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Kultur Braucht man Buchhandlungen überhaupt noch?
Nachrichten Kultur Braucht man Buchhandlungen überhaupt noch?
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10:19 25.04.2014
Foto: Ein Streitgespräch zwischen den buch-Experten Stefan Möller und Dirk Eberitzsch.
Ein Streitgespräch zwischen den buch-Experten Stefan Möller und Dirk Eberitzsch. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Herr Möller, Sie sind vom Buchhandel enttäuscht, schreiben Sie in einem Literatur-Blog. Warum?

Möller: Wir haben in Deutschland eine unglaubliche Vielfalt an Verlagen und an Neuerscheinungen auch jenseits der großen Verlage, doch das bildet sich in vielen Buchhandlungen häufig nicht ab. Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich mich in Buchhandlungen – und zwar nicht nur bei den großen Ketten – langweile und nichts finde, was ich nicht schon kenne. All die Alpenkrimis, Wanderhuren und „Fifty Shades of Grey“ öden mich an.

Zu wenig Lyrik und zu viel Fantasy?

Möller: Es geht mir nicht nur um Lyrik, sondern auch darum, dass bestimmte Verlage wie Weidle oder Matthes & Seitz nicht vertreten sind. Mir sind die Bücher aus engagierten Verlagen wichtiger als die Läden.

Stefan Möller

Stefan Möller, geboren in Dessau, arbeitet als Werbetexter und freier Literaturkritiker in Hannover. Der 39-Jährige veröffentlichte im vergangenen Jahr im Literatur-Blog SteglitzMind die Polemik „Lieber stationärer Buchhandel, wir müssen reden!“, der bei Lesern und Buchhändlern zu heftigen Diskussionen führte.

Herr Eberitzsch, hat Herr Möller recht?

Eberitzsch: Manche Ketten machen es falsch, aber wir gehören zu den Buchhandlungen, die es anders, die es gut machen. Wir pflegen auch Kleinstverlage. Sicher, auch wir wollen mit „Fifty Shades of Grey“ Geld verdienen, aber bei uns stimmt die Mischung: Wir haben 50.000 Titel auf Lager – und sind eine Buchhandlung, die komplett Buchhändler beschäftigt.

Und wie viele Lyrikbände haben Sie im Laden?

Eberitzsch: Da gibt es ein ganzes Regal mit Lyrik und eines mit Klassikern. Warenwirtschaftlich muss man sagen: Das sollte eigentlich raus, aber wir wollen das anbieten. Solange sich ein Titel einmal im Jahr verkauft, bleibt er im Bestand.

Das klingt vorbildlich. Herr Möller, Sie aber finden grundsätzlich, dass sich der Buchhandel für Sie als Kunden nicht genug interessiert ...

Möller: Ich gehe in einen Laden, weil ich wissen möchte, was es außer Bestsellern noch gibt. Ein wirklich guter Buchhändler verkauft auch Titel, die ich gar nicht in Betracht gezogen habe, als ich ins Geschäft gekommen bin. Mich stört, dass der Buchhandel für mich kaum gute Angebote bereithält, sich aber beklagt, dass das Geschäft nicht läuft. Da bestelle ich Titel doch lieber direkt bei Verlagen oder suche mir kleine, engagierte Läden wie in Hannover zum Beispiel „MaschaKascha“ ...

Eberitzsch: .. oder Sie kaufen im Netz. Das ist zwar nicht anrüchig, aber man sollte darüber nachdenken, wo man bestellt. Es muss ja nicht Amazon sein, die in Deutschland keine Steuern zahlen, sondern kann ein engagierter Buchhändler sein, der einen Online-Shop betreibt.

Dirk Eberitzsch

Dirk Eberitzsch ist Inhaber der hannoverschen Buchhandlung Leuenhagen & Paris in der Lister Meile. Der 50-Jährige führt das von seinem Großvater gegründete Geschäft in dritter Generation. Leuenhagen & Paris hat 22 Mitarbeiter und gehört zu den Buchhandlungen, die regelmäßig Auszubildende beschäftigen. 

Möller: Die Online-Shops werden den stationären Buchhandel allerdings nicht retten; der Zug ist abgefahren. Dieses Geschäft wird weiterhin Amazon machen. Der Börsenverein und der Buchhandel können ja nicht mal vermitteln, dass Amazon wegen der Buchpreisbindung nicht billiger ist als der Buchladen um die Ecke.

Eberitzsch: Der Buchhandel hat das Online-Geschäft anfangs verschlafen, doch das wandelt sich. Wir zum Beispiel bewerben seit eineinhalb Jahren unseren Online-Shop intensiv, und der kommt bei Kunden gut an. Der macht inzwischen zehn Prozent unseres Umsatzes aus.

Ist es nicht zu simpel, immer über Amazon zu meckern: Hier guter stationärer Buchhandel, dort böser Konzern?

Möller: Ich finde die Diskussion über die schlechten Arbeitsbedingungen und Löhne bei Amazon durchaus geheuchelt. So viel höher ist der Einzelhandelstarif auch nicht, dem sich auch nicht jeder Buchhändler angeschlossen hat. Außerdem stellen viele Buchhandlungen kaum noch Buchhändler an, sondern viele arbeiten verstärkt mit Zeitarbeitskräften. Abgesehen davon muss man sagen: Amazon macht im Netz einfach alles richtig. Deren Seiten sind perfekt gemacht und ein Paradebeispiel dafür, wie man einen verkaufsstarken Online-Shop machen muss, damit er gut läuft.

Eberitzsch: Hinter dem Jammern der vergangenen Jahre steckt natürlich auch eine Portion Frust wegen des großen Erfolgs von Amazon. Wenn nur die Hälfte der Hannoveraner, die dort ihre Bücher bestellen, online bei den Händlern vor Ort blieben, würden wir alle jubeln. Dabei ist vielen Kunden gar nicht klar, dass das Angebot überall das Gleiche ist: Wir alle haben Zugriff auf dasselbe Verzeichnis lieferbarer Bücher.

Amazon verlegt jetzt auch Bücher. Präsentieren Sie die künftig bei Leuenhagen & Paris?

Eberitzsch: Nein, aber nicht als Boykottmaßnahme. Ich bin nun mal Sortimenter und sortiere. Die E-Books, die Amazon verlegt, werden ohne Lektorat und Korrektorat ins Netz gestellt – die Ergebnisse sind zum Teil gruselig.

Möller: Na ja, das Problem existiert schon eine Weile, denn viele Bücher aus Selbst- oder Druckkostenzuschussverlagen sind ähnlich hanebüchen. Gerade auch bei E-Books.

Lesen Sie E-Books?

Möller: Nein, ich mag das einfach nicht, ich habe gern ein schön gestaltetes Buch in der Hand. Und ich nehme im Urlaub gern einen Handkoffer voller Bücher mit.

Eberitzsch: Wir merken jedoch, dass der Anteil der E-Book-Leser steigt; der wird irgendwann bei 20 Prozent liegen. Wenn die Leser ihre elektronischen Bücher nicht bei ihrem Sortimenter herunterladen, was ja möglich ist, wird das vielen Händlern das Genick brechen. Die Entwicklung der E-Books lässt sich allerdings nicht aufhalten. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in fünf Jahren in jedem Buch einen E-Book-Code haben werden. Das heißt: Jeder, der das Buch kauft, wird auch einen Zugang fürs E-Book bekommen.

Möller: Viele Titel, die Geld bringen, werden schon jetzt zu 20 Prozent als E-Book verkauft – Fantasyromane und Krimis zum Beispiel. Das bringt die Händler, die ihr Angebot einseitig auf Bestseller ausrichten, derzeit in Schwierigkeiten.
Eberitzsch: Wir müssen grundsätzlich vermitteln: Lieber Leser, du bekommst bei uns alles – elektronische Lesegeräte, E-Books und gedruckte Bücher. Zur Zeit verkaufen wir übrigens rund 300 E-Books im Monat, das ist schon eine ganz beachtliche Zahl.

Ihre Prognose: Wie wird es in einigen Jahren um den Buchhandel bestellt sein?

Möller: Es wird weiterhin Buchhandlungen geben, allerdings weniger als heute. Ich glaube aber, dass ein Buchhändler, der mit Leidenschaft bei der Sache ist, Erfolg haben kann. Die anderen werden es schwer haben, aber um die ist es auch nicht so schade.

Eberitzsch: Es ist zusätzlich schwer für den Buchhandel, weil die kleinen und mittelgroßen Händler aus den Innenstädten verdrängt wurden. Wenn ich heute in die City wollte, bekäme ich dort keine bezahlbare Fläche mehr. Doch ich bin durchaus optimistisch: Ein engagierter Buchhändler, der wie wir weiter auf Beratung setzt, Buchempfehlungen gibt, Lesungen regelmäßig organisiert und sogar einen kleinen Verlag mitführt, also deutlich mehr bietet, als nur ein Buch ins Regal zu stellen, wird es weiter schaffen.

Interview: Martina Sulner

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