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22:16 22.05.2014
Von Dany Schrader
Ganz lässig: Brigitte Bardot 1956 bei Dreharbeiten zu „Die Braut war viel zu schön“ im Ringelshirt.
Ganz lässig: Brigitte Bardot 1956 bei Dreharbeiten zu „Die Braut war viel zu schön“ im Ringelshirt. Quelle: imago
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„Der Mode entkommt man nicht“, hat Karl Lagerfeld einmal gesagt. Und wenn man von Bondage-Shirts, bauchfreien Tops und Vokuhila-Röcken (vorne kurz, hinten lang), die aktuell so angesagt sind, einmal absieht, hat der Chefdesigner des französischen Couturehauses Chanel wieder einmal recht: Das Ringelshirt ist in diesem Sommer so aktuell wie – ja, so aktuell wie eigentlich immer.

Es gibt kaum ein Kleidungsstück, das so langlebig ist wie das vor rund 150 Jahren erfundene Breton Shirt, das auch als Marinière oder Matelot bekannt ist. Aktuell gibt es wohl nur wenige Menschen, die keines der zahllosen Modelle im Schrank haben, aus welchem Jahrzehnt auch immer. Kate Phelan, Kreativdirektorin der Modekette Topshop und Modechefin der britischen „Vogue“, sagt, sie könne sich dem Charme der Streifen nicht entziehen. Aufgewachsen in einem Fischerort, könne sie nicht aufhören, ständig neue Modelle zu kaufen. So geht es derzeit vielen. Ob rot-weiß, schwarz-weiß oder mal blau-pink – das Breton Shirt ist zurzeit in jeder Kollektion vertreten. Kerstin Görling, Inhaberin des angesagten Frankfurter Designgeschäfts Hayashi und prominente Modebloggerin, bekennt sich ebenfalls zum Ringellook. „Jedes Jahr gibt es das perfekte neue Streifenshirt“, sagt sie.

Eigentlich ist es nur ein gestreiftes Baumwollshirt - doch es legte eine Karriere hin wie kaum ein anderes Kleidungsstück. Wir zeigen Ihnen seine Geschichte und die heutigen Interpretationen.

Die Anziehungskraft, die das der Kleidung französischer Seeleute nachempfundene Shirt auf Frauen und Männer gleichermaßen ausübt, ist schnell erklärt. Das Breton Shirt ist unisex, einfach und schlicht, aber gleichzeitig viel spannender als ein weißes T-Shirt. „Wenn Frauen dazu beispielsweise roten Lippenstift tragen, kann so ein Shirt sogar richtig sexy wirken“, sagt Görling. Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Modeinstituts in Köln sieht in der Vorliebe für die traditionsreichen Streifen auch eine Sehnsucht der Menschen nach Ursprünglichkeit und Authentizität. „Es ist ein Unikat und ein Alleinstellungsmerkmal. Es ist viel mehr Stil als Mode.“

Erfunden wurde das Breton Shirt aber fast hundert Jahre zuvor: Am 27. März 1858 erhielten die Soldaten der französischen Marine ein Oberteil mit blau-weißen Streifen als Uniform. Die Streifen – in Erinnerung an die Siege Napoleons waren es genau 21 – dienten vor allem der Sicherheit: Wenn ein Matrose über Bord ging, konnte er wegen des Musters besser gefunden werden. Diesen Vorteil machten sich später auch andere Seeleute wie Fischer und Hilfsarbeiter zunutze, alle trugen das Shirt. Eines der berühmtesten Modelle brachte das französische Textilunternehmen Saint James im Jahr 1889 auf den Markt: Bis heute wird das „Binic II“ von der Normandie aus in alle Welt verkauft.

Ein ähnliches Modell von Amor Lux wurde von der französischen Modedesignerin Coco Chanel favorisiert, die sich bei einem Aufenthalt an der See Anfang des 20. Jahrhunderts von der strengen Kleiderordnung der Frauen befreite. Im Jahr 1917 nahm sie das Breton Shirt in ihre berühmte „Cruise Collection“ auf – und der Ringellook wurde zum Symbol der reichen Bürger, die die heißen Sommermonate gern an den Küsten verbrachten. Die Adaption eines typischen Kleidungsstücks der Arbeiterklasse in die Welt der weiblichen Mode war Affront und Sensation zugleich – und befreite die feinen Damen der Gesellschaft zugleich vom Korsettzwang und den zugeknöpften Blusen.

Seither ist es nicht mehr aus der Mode, wo es gleichbedeutend mit Pariser Chic gesehen wird, wegzudenken. Picasso, die Beatniks, James Dean, Cary Grant und Brigitte Bardot – sie alle trugen Streifen. Es gibt kaum einen Designer, der das Modell nicht in seinen Kollektionen zitierte: Balmain, Gucci, Givenchy. Jean Paul Gaultier machte die 21 Streifen sogar zu seinem Markenzeichen: Der Couturier ist selten in einem anderen Oberteil zu sehen als einem quergestreiften.
Das Breton Shirt ist zweifellos ein Klassiker. Trotzdem ist es nicht ohne Weiteres möglich, ein Modell aus einem früheren Jahrzehnt zu tragen. „Schnitt und Form variieren und passen sich immer der Mode an“, sagt Gerd Müller Thomkins vom Kölner Modeinstitut. „Machen Sie niemals den Fehler, zu denken, jeder alte Streifen würde gehen“, schrieb einst Imogen Fox, Modeexpertin beim britischen „Guardian“. „Der Schlüssel zur klassischen Schönheit sind der aktuelle Schnitt und die Stärke der Streifen.“ Und was kommt, wenn man der Streifen überdrüssig wird? „Wenn die Varianten nach einigen Jahren ausgereizt sind, folgen auf Streifen – mal metaphorisch gesprochen – wieder einmal Karos“, sagt Thomkins. Auf die aktuelle Mode übertragen bedeutet das übrigens wieder einmal Pariser Chic: Milles Fleurs sind das nächste große Thema – Blumen überall.

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