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Kultur Schmelz statt Schmalz
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19:56 21.05.2015
Von Jutta Rinas
Mann der Stunde: Heldentenor Jonas Kaufmann. Quelle: Rainer Droese
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Hannover

Kastagnetten klackern. Spanisches Flair verbreitet sich im fast bis auf den letzten Platz besetzten, hannoverschen Kuppelsaal: ausgelöst von den feurigen Rhythmen des Münchner Rundfunkorchesters unter der Leitung von Jochen Rieder. Aber was hat das bloß in Emmerich Kálmáns Ouvertüre zu der ungarischen „Gräfin Mariza“ zu suchen? Es sind viele ältere Besucher im Publikum, manche, die vermutlich einige Stücke aus dem Operettenprogramm, mit dem Jonas Kaufmann an diesem Abend in Hannover gastiert, noch aus Ernst Stankovskis „Erkennen Sie die Melodie“ oder einem der vielen Formate mit Anneliese Rothenberger kennen.

Interview

Startenor Jonas Kaufmann im Interview.

Viele von ihnen summen am Ende des Konzertes leise mit, wiegen sich sichtlich gerührt im Takt, als der Münchner Startenor nach begeistertem Applaus und Bravorufen Gassenhauer wie Ralph Benatzkys „Es muss was Wunderbares sein“ als Zugaben singt. Aber der Orchesterwalzer aus Franz Lehárs „Giuditta“ ist den meisten dann doch nicht präsent. Und so erschließt sich manchem erst spät, dass Kaufmann sein Programm umgestellt hat - und mit Giuditta und nicht, wie im Programmheft angegeben, mit der Ouvertüre zu „Gräfin Mariza“ beginnt.

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„Ein Lied geht um die Welt“

Der 45-jährige Münchner, weltberühmt als Opern- und Liedsänger, mischt an diesem Abend Operettenpreziosen mit Liedern aus frühen Tonfilmen wie „Ein Lied geht um die Welt“ oder „Liebeskommando“. Schon dass er sich diesem Genre überhaupt widmet, überrascht, immerhin war die Operette jahrzehntelang eher verpönt. Zu groß ist die Gefahr bei dieser Art von Musik, vom Sentiment ins Seichte abzurutschen, zu sehr ist das Genre seit den 70er-, 80erjahren auch vom steifen Charme einer Anneliese Rothenberger und dem Schmäh eines Peter Alexander geprägt.

Dass sich an österreichischen Operetten-Superstars wie Richard Tauber schon in den goldenen Zwanzigern die Geister schieden, beweist überdies ein Zitat, das Karl Kraus zugeschrieben wird. Er soll über Tauber, dessen Welthit „Du bist die Welt für mich“ dem Kaufmann-Abend den Namen gibt, nach einem Auftritt einmal den drastischen Satz gesagt haben, dass es für ihn nichts „Kotzenswürdigeres“ als jenen Richard Tauber gibt. Andererseits: Zu Zeiten Franz Lehárs, ein Lieblingskomponist Hitlers, waren es noch nicht die Lieder aus Amerika, sondern deutsche Schlager und Operettenhits, die international Erfolgsgeschichte schrieben. Diese brach in der NS-Zeit unter anderem deshalb ab, weil die meisten Operettenkomponisten Juden waren.

Kitsch statt Gefühl

Kitsch statt Gefühl, Schmalz statt Schmelz in der Stimme: Es sind solche Auswüchse, die Operettenverächter wie einst Kraus noch heute auf die Palme bringen. Das Erstaunliche an Jonas Kaufmanns Operettenprogramm ist aber, dass der erst 1969 Geborene dem Genre tatsächlich alles Oberflächliche, Verlogene nimmt. Es ist kein Retrokitsch, sondern Wehmut, die glaubhaft gestaltete Sehnsucht nach einer verloren gegangenen Zeit, die bei ihm Lieder wie Kálmáns „Grüß mir mein Wien“ durchziehen. Dramatik blitzt immer wieder in „Du bist die Welt für mich“ auf, und es ist phänomenal zu hören, dass Kaufmann selbst Spitzentöne noch so unter Kontrolle hat, dass er sie kunstvoll gestaltet, dass er sich beispielsweise, um zentrale Silben zu betonen, auch dann noch von leisestem Piano in kürzester Zeit bis ins Forte steigert.

Die Lust an der Verführung, aber auch der Anspielungsreichtum, die Koketterie, von der Stücke wie Robert Stolz’ „Im Traum hast Du mir alles erlaubt“, leben, arbeitet Kaufmann mit Charme, mit kunstvoller Leichtigkeit heraus. Er singt diese Stücke, die nicht für große Konzerthäuser, sondern für den Tonfilm geschrieben wurden, am Mikrofon, was der Sache aber keinen Abbruch tut. Nichts ist an diesem Abend zu dick aufgetragen, auch im Orchester nicht. Selbst wenn Kaufmanns Operettenmelodien im Orchester von der Solovioline noch unterstrichen werden, halten die Musiker die Balance. Die frischen Arrangements von Andreas N. Tarkmann tun ein Übriges, um die Goldies von überflüssiger Patina zu befreien. Und warum man in Richard Taubers Hochzeiten vom „Vertaubern“ sprach, wenn man „Verzaubern“ meinte, ist spätestens nach Kaufmanns herzergreifender Interpretation von Taubers größtem Hit, „Dein ist mein ganzes Herz“, klar.

Auch Werner Richard Heymanns „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ ist am Ende eine Zugabe. An diesem Abend blitzt es - musikalisch - immer wieder im Kuppelsaal auf.

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