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Kultur Stiftung präsentiert Haus Kreienhoop
Nachrichten Kultur Stiftung präsentiert Haus Kreienhoop
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10:11 27.10.2010
Von Martina Sulner
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Es dauerte eine Weile, bis der Literaturbetrieb und die Literaturwissenschaft die Bedeutung Walter Kempowskis erkannten, bis man den Autor als Chronisten deutscher Geschichte und Bürgerlichkeit schätzte.

Vielleicht auch deshalb ordnete Kempowski, der sich zeitlebens mehr Anerkennung gewünscht hätte, sein literarisches Erbe frühzeitig. So gründetet er 2005, zwei Jahre vor seinem Tod, die Stiftung Kreienhoop bei Nartum im Landkreis Rotenburg/Wümme. Sein langjähriges Wohnhaus mitsamt Grundstück sowie umliegenden Flächen gingen an die Stiftung, die am Donnerstag in einer Festveranstaltung präsentiert wird.

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Im Haus Kreienhoop hat Kempowski nahezu alle seine Bücher geschrieben – von „Tadellöser & Wolff“ über „Uns geht’s ja noch gold“ bis zu den „Echolot“-Tagebüchern. Schon jetzt wird es als Kulturzentrum genutzt. Einmal monatlich gibt es dort etwa Treffen, bei denen aus den Büchern des 1929 geborenen Schriftstellers gelesen wird; zudem finden dort Konzerte und Literaturworkshops statt. ­Hildegard Kempowski, die Witwe des Autors, lebt in einem abgegrenzten Bereich des großen Hauses.

Mit einer einmaligen Zustiftung des Landes Niedersachsen (600.000 Euro) sowie der Gemeinde Gyhum, zu der Nartum gehört, und des Landkreises Rotenburg/Wümme (jeweils 300.000 Euro) sollen der Unterhalt des Hauses und die kulturellen Aktivitäten unterstützt werden.

Für die 800-Einwohner-Gemeinde Gyhum sind 300.000 Euro ein stattlicher Betrag. Friedhelm Helberg, Bürgermeister und Mitglied der Stiftungsvorstands, hält das für gut und zukunftsweisend angelegtes Geld. Kreienhoop sei ein „kulturelles Kleinod“, zudem könne das Haus den Kulturtourismus in der Gegend weiter ankurbeln. Außerdem hält Helberg es nicht für ausgeschlossen, dass neben den Erträgen aus dem Stiftungsvermögen auch mal Spenden fließen.

Das frühere Wohnhaus des Schriftstellers ist eine Adresse für Literaturinteressierte, kann aber vielleicht auch zu einem Ort werden, an dem sich Aktivitäten zu Kempowski vernetzen und bündeln lassen. Die 2007 gegründete Kempowski Gesellschaft aus Gießen sei regelmäßig im Gespräch mit Kreienhoop, sagt deren Vereinsvorsitzender Sascha Feuchert, der die Stiftung für eine „ganz tolle Sache“ hält. Außerdem arbeitet die niedersächsische Stiftung mit dem Kempowski Archiv in Rostock zusammen, wo der Autor geboren wurde und aufwuchs.

Stiftung, Archiv und Gesellschaft sind gute Adressen für Enthusiasten und Neugierige. Die wissenschaftliche Arbeit am Werk Kempowskis findet in Berlin statt. Dort liegen Manuskripte seiner Bücher, persönliche Unterlagen und das „Archiv der unpublizierten Autobiographien und Alltagsfotografien“. Hinter diesem etwas umständlichen Namen verbirgt sich Kempowskis Sammlung von Tausenden Tagebüchern und rund 300.000 Fotos, die er auch für seine „Echolot“-Chroniken genutzt hat.

Ursprünglich lagerte das Archiv in der hannoverschen Landesbibliothek. Dort wurde es nach Kempowskis Meinung jedoch nicht genügend gewürdigt und gepflegt – deshalb gab er es an das Archiv der Berliner Akademie der Künste. Teils stiftete er seine Sammlung, teils verkaufte er sie. Über den Kaufpreis wahrten Autor und Akademie Schweigen. Sicher ist nur: Niedersachsen konnte (oder wollte?) das Archiv damals nicht erwerben. Und: Einen Teil des erlösten Geldes – der Verkauf ging 2004 über die Bühne – hat Kempowski für Kreienhoop genutzt.

Heinrich Thies 27.10.2010
27.10.2010