Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Und noch mehr Fragen offen
Nachrichten Kultur Und noch mehr Fragen offen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:53 21.10.2014
„Es gibt bekannte Unbekannte und unbekannte Unbekannte“: Stefan Aust (Mitte) und Dirk Laabs mit Moderator Jens Meyer-Kovac (links). Quelle: Tobias Kleinschmidt
Anzeige
Hannover

Drei Rechtsextreme überziehen das Land mit einer Mordserie. Acht türkischstämmige Männer, ein Grieche, eine deutsche Polizistin sind die Opfer. Die Polizei merkt nichts. Jahrelang. Dann begehen zwei der drei Suizid und hinterlassen am Ort ihres Todes reichlich Beweismittel für ihre Täterschaft. So weit, so klar, so einfach? „Tote Täter sind bequem“, sagt Stefan Aust. „Da haben dann alle Ermittler ihre Aufgaben erfüllt.“ Doch tatsächlich seien die Taten, die jahrelang als „Döner-Morde“ in mafiosen Migrantenmilieus eingestuft wurden, alles andere als aufgeklärt.

Kein Wunder, dass der Literarische Salon beim Auftritt von Stefan Aust voll besetzt ist. Aufklärung ist die Erwartung an diesen Abend, der den Titel „Heimatschutz“ trägt. So heißt auch das Buch, das Aust mit seinem Kollegen Dirk Laabs geschrieben hat (Pantheon-Verlag, 22,99 Euro) – und das als gut recherchiertes Ergebnis investigativer Arbeit vereinzelt schon in den Rang eines Standardwerks gehoben wurde. Es wäre nicht das erste Mal, dass der einstige „Konkret“- und „Panorama“-Reporter, der frühere Spiegel-TV- und „Spiegel“-Chef Maßstäbe gesetzt hat. Austs „Baader-Meinhof-Komplex“, 896 Seiten dick, gilt als Standardwerk zum Verhältnis von Staat und Linksterrorismus. Und nun also auf 864 Seiten das Werk zum Rechtsterror?

Anzeige

Der Buchtitel spielt auf den „Thüringer Heimatschutz“ an. Das sind jene Kameradschaften, die den ideologischen Humus für Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt lieferten. Also das Trio, welches angeblich allein den „Nationalsozialistischen Untergrund“, kurz NSU, gebildet hat.

Mehr Fragen als Antworten

Doch von der Entstehung dieser Terrorzelle über ihre Taten bis zum Versagen der Ermittler gibt es um die NSU-Mordserie mehr Fragen als Antworten. Das wird auch im Literarischen Salon bei den Fragen von Moderator Jens Meyer-Kovac schnell deutlich: Waren die drei tatsächlich Einzeltäter? „Es gibt eine große Kontinuität von Personen darüber hinaus“, sagt Aust, „und den Diensten waren diese Netzwerke durchaus bekannt.“ Wollten Polizei und Verfassungsschutz es nicht so genau wissen, war man auf dem rechten Auge blind? Das sei zwar nicht falsch, aber „sehr verkürzt“. Denn man habe das NSU-Umfeld schon in den neunziger Jahren als militant und gefährlich erkannt. „Aber man kann den Eindruck gewinnen“, sagt Aust, „dass die lieber ihre V-Leute schützen als die Mordserie aufklären wollten.“

Diese Haltung mag bestürzen. Doch noch bestürzender ist der mögliche Grund dafür. Dass es den Diensten vor allem darum gegangen sei, diese rechte Szene im Griff zu behalten, liege einfach daran, dass die Alternative dazu, nämlich die Zerschlagung und Auflösung der Kameradschaften, einfach nicht praktikabel sei, sagt Dirk Laabs, der auch Experte für die islamistische Szene ist. „Es gibt in Deutschland mehr als 10 000 gewaltbereite Rechtsextreme – das ist ein Zigfaches der Anzahl gewaltbereiter Islamisten.“ Dabei sei die Durchdringung zwischen rechter Szene und V-Leuten immens. „Viele rechtsextreme Gruppen dulden V-Leute – aus Sorge, dass sie sonst keine staatliche Duldung mehr genießen könnten.“

Vorsichtige Formulierer

Hat man sich also arrangiert, auf Kosten von Rechtssicherheit und Opferschutz? Laabs weist auf die ungeheuerliche Aktenvernichtung des Verfassungsschutzes nach Auffliegen der NSU-Zelle hin und sagt: „Es gibt den Anfangsverdacht, dass es einen Grund gab, diese Akten zu vernichten.“ Aust erinnert an den zeitgleichen Beginn von Banküberfällen und Mordserie mit dem Untertauchen des NSU-Trios und sagt: „Wir glauben nicht, dass das Bundeskriminalamt diese Spur nicht gesehen hat.“

Nun: Glauben heißt nicht wissen. Aust und Laabs formulieren sehr vorsichtig, und am wichtigsten scheint es beiden, die Symptome für eine Kumpanei zwischen Staat und rechter Szene nicht zur Verschwörungstheorie auszubauen. „Die lässt sich allenfalls in der steten Klage höherer Beamter über die Dämlichkeit der Ermittler erblicken“, sagt Aust. Sind – vom Verfassungsschutz bis zu V-Leuten – alle dümmer als die Polizei erlaubt?

In Hannover wüsste man es gern genauer. „Warum soll ich mir Ihr Buch kaufen, wenn Sie da Fragen nur aufwerfen, aber nicht beantworten?“, fragt ein Gast des Literarischen Salons. „Wir erleben ein großes Harmoniebedürfnis in Deutschland“, sagt Aust. „Vielen sind geschlossene Verschwörungstheorien lieber als offene Fragen.“ Dabei sei hier mehr offen, als man ahnen könne: „Es gibt bekannte Unbekannte und unbekannte Unbekannte“, sagt Aust. Immerhin arbeiteten noch mehrere Untersuchungsausschüsse, denn noch sei nicht gesagt, dass das Terrortrio allein gehandelt habe. „Und das macht die Sache nicht besser.“

Das heißt freilich auch, dass das Buch der beiden Autoren zwar zur Aufklärung beiträgt, diese aber nicht abschließt. Das Standardwerk zum Verhältnis von Staat und Rechtsterrorismus muss wohl doch erst noch geschrieben werden.

Nächster Termin

Am 27.10. geht es im Literarischen Salon um das Thema Sterbehilfe. Dazu ist der Arzt und Sterbehelfer Uwe-Christian Arnold eingeladen. Er hat das Buch „Letzte Hilfe. Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben“ geschrieben. Los geht es um 20 Uhr. Der Eintritt kostet 7 Euro, ermäßigt 4 Euro. Weitere Informationen unter: www.literarischer-salon.de

Kultur Berühmter Modedesigner - Stars trauern um Oscar de la Renta
21.10.2014
21.10.2014
Kultur Europäischer Monat der Fotografie - Schürfen, recherchieren
20.10.2014