zur pointiert vorgetragenen „Tritsch-Tratsch-Polka“ von Johann Strauß (Sohn) machte er den Vorschlag, man möge doch künftig statt Hintenrumgetratsche die Menschen lieber frontal beleidigen, das sorge für ein aufregenderes Leben.

Auf die zeitlose Huldigung an den Klatsch folgte ein Ausflug ins Reich der Originalklanginstrumente. Für Leroy Andersons „The Typewriter“ braucht man nämlich eine authentische Schreibmaschine und für dessen „Sandpapier Ballet“ originales Schleifpapier - die Schlagzeuger des Staatsorchesters sind jeder Herausforderung gewachsen. Leroy Anderson darf neben P. D. Q. Bach und Gerald Hoffnung nicht fehlen, wenn sich Klassiker humoristisch geben. Seine kleinen Paradestücke machen immer wieder Spaß. Auch den Musikern, die Leroy Andersons „Waltzing Cat“ mit Hundegebell aufwecken dürfen. Und die sich im „Ägyptischen Marsch“ von Johann Strauß mit Sangesfreude als Chor vorstellen.

Das Zwischenspiel aus Franz Schmidts Oper „Notre Dame“ präsentierte das Staatsorchester danach, als habe der Wiener Spätromantiker Schmidt hier Musik für einen Cinemascope-Film komponiert: für ganz breite Leinwand.

Dass Hannovers Generalmusikdirektorin Karen Kamensek ebenso smart wie kompetent ist, wusste man. Dass die Konzertmeisterin Lucja Madziar nicht nur musikalisch ein Gewinn für das Orchester ist, durfte man auch schon erfahren - und diesmal auch sehen, dass ihr Rückendekolleté viel zu aufregend ist, um es in einem Orchestergraben zu verstecken.

Und doch stahl an diesem Mittag beiden Frauen eine Musikerkollegin die Show: Lucero Tena schüttelte als Kastagnetten-Virtuosin die Klangeffekte aus dem Handgelenk. Vor der Pause mit Manuel de Fallas Danza aus der Oper „La vida breve“, in der zweiten Hälfte mit dem „Spanischen Marsch“ von Johann Strauß und dem ohrwurmträchtigen Intermedio aus der Zarzuela „La Boda de Luis Alonso“ spielte sie sich - quasi im Handumdrehen - in die Herzen der Zuhörer. Das riss manche Zuhörer von den Sitzen (beim Applaus) und wurde dem neuen Verdikt des Kolumnisten Harald Martenstein gerecht, der neulich in einem Rundfunkgespräch Hannover das Neapel Deutschlands nannte.

Weil es in der spanischen Operette um die Heiratspläne eines alternden Tanzlehrers geht, verkniff sich Klaus Angermann den Hinweis nicht, man solle nicht auf die dritten Zähne warten, um zu klappern. Aber so elegant und mitreißend wie Lucero Tena muss man erst mal die Kastagnetten aus dem Feuer holen können.

Begonnen hatte der zweite Teil mit John Williams’ olympischer Fanfare für die Spiele in Los Angeles - eine der wenigen olympischen Auftrittssignale, die auch nach Jahrzehnten noch im Ohr sind. Williams ist nicht nur einer der erfolgreichsten Filmkomponisten, sondern auch Liebling aller Blechbläser, wenn die die Arbeit nicht scheuen. Seit Erich Maria Korngold hat wohl kein Hollywood-Genius die Hörner, die Trompeten und das tiefe Blech so virtuos eingesetzt wie Williams.

Dass er aber immer wieder neue und andere Klangeffekte herbeizaubern kann, bewies zum Abschluss eine sinfonische Suite aus seinen „Harry Potter“-Partituren. Zuvor hatte es mit Amilcare Ponchiellis „Tanz der Stunden“ ein Beispiel dafür gegeben, was der Film aus Musik machen kann. Wer jemals Walt Disneys Zeichentrickfilm „Fantasia“ gesehen hat, muss bei dieser Musik unweigerlich an das Nilpferdballett denken, selbst wenn die Musiker noch so leichtfüßig agieren wie in der hannoverschen Staatsoper.

Angermann nutzte noch die Chance, mit seiner fränkischen Konsonantenschleifmaschine die unsterbliche Sportartenkombination „Baseball, Basketball und Bolo“ einzuführen, dann gab es als Zugabe den an Neujahr offenbar unvermeidlichen „Radetzky-Marsch“ von Johann Strauß (Vater). Das Publikum im ausverkauften Opernhaus ließ sich gern mitreißen und wurde mit einem Luftballon-Re(i)gen belohnt. Ein Knalleffekt zum neuen Jahr.

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