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Kultur Stummfilm „The Artist“ ist eine Hommage ans alte Kino
Nachrichten Kultur Stummfilm „The Artist“ ist eine Hommage ans alte Kino
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17:09 21.01.2012
Von Stefan Stosch
Herzschmerz, Pathos – und doch große Kunst: Jean Dujardin als Stummfilmstar George Valentin, Berenice Bejo als sein Fan Peppy Miller. Quelle: dpa
Hannover

Das Kino neigt dazu, viel Wind um jeden noch so unerheblichen Spezialeffekt zu machen. Jede Neuerung wird als Sensation herausposaunt. Tatsächlich ist die Luft oftmals schon raus, bevor der Abspann über die Leinwand rollt, weil Form und Inhalt kein Ganzes ergeben. Aber manchmal gelingt die Überraschung eben doch.

Bei „The Artist“ handelt es sich um so einen Fall. Der Film war schon ein Publikumsliebling bei den Filmfestspielen in Cannes und am vorigen Wochenende der große Sieger bei den Golden Globes. Hier trumpft ein Regisseur nicht sinnlos mit technischen Mätzchen auf, sondern vergewissert sich der Möglichkeiten seines eigenen Mediums und zugleich der Filmgeschichte: Der Franzose Michel Hazanavicius – bekannt als Werbefilmer, Drehbuchschreiber und als Regisseur der Agentenfilmparodien „OSS 117“, die in Deutschland nie ins Kino kamen – hat eine Hommage an den Stummfilm mit den Mitteln des Stummfilms inszeniert. In Schwarz-Weiß und fast ohne Worte, dafür aber mit Zwischentiteln und ausdrucksstark agierenden Darstellern.

„The Artist“ spielt zu einer Zeit, als sich die Stummfilmära schon ihrem Ende zuneigt. Eine Revolution kündigt sich im Kino an: Der Tonfilm wird soeben erfunden. Hollywoodstar George Valentin (Jean Dujardin) – eine Art Mischung aus Douglas Fairbanks und Rudolph Valentino – verweigert sich dem Aufbruch. Er ist zu stolz, künftig mit Worten das auszudrücken, wofür ihm bislang Körper und Mimik genügten. Doch sogar sein hinreißender Charme reicht nicht mehr hin, um weiterhin als Star zu bestehen.

Viele internationale Filmpreise hat der Stummfilm „The Artist“ schon abgeräumt. Am 26. Januar kommt der Schwarzweiß-Streifen, der vermutlich auch bei der Oscar-Verleihung nicht leer ausgehen wird, in die deutschen Kinos.

Tatsächlich ging es Ende der zwanziger Jahre um mehr als eine technische Zäsur. Viele Schauspieler empfanden die Erfindung des Tons als regelrechten Kulturbruch. Leinwandwesen aus Licht und Schatten bekamen eine Stimme und wurden damit nahbar, eine Verabredung zwischen Publikum und Star schien aufgehoben und die alte Magie verloren. Von nun an war die Kinosprache auch nicht mehr global. Wer in Hollywood mit Akzent sprach, wie etwa die aus Polen stammende Pola Negri, oder eine piepsige Stimme hatte wie der Komiker Raymond Griffith, für den war die Karriere beendet. Es kam sogar zu Selbstmorden verzweifelter Darsteller.

Auch George Valentins Niedergang als Star scheint unvermeidlich: Die Fans stehen nicht mehr bei seiner Premiere Schlange, sondern auf der anderen Straßenseite, wo der neue Tonfilm angepriesen wird. Bald schon wird Valentin vom Studioboss (John Goodman) abgestraft für seine Verweigerungshaltung, er ist arbeitslos. Immer einsamer wird’s um den eleganten Mann und seinen treuen Foxterrier Jack, der so aussieht, als würde er der Bande „Die kleinen Strolche“ angehören. Zu Hause im eigenen Vorführraum lässt Valentin seine einstigen Kinoerfolge vorbeirattern – trauriger hat nie jemand im Kino gesessen. Dann verbrennt er den ganzen Haufen Zelluloid, sein Haus und damit quasi sein bisheriges Leben.

Nur eine hält zu Valentin, aber das weiß er noch nicht. Eine junge Bewundererin drückte ihm einst am roten Teppich frech einen Kuss auf die Wange. Für die Autogrammjägerin Peppy Miller (Bérénice Bejo) war die Kussattacke der erste Schritt, um selbst zum Stern am Tonfilmhimmel aufzusteigen. Peppy hat George seitdem nicht vergessen und seinen Abstieg aus der Distanz verfolgt. Hier geht’s um echte Liebe – ganz ohne wortreiche Liebeserklärungen.

Die Geschichte von „The Artist“ klingt vielleicht nicht sonderlich originell, phantastisch aber ist, was der Regisseur daraus macht: hinreißende Tanzeinlagen, Gesichter in Großaufnahme und Herzschmerz mit ordentlich Pathos. Wie selbstverständlich, nie lächerlich sieht das alles aus, und ist doch große Kunst. Denn welcher Regisseur beherrscht schon noch die Kinosprache des Stummfilms?

Immer wieder mal versuchen sich einige Filmleute daran, alte Zeiten zu beschwören. Mel Brooks tat dies mit „Silent Movie“ (1976). Die bittere Seite zeigte Billy Wilder in „Boulevard der Dämmerung“ (1950), einem Abgesang auf eine Stummfilmdiva. Aki Kaurismäki drehte mit „Juha“ (1999) seinen eigenen Stummfilm, und auch Franka Potente probierte sich in ihrem Regiedebüt „Der die Tollkirsche ausgräbt“ (2006) daran.

Der Franzose Hazanavicius treibt das Spiel ohne Ton bis zur Perfektion, ohne sich jedoch sklavisch an die Beschränkungen zu halten: Zwei oder drei überraschende Toneffekte streut er ein – das ist Kinonostalgie, liebevoll fürs 21. Jahrhundert aktualisiert.

Nebenbei rückt „The Artist“ historische Dimensionen zurecht: Vergleicht man die momentan so sehr gepriesene 3-D-Revolution im Kino mit der Erfindung des Tonfilms, dann handelt es sich beim dreidimensionalen Kino womöglich doch nur um eine vergleichsweise überschaubare Neuerung.

„The Artist“ startet am 26. Januar. In Hannover hat das Hochhauskino bereits am Sonntag um 11 Uhr eine Preview im Programm. Das Kino am Raschplatz zeigt an diesem Sonnabend und Sonntag ebenso wie am nächsten Wochenende jeweils um 12 Uhr „The Sound of Silence“, ein Porträt des Stummfilmpianisten Willy Sommerfeld. Und im Apollo begleitet am 7. Februar, 20.15 Uhr, DJ Raphaël Marionneau den Stummfilmklassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“ live.

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