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00:15 15.07.2013
Von Kristian Teetz
„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“: Informanten wie Julian Assange haben es schwer. Quelle: Archiv
Hannover

„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“ Hoffmann von Fallersleben machte mit seinem berühmten Zitat deutlich, was er von Leuten hält, die andere ans Messer liefern. Mit seinem Zorn steht er bis heute nicht allein da: Mit Abscheu wird auf all die Verräter, Denunzianten, Renegaten und Kollaborateure geblickt, die Geschichte und Gegenwart zu bieten haben. Und der kindliche Vorläufer des Verräters, die Petze, hatte früher auch nie einen guten Stand. Spion und Agent werden ein klein wenig wohlwollender beurteilt, sie üben wegen ihres vermeintlich aufregenden Lebens mit viel Action und Leidenschaft und geschütteltem Martini zumindest ein wenig Faszination aus. Dank James Bond.

Nur der Whistleblower steht in einem überaus günstigen Licht. Bradley Manning, Julian Assange, jetzt Edward Snowden – sie alle haben Geheimnisse verraten, Recht gebrochen, Loyalitäten verletzt und werden dennoch zumindest von einer Mehrheit der vernehmbaren Weltöffentlichkeit für ihre Taten gelobt und gefeiert, gar als Helden und Retter der Demokratie verehrt. Die ersten ganz Euphorischen haben schon gefordert, Snowden den Friedensnobelpreis zu verleihen. Whistleblower scheinen so etwas wie die Guten unter den Verrätern zu sein. Aber kann es das überhaupt geben, einen „guten Verrat“? Wann ist Verrat verzeihlich und wann der Verräter verachtenswert?

Schon in den frühesten Überlieferungen finden wir den Verrat. In der griechischen Mythologie gibt Prometheus seinem Halbbruder Zeus ein Geheimnis preis, was dazu führt, dass dieser Kronos als obersten Gott ablöst. Später stiehlt Prometheus den Göttern in einer Frühform der Unternehmensspionage das Feuer und bringt es den Menschen.

Der Apostel Judas gilt als die Personifikation des Verrats schlechthin. Ihn stellen alle vier Evangelien als untreuen Gesellen dar, der die Festnahme Jesu ermöglicht hat. So fällt Jesus in die Hände der Römer und wird gekreuzigt. Der Name Judas wurde zum Sinnbild des habgierigen Verräters, Judasfeindschaft und Antijudaismus flossen im Laufe der Geschichte zusammen.

Allerdings gibt es auch eine positive Interpretation der Tat des Judas Ischariot. Diese spricht ihm eine entscheidende Rolle für das überlieferte Bild von Jesus zu. Im Alten Testament wird prophezeit, dass der Messias von einem Freund verraten wird. Die Untreue dient somit als eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass der Messias überhaupt als Messias akzeptiert wird. Judas begibt sich auf die dunkle Seite der Macht, um Jesus heller strahlen zu lassen. Es lässt sich daher sagen, dass Judas mit seiner Tat Jesus erst zu seiner Bestimmung verhilft. So gesehen hat sein Verrat etwas Gutes.

Die Weltgeschichte ist voll von Verrätern und Spionen. Brutus liefert Caesar (von dem der schöne Satz stammt: „Ich liebe den Verrat, aber ich hasse den Verräter“) ans Messer. Giacomo Casanova wird neben seinem Hang zu schönen Frauen auch eine Spionagetätigkeit für die Republik Venedig nachgesagt. Der Landwirt Franz Raffl verrät 1810 den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer an Napoleons Truppen.

Eine Hochzeit erleben Denunziation, Überwachung und Kollaboration im 20. Jahrhundert. Die wohl berühmteste Spionin, die schöne Tänzerin Mata Hari, wird 1917 hingerichtet. Die Niederländerin soll als Doppelagentin für Deutschland und Frankreich gearbeitet haben. Der sowjetische Spion Richard Sorge erfährt durch seine guten Kontakte zur deutschen Botschaft in Tokio sowohl von den Angriffsplänen der Deutschen auf die Sowjetunion als auch der Japaner auf Pearl Harbor und gibt diese an Stalin weiter. In den USA wurde 1951 das Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg der Atomspionage bezichtigt und zum Tode verurteilt. Wegen des DDR-Spitzels Günter Guillaume musste Willy Brandt 1974 zurücktreten.

Dass Verrat auch eine Frage der Interpretation ist, zeigt der Fall der Männer und Frauen des Widerstands im „Dritten Reich“. Diese diffamierte man noch bis weit in die fünfziger Jahre als illoyal und hinterhältig. Die Attentäter des 20. Juli 1944 wurden als „Verräterclique“ bezeichnet. Heute hat sich die Sicht auf Stauffenberg und seine Mitstreiter gewandelt. „Verrat ist eine Frage des Datums“, sagte der französische Außenminister Talleyrand auf dem Wiener Kongress. Es ist ganz gewiss aber auch eine Frage der historischen Beurteilung.

Ein Verrat hat so gut wie immer eine triadische Struktur, drei Elemente sind beteiligt: ein Verräter, ein Verratener und ein Nutznießer des Verrats. Zwischen dem Verräter und dem Verratenen herrscht ein wie auch immer geartetes Band der Loyalität, dessen Zerstörung im Zentrum der Tat steht. Ein Beispiel für einen klassischen Verrat: Der Kollege A verrät den Kollegen B beim Chef. Damit entscheidet er sich gegen die horizontale Loyalität zu seinem gleichrangigen Mitarbeiter und für die vertikale Loyalität zu seinem Chef.

Auch bei Edward Snowden ist eine triadische Struktur zu erkennen. Er stand in einem Loyalitätsverhältnis zu seinem (nunmehr ehemaligen) Arbeitgeber Booz Allen Hamilton auf Hawaii. Die NSA-Interna, die er auf vier Laptops gespeichert entwendet hat, offenbarte er zunächst der englischen Zeitung „The Guardian“, später auch anderen Medien wie dem „Spiegel“. Nutznießer seines Geheimnisverrats sind die mailenden und surfenden Mitglieder freier westlicher Gesellschaften, die nun wissen, dass amerikanischer und britischer Geheimdienst mitlesen können.

Verräter - das zeigen die Beispiele - sind zwangsläufig immer Personen. Darunter fallen auch juristische Personen wie Vereine und Institutionen. Verraten werden aber können nicht nur Personen, sondern auch Überzeugungen, Geheimnisse, Ideale. Die möglichen Nutznießer des Verrats sind am schwierigsten in eine Form zu gießen. Natürlich können auch hier Personen stehen, aber auch so etwas schwer Fassbares wie „die politische Öffentlichkeit“ oder „die Revolution“.

Im Zentrum eines jeden Verrats steht ein Geheimnis. Der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho spricht von einer Differenz zwischen innen und außen: So hänge die Idee des Verrats zusammen mit der Vorstellung, „etwas ,innen‘ zu haben - einen Plan, eine Strategie, eine geheime Absicht - und dies nach außen so übersetzen zu können, dass das Innere verdeckt wird“. Anders gesagt: Wer ein Geheimnis für sich behalten will, muss seine Gesichtszüge und seine Wortwahl unter Kontrolle haben. Wem das nicht gelingt, der verrät sich. Ein solches Innenleben kann auf verschiedene Art und Weise nach außen gekehrt werden, etwa durch ein freiwilliges oder durch Folter provoziertes Geständnis. Wer spricht, äußert sich. Der Gläubige öffnet sich in der Beichte. So verwundert auch nicht, dass Herrscher und Mächtige gern Priester als Quelle anzapften. So mancher Geistlicher war lange Zeit Geheimdienstmitarbeiter en miniature.

Der Auftritt des Whistleblowers, der lange Zeit negativ konnotiert „Nestbeschmutzer“ hieß, wird häufig mit einer immer komplexer werdenden Welt in Zusammenhang gebracht. In von außen nahezu undurchschaubaren Strukturen sind Korruption und Vertuschung nur von innen aufdeckbar. Kein Außenstehender hätte eine Chance gehabt, die Existenz von so umfassenden Kontrollprogrammen wie Prism und Tempora nachzuweisen. Die allermeisten konnten sie sich in diesem Ausmaß ja nicht einmal vorstellen.

Als erster berühmter Whistleblower gilt Daniel Ellsberg, der 1971 die „Pentagon-Papiere“ öffentlich machte. Diese wiesen die Täuschung der Amerikaner im Vietnam-Krieg durch die US-Regierung nach. Doch hat auch Ellsberg seine Vorläufer. Bereits Anfang des Jahrhunderts führte das beherzte Handeln des Briten Edmund Dene Morel zum Ende des Mordens und Quälens in Belgisch-Kongo. Morel entdeckte als Mitarbeiter der Reederei Elder Dempster, dass deren Schiffe fast ausschließlich Waffen in den Kongo-Freistaat brachten. Er recherchierte, dass in dem Staat die „vielleicht unmenschlichsten Greueltaten begangen wurden, die die Welt je gesehen hatte“ (Philipp Blom). Die Einheimischen wurden für die Herstellung von Kautschuk zu Zwangsarbeit gezwungen, etwa zehn Millionen starben. Morels Indiskretionen und sein Loyalitätsbruch führten letztlich zum Ende der Greuel. Das Ergebnis ist also ein objektiv gutes. Insofern kann man in diesem Fall getrost von einem guten Verrat sprechen.

Ob der Verrat von Snowden als gut gelten kann, hängt davon ab, wie man die Abhörtätigkeit von amerikanischem und britischem Geheimdienst interpretiert. Wer diese in Bausch und Bogen verurteilt, der mag in Snowdens Tat einen heroischen Schlag gegen das Böse sehen. Schließlich ist, so Macho, „überall dort, wo es um Aktionen geht, die geheim bleiben müssen, weil sie nicht legal sind, der Verräter, der die Öffentlichkeit davon in Kenntnis setzt, ein positiv besetzter Akteur“.

Wer aber, wie so mancher westliche Politiker oder der Berliner Philosoph Volker Gerhardt, Staaten zubilligt, sich gegen die Gefahren der Gegenwart geheimdienstlich auch mit aggressiven Mitteln zu schützen, wird anders urteilen. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler weist darauf hin, dass politisches Vertrauen in dem Maße wachse, „in dem belastbares Wissen über die Absichten und Pläne des anderen vorhanden ist“. In ihren Augen muss Snowden als Verräter dastehen und keinesfalls als guter. Wir können zum heutigen Zeitpunkt noch nicht wissen, ob die Welt durch Snowdens Whistleblowing sicherer oder besser geworden ist. Offenkundig aber verläuft in manchen westlichen Ländern ein tiefer Graben zwischen Staat und Gesellschaft. Beide scheinen einander nicht mehr zu vertrauen.

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