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Kultur Meister in Schwarz-Weiß
Nachrichten Kultur Meister in Schwarz-Weiß
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09:35 27.09.2013
Mit feinem Strich: Max Beckmanns „Nachhauseweg“ (1919). Quelle: Stiftung Ahlers Pro Arte

Die etwa 140 Blätter, gefertigt in Techniken wie Holzschnitt, Radierung, Kupferstich und Lithografie, haben fast ausnahmslos Museumsqualität. Zusammengetragen hat sie der Sammler und Stiftungsgründer Jan A. Ahlers. Zusammengestellt für die Ausstellung wurden sie aus einem größeren Werkfundus von dem Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung München, Michael Semff, der auch Kurator der Schau in der Warmbüchenstrasse ist.

Er ist ein kompetenter Mann mit großem Wissen, in Leidenschaft für die Schönheit der Grafik entbrannt, der seine Auswahl sorgfältig und umsichtig getroffen hat. Wir sehen großartige Bildreihen von expressionistischen Künstlern wie Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff, die das Rückgrat der Sammlung bilden. Aber auch schöne dialogische Gegenüberstellungen über die Jahrhunderte hinweg und mitreißende Serien von Akten und Selbstporträts.

Unter den Selbstporträts beeindrucken zuallererst die von Rembrandt van Rijn und Max Beckmann. Sie nutzten die eigene Person immer wieder als Bildmotiv. Bei Rembrandt hat man den Eindruck, er wolle physiognomische Studien betreiben. Dieser Meister des mimetischen Strichs und eines malerischen Schwarz-weiß präsentiert sich uns in unterschiedlichen Gemüts- und Seelenstimmungen.

Eine hervorragende Radierung „Selbstbildnis mit Mütze und offenem Mund“ (1630) zeigt sein Gesicht von widerstrebenden Empfindungen zwischen Furcht und ungläubigem Staunen bewegt. Ganz anders dagegen Max Beckmann. Er nutzt das Selbstporträt zur autobiografischen Selbstdarstellung in der Rolle des erfolgreichen und selbstbewussten, in Zeiten der Verfolgung und Emigration aber auch elenden Künstlers. Außerdem bringt er sich als Protagonist in erzählende Bildreihen ein wie in die großformatigen Lithografien „Die Hölle“ (1919), deren Thema die Schocks des ersten Weltkriegs sind.

Aus den zahlreichen Werken von Ludwig Kirchner ragt der hochformatige „Akt mit schwarzem Hut“ (1912) hervor. Der Holzschnitt folgt einem Gemälde des Künstlers und zeigt seine damalige Geliebte Doris Große in seinem Dresdener Atelier, nackt bis auf den großen Hut und die Schuhe. Inspiriert zu dem Bild hatte ihn nach eigenem Eingeständnis die „Venus“ von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahre 1532. Kirchners Frau ist im Gegensatz zur ätherischen Anmut der Venus von einer selbstbewussten, geradezu aggressiven Erotik.

Das unterscheidet den Akt auch von der „Stehenden“ von Erich Heckel, ebenfalls aus dem Jahr 1912, die sich weitaus gefälliger, lieblicher und dekorativer den Blicken des Betrachters darbietet. Heckel bewunderte wie Kirchner die Cranach-Venus, und es scheint nicht abwegig zu vermuten, dass die beiden „Brücke“-Maler seinerzeit mit ihren Blättern in einen Konkurrenzkampf um die beste Paraphrase des Gemäldes eintraten.

Unter den frühen Werken ist die „Nemesis (Das große Glück)“ von Albrecht Dürer aus dem Jahre 1501/02 bemerkenswert. Es zeigt auf einer Weltkugel eine Allegorie, die Züge der Glücksgöttin Fortuna und der Rachegöttin Nemesis trägt. In ihren Händen hält sie einen Becher als Lohn für gute Taten und Zügel, um sie dem Unbeherrschten anzulegen. Dürer hat ihren geflügelten Körper nach der Proportionslehre des Vitruv gestaltet.

Auch hier bewundern wir die präzise Arbeit des Kupferstechers, nicht weniger als in dem Blatt „Der Fahnenschwinger“ (1587) von Hendrick Goltzius. Der junge Mann mit der Fahne tritt mit der Grazie eines Balletttänzers in den Krieg ein. Alles auf diesem Blatt ist in Bewegung in einem einzigen harmonischen Linienstrom. Nicht weniger Respekt verdienen die „Kämpfenden Hengste“ (1534) von Hans Baldung Grien. Sein Holzschnitt zeigt keine Naturszene, sondern eine hoch artifizielle Komposition, in der die Tiere zu Symbolen einer animalischen Lust verklärt werden.

Auf dem Weg in die Gegenwart beeindruckt die Paarung einer Ansicht des römischen Kolosseums von Piranesi aus dem 18. Jahrhundert und einer Kopfdarstellung von Dieter Roth aus dem Jahre 1974. Auch wenn die Blätter völlig unterschiedliche Motive zeigen, eint sie doch der kühne Schwung ihrer Rundung.

Was Piranesi und Roth darüber hinaus verbindet, ist der experimentelle Geist ihrer Bilder. Weitere Dialoge, die die Augen öffnen, finden wir zwischen einem poetischen und surrealen Selbstporträt von Marc Chagall aus dem Jahre 1922, der wunderbaren Lithografie „Buste II“ (1960) von Alberto Giacometti und einer zarten und sensiblen Kaltnadelradierung „Frauenkopf mit Tuch“ (1912) von Wilhelm Lehmbruck. Auf einen fantastischen Miniaturkosmos von Paul Klee „Garten der Leidenschaft“ (1913) antwortet der verblüffende Formenreichtum von Picassos „Tête d’homme“ aus dem Jahre 1912.

Im Hauptsaal der Stiftung steht auf einer Staffelei die jüngste Erwerbung des Sammlers Jan A. Ahlers, eine Radierung von Andrea Mantegna „Der Kampf der Meeresgötter“ (vor 1481). Eine formvollendete Choreografie sich bekriegender Körper und zweifellos ein neues Glanzlicht der Sammlung.

„Schwarz auf Weiß. Druckgrafik im Wandel der Zeit von Rembrandt bis Dieter Roth“. Stiftung Ahlers Pro Arte, Warmbüchenstraße 16, Bis 5. Januar 2014.

Von Michael Stoeber

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