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Kultur Stargeiger David Garrett begeistert bei Konzert in Hannover
Nachrichten Kultur Stargeiger David Garrett begeistert bei Konzert in Hannover
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23:09 16.11.2010
David Garrett fidelt in der TUI Arena mit Hut und Leidenschaft – und der Unterstützung von Gitarrist Marcus Wolf.
David Garrett fidelt in der TUI Arena mit Hut und Leidenschaft – und der Unterstützung von Gitarrist Marcus Wolf. Quelle: Frank Wilde
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Die Neue Philharmonie Frankfurt legt Led Zeppelins „Kashmir“-Klänge aus wie das gleichnamige Luxuswollgewebe, dann kommt David Garrett als Quereinsteiger durch die ausverkaufte TUI Arena und sägt elektroverstärkte Akkorde aus, ehe er eine schmelzende Melodie hinterherschiebt. Und das Publikum ist einge­wickelt, die fast halbstündige Verspätung beinahe vergessen. Grund dafür waren aber kilometerlange Staus auf dem Messeschnellweg. Konzertbesucher hatten sich teils stundenlang gedulden müssen, um auf die Parkplätze zu gelangen.

David Garrett ist auf Erfolgstournee und räumt mit seinen „Rock Symphonies“ auch in Hannover ab. Auf Rock folgt Klassik, und dann ist nicht alles, was er geigt, so auch vorgeschrieben, aber ein bisschen Effektmachen ist schon erlaubt, wenn man der Popstar der Cross­over-Klassik ist. Beethoven dürfte seine Fünfte kaum wiedererkannt haben und die Tonarten auch nicht.

Garrett ist ein Teufelsgeiger, der auch mit Hut aussieht wie der nette Kerl von nebenan, nur attraktiver. Er ist smart und eloquent und damit der beste Botschafter der eigenen Sache. Weshalb er eigentlich in keiner Talkshow fehlt, in der man auch seine Geige auspacken und spielen darf.

Dabei hat der Sohn eines deutschen Juristen und einer amerikanischen Primaballerina, der eigentlich David Bongartz heißt, eine klassische Ausbildung – unter anderem an der renommierten New Yorker Juilliard School– hinter sich. Doch danach erfand er sich selbst neu, wobei ihm gewiss Erfahrungen halfen, die er sammeln konnte, als er sein Studium als Model und Straßenmusiker finanzierte.

Garrett ist ein Crossover-Musiker, der das eine tun und das andere nicht lassen will. Weshalb jetzt mancher Fan leicht irritiert ist, wenn Garrett ganz klassisch auftritt (mancher Kritiker ist es dann allerdings auch). Doch an diesem Abend kommt es auf Nuancen nicht an.

Das ist große, zumindest aber sehr laute Show und gute Unterhaltung, auch wenn im verstärkten Geigensound untergeht, ob Garrett nun seine wertvolle Guadagnini- oder seine kostbare Stradivari-Geige streicht und gelegentlich auch zupft. Garretts erfolgreiche Saitensprünge durch die Musikgeschichte gehen in die Beine und manchmal auch in die Augenwinkel, wenn etwa „I stand by you“ zur Hymne der Liebenden wird. Das fetzt, und das funkelt; zumindest wenn das Bodenfeuerwerk mal wieder hochschießt.

Dass bei „Rock Symphonies“ die Sinfoniker weitgehend für Weiche-Watte-Verpackung zuständig sind, das kennt man, seit der Traum von der Versöhnung der Genres geträumt wird. Da wird dann schon mal das Horn für Nirvanas ­Grunge-Sound bemüht: Riecht so der „Teen Spirit“? Dafür muss Garrett immer wieder sägen und schrubben, weil nur so die Sologeige sich klanglich behaupten kann. Aber dann dürfen doch immer wieder Kantilenen durch die nicht sehr stimmungsstarke TUI Arena schweben, dann lässt Garrett nicht nur sein videovergrößertes Lächeln, sondern auch seinen Geigenton strahlen.

Beim „Czardas“ von Vittorio Monti gibt sich Garrett ganz kammermusikalisch, ehe dann doch die Post abgeht.

Weil ihm mittlerweile drei Prozent der veranstaltenden Deutschen Entertainment AG gehören, kann sich Garrett doppelt freuen, dass an diesem Dienstagabend die TUI Arena in Hannover ausverkauft ist und bereits der Vorverkauf für Zusatzkonzerte im nächsten Frühling läuft. Dann wird Garrett mit seiner „Rock Symphonies Tour“ am 18. Mai wieder in der TUI Arena auftreten. Wer ihn allerdings als klassischen Geiger erleben will, der muss Anfang Mai schon nach Berlin, Hamburg oder Frankfurt fahren, wo er dann mit der Russischen Nationalphilharmonie in klassischen Konzertsälen auftritt und Peter Tschaikowskys Violinkonzert anstimmen wird. Garrett will eben nicht nur der Mario Barth der geigenden Unterhalter sein, sondern auch als Künstler ernst genommen werden. Und gibt sich selbst bei den Zugaben ganz ausgewogen, mal klassisch, mal poppig.

Das ist Musik für alle, die weiter als bis Dreiviertel zählen können: Garrett als André Rieu für Rocker, als Barde zwischen Bach und den Beatles. Das alles hat seine Tradition, schließlich gehörte ein fideler Fiddler schon immer zur Folkmusik, spielten Geiger gerne zum Tanz auf. Geiger wie Helmut Zacharias (Schlager) oder Stéphane Grappelli (Jazz) haben immer wieder gezeigt, dass ein Geigen-Griffbrett das Sprungbrett zum Erfolg sein kann. Jetzt springt eben Garrett. Und kommt an, nicht immer auf der richtigen Tonhöhe, aber doch ganz oben. Oder zumindest weit vorne.

Rainer Wagner