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Kultur Streit um Stuttgart 21 als Musical auf der Bühne
Nachrichten Kultur Streit um Stuttgart 21 als Musical auf der Bühne
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15:05 12.05.2011
Der Regisseur Christof Küster hat dabei seine Eindrücke der Schlichtung zu dem umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 umgesetzt. Das Musical wird am Donnerstag uraufgeführt. Quelle: dpa
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Das Studio Theater in Stuttgart fasst gerade mal 58 Sitzplätze - trotzdem wird das Publikum diesmal getrennt wie im Fußballstadion. Schließlich geht es um ein Thema von bundesweitem Interesse: Die Schlichtung zum umstrittenen Milliardenprojekt Stuttgart 21 ist reif für die Bühne. „Die Schlichtung - Das Musical“ zum bislang einzigartigen Faktencheck beschert dem Kellertheater eine nie dagewesene Aufmerksamkeit. Links von der Bühne sitzen die Gegner, rechts die Befürworter des Tiefbahnhofs.

„Die räumliche Trennung ist eher als Witz gedacht“, räumt Regisseur Christof Küster ein. Ob nun für oder gegen den umstrittenen Tiefbahnhof: Über die karikierten Verhandlungsteilnehmer und ihre Allüren könnten beide Seiten ausnahmsweise gemeinsam lachen.

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72 Stunden Schlichtungsgespräche hat Küster in eine 150-minütige Theaterparodie gepresst. „Jeder bekommt sein Fett weg“, sagt er. Eine Steilvorlage für die Adaption boten etwa die Schachtelsätze der damaligen Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) oder die schwäbische Behäbigkeit von Winfried Kretschmann (Grüne), inzwischen Ministerpräsident des Landes. Sein Vorgänger Stefan Mappus (CDU) fällt vor allem dadurch auf, dass er schweigt.

Wie die Vorstadtstücke des Österreichers Johann Nestroy spielt auch Küsters Parodie auf den Brettern einer Kleinbühne. Der Etat zwinge dazu, mit „absurden Mitteln“ zu arbeiten, sagt er: So kleben als Requisiten an den Wänden etwa Märklin-Gleise oder Spielzeugloks, statt Schaubildern und Folien, wie sie bei der Schlichtung Geschichte machten.

Jeder der sieben Darsteller spielt gleich mehrere Rollen, mancher muss während des Stücks auch mal die Seite wechseln. „Genau das macht aber den Reiz aus“, sagt Küster (41). Mehr als 90 Prozent der Dialoge konnte die Theatergruppe wortwörtlich von der Schlichtung übernehmen. „Man spürte die Emotionalität. Wieso also noch ändern?“

Und so sitzen sie da, die Schlichtungsteilnehmer, auf gestapelten Bierkästen, hinter hohen, treppenförmigen Betonklötzen, und brüten über ihren Protokollen. Der Silberblick und ihre giftigen Kommentare verraten Ministerin Gönner - ihr Widersacher ist Tübingens dynamischer Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) mit hochgekrempelten Hosenbeinen und roten Turnschuhen. Grünen-Politiker Winfried Kretschmann schiebt sein Metallgestell von der Nase, fährt sich mit der Hand durchs Gesicht und röchelt in einem schwäbisch-hochdeutschen Kauderwelsch das Mantra: „Es geht um das Koschden-Nutzen-Verhältnis“.

Schließlich wird der Schlichterspruch gemeinsam gefeiert, es zieht eine Polonäse zu „Es gibt ein Licht ganz am Ende des Tunnels“ aus „Starlight Express“ über die Bühne - und Schlichter Heiner Geißler fetzt ein Solo auf der Mundharmonika.

dpa

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