Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Start mit Höhenflug
Nachrichten Kultur Start mit Höhenflug
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 15.04.2015
Alle Menschen werden Flieger: Die Sydney Dance Company bei Movimentos.
Alle Menschen werden Flieger: Die Sydney Dance Company bei Movimentos. Quelle: Peter Greig
Anzeige
Wolfsburg

Als Kind ließ sich Rafael Bonachela von der Sardegna mitreißen, dem katalanischen Nationaltanz, der meist sonntags nach dem Gottesdienst vor den Kirchen getanzt wird. Er beginnt in kleiner Runde, dann fügen sich immer mehr Menschen dem Kreis ein. Der Tanz ist ein bewegtes Symbol der Einheit.

Bonachela weiß schlüssige und große (Tanz-)Bilder zu entwickeln. Vor vier Jahren betörte der spanische Choreograf mit der Sydney Dance Company erstmals die Movimentos-Besucher im Wolfsburger Kraftwerk. Sein Tanzstück „6 Breaths“ war zu sehen: ein Hohelied auf das, was uns leben lässt. Es war keine aufregende Erzählung, sondern berührte durch Innigkeit.

Die Sydney Dance Company eröffnet die Movimentos-Festwochen der Autostadt in Wolfsburg mit „2 One Another“.

Und nun, zur Eröffnung der 13. Movimentos-Festwochen der Autostadt, die bis einschließlich 17. Mai fast 80 Veranstaltungen in der Wolfsburger Region bündeln, lässt Bonachelas Bewegungssprache das Publikum wieder staunen. Zur Eröffnung gab es die Europapremiere von „2 One Another“. Wie ein Maler zeichnet der spanische „Bewegungsjunkie“, wie er sich in einem Interview selbst einmal bezeichnete, das menschliche Miteinander auf. Acht Tänzerinnen und acht Tänzer, seine ganze Truppe, winden sich so weich durch den Raum, als übe der Körper „contact improvisation“ mit der Luft.

Freund- und Feindschaft, Hass und Zärtlichkeit, alles wissen die 16 Tänzer auszudrücken. Ein frecher Schubser mit der Hüfte, hey, ich bin auch noch hier, ein rabiater Fußtritt, du kannst mich mal, Hände, deren Finger sich krümmen und spreizen, dazwischen hochkomplex verschachtelte Duette und Trios: Wem gerade welches Bein und welcher Arm gehört, wen interessiert’s? Auch ein weit aufgerissener Mund gehört hier zum körperlichen Ausdruck.

Aber auch viele klangliche und farbliche Elemente. Der australische Komponist Nick Wales untermauert die theatralisch ausgeleuchtete Szene mit symphonischem Elektrosound, souverän behaupten sich daneben ein zwischen Renaissance und Barock changierendes Madrigal von Claudio Monteverdi und die junge isländische Cellistin Hildur Guðnadóttir mit ihren eigenen, vulkanisch feurigen Klangfarben. Von Nick Wales stammt auch die Musik des zweiten, aus Sydney angereisten Movimentos-Gastspiels: Shaun Parkers „Am I“ (das vom 22. bis 25. April zu sehen sein wird).

Erstaunlich ist auch das Bühnenbild: eine digitale Pixelwand nimmt den gesamten Hintergrund ein, vor dem sich Solo, Duett, Trio und Tutti rasant abwechseln. Auf ihr blinken die Cursor und leuchten die Dioden, als wollten sie den kriegerischen Kampf und das Liebesgeplänkel kommentieren. „2 One Another“, der Titel ist Programm: zwei einander. Oder: zueinander. Menschen werden eben deshalb zu Individuen, weil sie sich aufeinander beziehen. Und das Digitale der Pixelwand kommt im Titel auch vor.

„2 One Another“ bekam nach der Uraufführung im März 2012 zu Recht mehrere Preise. Allein die Kostüme (und Bühne: Tony Assness) waren ein Wunderwerk der Schneiderkunst. Zunächst trugen die Tänzer hautenge, anthrazitgraue Trikots, die die Körperformen jedes Tänzers betonten; nach dem gleichen Prinzip waren die roten Einteiler weich fließend drapiert, die im letzten Drittel der 65-minütigen Choreografie getragen wurden. Alle Menschen wollen gleich sein – von wegen.

„Frieden“ steht als Motto über den 13. Movimentos-Festwochen. Pech, dass just zum Eröffnungswochenende der Movimentos-Mutterkonzern für friedlose Schlagzeilen sorgte: Die beiden obersten VW-Gehaltsempfänger sollen im Clinch miteinander liegen, so jaulen die Wirtschaftsmedien auf. In Bonachellas Choreografie sind auch lyrische Fragmente des australischen Filmers und Fotografen Samuel Webster zu vernehmen, die hie und da wie Wortwolken aus der Musik auftauchen: „Wir hatten es fast, dann begannst du zu sprechen… und jetzt ist es fort“, ist einmal zu hören. Nicht nur im Tanz kann Schweigen schön sein.

Nächste Tanzpremiere bei Movimentos: GöteborgsOperans Danskompani, Mittwoch, 15. April im Kraftwerk.     

Von Alexandra Glanz

Kultur Premiere im Schauspielhaus - Ein Winternachtsschaum
Ronald Meyer-Arlt 15.04.2015
Kultur Aus Walter Kempowskis „Das Echolot“ - 24-Stunden-Lesung zur Erinnerung an Kriegsende
12.04.2015
Kultur Islamische Kunst in Hamburg - „Die Leiden einer jungen Muslima“
Martina Sulner 11.04.2015