Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Stephan Thomes neuer Roman "Fliehkräfte"
Nachrichten Kultur Stephan Thomes neuer Roman "Fliehkräfte"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:25 23.11.2012
Von Martina Sulner
Stephan Thome Steinweg
Stephan Thome Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Was, fragt sich der junge Wissenschaftler Hartmut Hainbach, was ist eigentlich wichtig in seinem Leben? Nach einem längeren Studienaufenthalt in den USA war er nach Deutschland zurückgekehrt. „Es kommt ihm vor, als ob unaufhaltsam an den Rand seines Lebens rücken würde, was jahrelang im Mittelpunkt gestanden hat. Und die Mitte? Einstweilen ist es leer dort und wird auf unbestimmte Zeit so bleiben. Er kann nur warten.“

Gut 20 Jahre später spürt Hainbach wieder eine Verschiebung in seinem Leben: Mit seiner Frau Maria führt er seit einiger Zeit eine Wochenendehe, die Tochter hat nach dem Abitur das Haus verlassen - und als man Hainbach einen neuen Job anbietet, bekommt er Panik. Der Endfünfziger setzt sich in seinen Passat und fährt bis nach Portugal, in die Heimat seiner Frau; die Fahrt gerät auch zur Reise in die Vergangenheit. In seinem zweiten Roman „Fliehkräfte“ erzählt Stephan Thome eine klassische Geschichte: Der Ausbruch aus dem Alltag verbindet sich mit der Rückschau auf ein Leben, das plötzlich gar nicht mehr so gelungen scheint. Dabei ist Thomes Protagonist, der zu den klassischen Bildungsaufsteigern der alten Bundesrepublik gehört, eine beachtliche Karriere gelungen. Hainbach, als Sohn eines Handwerkers auf dem Dorf aufgewachsen, hat sein Berufsziel erreicht: Philosophieprofessor. Eigentlich träumten er und seine Frau von einer Stelle in Berlin, doch gereicht hat es dann nur für Bonn.

Langsam, mit immer neuen Details, immer mehr Rückblenden, die überraschende Facetten von Hainbach zeigen, erzählt der Autor dessen Geschichte. Es ist die eines Mannes, der eher zu den Nachzüglern und Außenseitern zählt. Mit den 68ern fremdelte er als junger Mann ebenso wie später mit der alteingesessenen Professorenschaft und der Berliner Theaterszene, in der sich seine Frau bewegt.

Thome erzählt realistisch und nimmt sich viel Zeit, die Geschichte zu entwickeln, die in vielen Passagen überraschend witzig und boshaft ist. Nach und nach mag man diesen drögen Professor immer mehr, der nicht zu Eskapaden oder emotionalen Ausbrüchen neigt und sich ziemlich oft Gedanken über seine Rentenbezüge macht.

Mit „Fliehkräfte“ zählte Thome im Herbst zu den Kandidaten für den Deutschen Buchpreis. Erhalten hat ihn schließlich Ursula Krechel für „Landgericht“. Schon mit seinem Debüt „Grenzgang“ stand der 1972 geborene Autor vor drei Jahren auf der Shortlist für die Auszeichnung. Als dieser Roman, für den er den Aspekte-Literaturpreis erhalten hat, erschien, staunten zahlreiche Kritiker, weil dieser Autor quasi aus dem Nichts auftauchte. Dabei hatte der promovierte Philosoph und Sinologe, der gut ein Jahrzehnt in Asien, vor allem in Taiwan, gelebt hat, schon lange geschrieben - doch keinen Verlag gefunden. In dieser Zeit, sagte Thome jüngst bei einer Lesung in Lüneburg, habe er sich ausprobiert und seinen Stil entwickelt.

Von Taiwan aus hat Thome das Leben und die Atmosphäre in Deutschland sehr genau und treffend in den Blick genommen. Doch Deutschland will der Autor, der Asien vor gut einem Jahr verlassen hat und seitdem hier lebt, bald wieder den Rücken kehren. Thome sucht eine Wohnung in Portugal - dort, wo auch sein Protagonist Hartmut Hainbach die glücklichsten Ferienstunden seines Lebens verbracht hat.

Stephan Thome: „Fliehkräfte“. Suhrkamp. 474 Seiten, 22,95 Euro.

Rainer Wagner 23.11.2012
23.11.2012