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Kultur „Stuttgart 21“ gibt’s jetzt auch als Krimi
Nachrichten Kultur „Stuttgart 21“ gibt’s jetzt auch als Krimi
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19:42 25.03.2011
Von Gunnar Menkens
Der renommierte Autor und Aktivist Heinrich Steinfest hat einen Krimi über „Stuttgart 21“ geschrieben. Quelle: dpa

Als sich ein erstes Häuflein entschlossener Protestler vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof traf, ahnten sie noch nicht, dass aus ihrer kleinen Bewegung Monate später ein Volksaufstand entstehen würde. Bis in die „Tagesschau“ und ins Feuilleton schaffte es der Widerstand gegen den Teilabriss eines bald hundert Jahre alten Kopfbahnhofs, der durch „Stuttgart 21“ ersetzt werden soll, eine unterirdische Durchgangsstation für ein paar Milliarden Euro.

Ein Aufstand, den die Protestierer selbst als geradezu alternativlose Auflehnung der Beherrschten gegen volksferne Mächtige interpretierten: Von nun an würde man sich in der Republik nichts mehr gefallen lassen. „Stuttgart 21“ wurde zum Symbol für die Distanz zwischen Bürgern und Politikern mit vermutlich maßgeblichem Einfluss auf die Landtagswahl an diesem Sonntag. So wurde es lange diskutiert – bis sich zum Bahnhofsstreit noch der Atomkonflikt gesellte. Tote gab es nicht in Baden-Württemberg, dafür aber Debatten um Korruption, Cliquenwirtschaft und die angebliche Verschwörung politischer und wirtschaftlicher Großkopfeter.

Guter Stoff für Kriminalromane und besonders für den seit zwölf Jahren in Stuttgart lebenden Heinrich Steinfest. Er ist die große, sprachgewaltige Ausnahme in kaum noch zu überblickenden Regalmetern voll konventioneller Spannungsliteratur. Steinfest schreibt extrem unwahrscheinliche und verschrobene Geschichten, in der Realität und Science-Fiction nicht immer zu unterscheiden sind. Seine Gestalten interessieren sich für den Philosophen Wittgenstein ebenso wie sie Essenzen auf der Spur sind, die die Welt zerstören können. In seinem ­neuen Buch, dem „Stuttgart 21“-Roman „Wo die Löwen weinen“, besitzen manche Figuren sogar Hunde, die ihre eigene Fortbewegung – so absurd das für ­Vierbeiner erscheinen mag – für ein ästhetisches Verbrechen halten. Was natürlich in einem Roman über einen Bahnhofsneubau schon wieder eine Metapher ist.

Kommissar Rosenblüt, ein geflüchteter Stuttgarter, muss den Überfall auf einen Teenager klären und reist aus München in die aufgewühlte baden-württembergische Hauptstadt. Dort kämpfen die Verantwortlichen für den Tunnelbau mit einer sensationellen Entdeckung und Schwierigkeit: Im Erdreich, wo der neue Bahnhof bald Zugverkehr abwickeln soll, finden sie eine Maschine, schlafend und anscheinend unverrückbar.

Der Archäologe Wolf Mach soll mit einem passenden Gutachten helfen, das Hindernis zu beseitigen, um jeden Preis, und sei es mit Sprengstoff. Plötzlich aber entdeckt er seinen Widerspruchsgeist. Rosenblüts Spur führt zu Hans Tobik, einem Stuttgartforscher. Tobik hat sich ein Gewehr besorgt, er will sich rächen an den Mächtigen, die einst für den Tod seiner Frau verantwortlich waren, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Und nun wollen sie auch noch den historischen Bahnhof zerstören. „Er spürte dieses drängende Bedürfnis eines gewaltvollen Einbruchs in die Selbstherrlichkeit der Könige und Höhlenbewohner.“ Steinfest lässt das Ende seines Romanes offen und weist doch in die Zukunft: Die Wunde, die „Stuttgart 21“ der Stadt gerissen hat, sie wird nicht verheilen.

Wohl selten war ein Schriftsteller so persönlich in sein Thema verstrickt. „Stadtmörder“ nennt Steinfest im Roman eine Clique aus Politikern und Wirtschaftskapitänen, die gegen den Willen der Bürger und gegen gute Argumente zum eigenen Nutzen durchzieht, was vor langen Jahren beschlossen worden ist. Kein Zweifel, dass es sich bei dieser Interpretation um Steinfests eigene Haltung handelt. Er zählt, neben dem Schauspieler Walter Sittler, zu den prominentesten Mitgliedern der lokalen Protestszene.

Diese Sympathie merkt man dem Roman an. Er ist dort nach einem schlichten Schwarz-Weiß-Muster gestrickt, wo es um die aktuelle Bahnhofskontroverse geht. Die Guten, das sind jene Zehntausende, die Widerstand leisten. „Der gute Stuttgarter Virus“ ist hier Garant für Demokratie. Die anderen, die Freunde des Projekts, sind Schurken samt und sonders. In diesen Passagen wird Steinfest mitunter leitartikelhaft und missionarisch, als wollte er der Bewegung Festschrift und Bibel zugleich schreiben. Aber das stört nur ein bisschen. „Wo die Löwen weinen“ bleibt ein typischer Steinfest, voller Skurrilitäten, Ironie und wunderbarer Einfälle.

Dass der renommierte Stuttgarter, mehrfacher Träger des Deutschen Krimipreises, sein neues Buch im Stuttgarter Theiss-Verlag veröffentlicht, zeugt von dessen Hoffnung auf ein mindestens regionales Geschäft. Der Roman kam eilig auf den Markt, rechtzeitig vor der Landtagswahl. Das ist fast so, als wären die Bücher über den Mauerfall schon während der Leipziger Montagsdemonstrationen geschrieben worden.

Eilig hat es auch Stefanie Wider-Groth mit ihrem ebenfalls der Bahnhofsproblematik gewidmeten Buch. Sie lässt in „Schlossgartensterben“ erneut ihren Kommissar Emmerich ermitteln. Im Park liegt erschossen die Leiche des Lebemanns Tom, der sich an die Bauunternehmersgattin Anna-Maria rangemacht hat – Emmerich ist zur Stelle. Und Michael Krug erzählt in seinem Roman „Bahnhofsmission“ von einem erschlagen im Keller liegenden Vorstandschef einer Großbank, die am Bau des Tiefbahnhofs verdienen will – Kommissar Herbert Bolz ermittelt nicht im Protestmilieu, sondern in der Welt von Anzug und Krawatte. Es sind ebenfalls Krimis mit Lokalkolorit. An Steinfests Wucht reichen beide nicht heran.

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