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Kultur Peschel inszeniert Mythos Nitribitt
Nachrichten Kultur Peschel inszeniert Mythos Nitribitt
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14:37 06.04.2014
Foto: Die bekannte Frankfurter Prostituierte Rosemarie Nitribitt steht, ihren Hund an der Leine haltend, neben ihrem offenen Mercedes.
Die bekannte Frankfurter Prostituierte Rosemarie Nitribitt steht, ihren Hund an der Leine haltend, neben ihrem offenen Mercedes. Quelle: UPI/dpa
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Hannover

Ungeklärte Mordfälle fesseln die Menschen fast immer. Wenn es dann noch um eine Edel-Hure, angesehene Männer aus höchsten Wirtschaftskreisen und die Kulisse der biederen 50er Jahre geht, ist das mehr als genug Stoff. So lässt der Fall der 1957 ermordeten Luxus-Prostituierten Rosemarie Nitribitt bis heute die Öffentlichkeit nicht los – nicht zuletzt, weil der Täter noch immer nicht ermittelt ist. Seit ihrem Tod in Frankfurt gab es Bücher, Verfilmungen und Bühnenstücke, nun hat sich auch der Regisseur und Schauspieler Milan Peschel auf den Stoff geworfen – und wie. Laut, schnell und poppig inszenierte er am Samstagabend mit „Das Mädchen Rosemarie“ am Schauspiel Hannover ein Stück Zeitgeschichte, das die prüden 50er Jahre in all ihrer Doppelmoral zeichnet.

Peschels Inszenierung lebt von ihrem Format und dem imposanten Bühnenbild. Zu sehen ist eine Hotellobby, doch die meisten Szenen spielen sich in Hotelzimmern und in Rosemaries Appartement ab – sie werden in Live-Videoeinspielungen auf eine Großleinwand übertragen und machen den Zuschauer zum Voyeur. Mit schnellen Kamerawechseln, jeder Menge Geschrei, Gerangel und – freilich – Sex, wirkt das Stück zeitweise wie ein Film. Unterlegt wird all das mit knalliger Musik – von Elvis und 50er-Jahre-Schlagern bis zu dem Hip-Hop-Hit „Ritch Bitch“ und Johnny Cash.

Entworfen wird das Bild einer prüden Gesellschaft, in der breitbeinige Herrenrunden, die sich für keinen schmierigen Witz zu fein sind, das Sagen haben. Frauen sind aus ihrer Sicht fürs Teppichklopfen zuständig – und fürs Bett. „Hübsch, aber niveaulos!“, ruft einer der Großindustriellen einem anderen über Rosemarie zu. „Niveau hab ich daheim!“, entgegnet der trocken. Trotz Ehefrau zu Nutten zu gehen, ist für diese Männer so selbstverständlich wie Seitenscheitel und Hornbrille zu tragen und Zigarren zu rauchen.

Als Gegenpart zu dieser doppelmoralischen wie mächtigen Gesellschaft steht Rosemarie Nitribitt, von Juliane Fisch hervorragend verkörpert. Sie will nach oben und sie ist bereit, ihre Macht über Männer zu nutzen. Über den Essener Unternehmer Hartog (exzellent: Henning Hartmann) – dessen Figur an das reale Vorbild, den Krupp-Erben Harald von Bohlen und Halbach, angelehnt ist – verschafft sie sich Zugang zu den höchsten Kreisen und etabliert sich als Luxus-Hure.

In der mehr als 150 Minuten langen Aufführung entstehen viele gelungene Szenen, doch am Ende steht kein wirklich rundes Stück. Denn Peschel will zu viel: Er erzählt nicht bloß den Aufstieg und Tod Rosemaries, sondern versucht gleich auf mehreren Meta-Ebenen den ganzen Mythos Nitribitt abzuhandeln. So schildern zwei Erzähler die Ermittlungspannen rund um den Mordfall, ein anderes Mal wähnt sich der Zuschauer plötzlich an einem Filmset: Die Darsteller spielen Regisseur Rolf Thiele, Schauspielerin Nadja Tiller und Autor Erich Kuby, die für die erste Verfilmung des Falls im Jahr 1958 standen.

So wirkt das nach Kubys Roman adaptierte Stück insgesamt überfrachtet, kommt in weiten Teilen aber dennoch an. Das liegt vor allem an den starken Schauspielerin und Sidekick Peschel, der selbst den schrulligen Hotelportier Hermann verkörpert.

Das Rätsel um den Mord der damals 24-Jährigen wird aber natürlich auch nicht in Hannover aufgelöst. „Natürlich kann man keinen Mörder präsentieren, das ist auch das Uninteressanteste daran, da jetzt zu spekulieren“, sagte Peschel dazu der Nachrichtenagentur dpa.

So sind Rosemarie Nitribitt und ihr Leben auch hier nur eine Interpretation. Wer sie wirklich war, bleibt rätselhaft. Passenderweise ist die letzte Frage von Peschels Nitribitt dann auch: „Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?“

dpa

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