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Kultur Streit im ehemaligen NS-Musterdorf
Nachrichten Kultur Streit im ehemaligen NS-Musterdorf
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12:20 09.04.2013
Foto: Fachwerkbauten mit Reetdächern prägen den Ortskern von Alt Rehse.
Fachwerkbauten mit Reetdächern prägen den Ortskern von Alt Rehse. Quelle: dpa
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Alt Rehse/Schwerin

Birgit Düwel ist vorsichtig geworden. "Der Denkmalschutz schrieb einem bisher aber auch jede Kleinigkeit vor", sagt die Besitzerin des "Hauses Pommern" aus Alt Rehse im Kreis Mecklenburgische Seenplatte.

Der Grund für ihre Skepsis: Statt bisher einzelner Häuser soll der gesamte Kern des idyllisch am Tollensesee gelegenen ehemaligen nationalsozialistischen Musterdorfes unter Denkmalschutz gestellt werden. Wie Düwel sind aber nicht alle Einwohner damit einverstanden, wie auf einer ersten Informationsveranstaltung am Montagabend im Ort deutlich wurde. "Der Dorfkern mit seinen reetgedeckten Fachwerkhäusern, Freiflächen, Alleen und Straßen mit Granitpflaster ist in seiner Gesamtheit von überregionaler Bedeutung", erläuterte Konservator Jörg Kirchner vom Landesamt für Denkmalpflege. Bewohner der Fachwerkhäuser befürchten mehr Bürokratie und höhere Kosten.

Freiflächen und Pflasterung sollen erhalten bleiben

Alt Rehse sorgte schon mehrfach für Schlagzeilen, gehört es doch neben Prora und Peenemünde zu den wichtigsten Architektur- und Geschichtszeugnissen aus der NS-Zeit. Der Dorfbesitzer wurde 1933 enteignet, das Dorf fast ganz abgerissen und ab 1934 neu aufgebaut. Davon zeugen in den dunklen Fachwerkbalken eingestanzte Häusernamen, wie "Haus Pommern", "Schlesien", "Kurhessen" oder "Hamburg". Die Namen mussten in der DDR-Zeit mit Schildern verdeckt werden.

Zum Dorf gehört auch ein weitläufiger Gutspark. Er diente in der NS-Zeit als "Führerschule der deutschen Ärzteschaft", wo Tausende Mediziner unter anderem in Rassenkunde und Euthanasie geschult wurden.

Der Umgang mit dem Gelände machte den Ort nach 1990 bundesweit bekannt. Die Kassenärztliche Vereinigung hatte den Park zunächst zurückverlangt, verzichtete aber nach jahrelangen Protesten im Dorf im Jahr 2003 darauf. Seither ist viel passiert, vor allem die Fachwerkhäuser wurden saniert. "Das ist teurer als herkömmliche Häuser", ist Düwels Erfahrung.

Mit der Denkmalschutzregelung will Konservator Kirchner vor allem Freiflächen, wie Dorfanger und Dorfteich, sowie die seltene Pflasterung und damit das Gesamtensemble erhalten. "Die Außengestaltung - keine hohen Zäune - ist schon sehr gut gelungen", sagte er. Viele Bewohner befürchten aber, künftig für Zäune und andere Außenanlagen, wie Carports, größere Hürden überwinden zu müssen.

"Vor allem wollen wir aber gleiches Recht für alle", sagte ein Bewohner. So hätten im weitläufigen Park, der von einer alternativen Lebensgemeinschaft bewohnt wird, schon drei Häuser "hässliche Edelstahlschornsteine". Das hätte im Dorf niemand genehmigt bekommen - Kirchner und die Kreisdenkmalbehörde wollen sich darum kümmern.

Goldene Statuen und Tafeln sorgen für Unmut

Auch die Aktion eines anderen Nachbarn stößt auf Unmut: Am großen alten Speicher hat ein Sozialökologe goldene Statuen und Tafeln mit Erklärungen über sein Gesellschaftsmodell angebracht - was kein Einheimischer versteht. "Aber wir müssen uns dafür vor Gästen rechtfertigen", schimpfte ein Dorfbewohner. "Wir werden alle Einwände aufnehmen und das nochmal prüfen", versprach Penzlins Bürgermeister Sven Flechner (parteilos), der für Alt Rehse zuständig ist.

Auch die Grenzen des Gebietes sollen noch einmal überprüft werden. Wie der Konservator glaubt aber auch Flechner, dass eine Denkmalregelung für den Erhalt des Dorfensembles von Nutzen sein kann. Bevor Kommune und Landkreis sich jedoch festlegen, sei eine weitere Diskussion geplant.

dpa

Stefan Arndt 11.04.2013
11.04.2013