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Kultur „Sunset Park“: Widerstand in Krisenzeiten
Nachrichten Kultur „Sunset Park“: Widerstand in Krisenzeiten
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12:58 21.07.2012
Von Rainer Wagner
"Sunset Park" ist Paul Austers 16. Roman. Quelle: dpa
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Hannover

Am Anfang steht Gewalt. Und am Ende schlägt Miles Heller noch ein weiteres Mal zu. Dabei ist der Held von Paul Austers neuem Roman alles andere als ein Schläger, sondern ein behutsamer junger Mann, der verzweifelt versucht, in Krisenzeiten Kurs zu halten.

Für seinen 16. Roman hat der amerikanische Autor die labyrinthische Welt seiner Erzählungen und sein Spiegelkabinett der Querverweise und Bezüge verlassen und sich der amerikanischen Wirklichkeit genähert. „Sunset Park“ spielt in den aktuellen Zeiten der amerikanischen Banken- und Hypothekenkrise.

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Miles Heller verdient sich sein Geld in Florida als schlecht bezahlter Mitarbeiter einer Entrümpelungsfirma, die aufräumt, was die Menschen zurücklassen, die ihre Häuser aufgeben müssen. Während seine Kollegen dabei widerrechtlich mitnehmen, was sie finden, macht Miles Heller nur Fotos der aufgegebenen Dinge: „Er hat keine Ahnung, was ihn dazu treibt, diese Bilder zu machen.“ Von Sachen, die „ihn bitten, sie noch ein letztes Mal anzusehen, bevor sie weggekarrt werden“.

Aber dann nimmt er doch etwas mit, um Angela Sanchez milde zu stimmen. Die ist die älteste Schwester der 17-jährigen Pilar Sanchez und betont gerne, dass Miles Hellers Liebesverhältnis zu der ebenso hübschen wie klugen und obendrein sexuell aktiven Pilar im prüden Amerika strafbar sei. Dass die beiden jungen Leute sich im Park ausgerechnet bei der Lektüre des „Großen Gatsby“ (auch noch in identischer Edition) finden, muss man einem Schriftsteller wohl verzeihen, der gerne Bücher über Bücher und Literatur über Literaten schreibt.

Um diese Beziehung und vor allem die junge Geliebte nicht zu gefährden, flieht Miles Heller zurück nach New York, wo er die Zeit abwarten will, bis seine Pilar volljährig ist und ihm folgen kann.

Damit ist Miles Heller fast wieder da, wo er aufgebrochen ist. Weil er sich schuldig fühlt am Tod seines Stiefbruders, den er – absichtlich oder nicht – vor ein Auto gestoßen hat, hatte er seinen Vater und seine Stiefmutter verlassen. Er „hat sich zum schwarzen Schaf gemacht“. Und er will diese Rolle „auch in New York weiterspielen, selbst wenn er in die Nähe der Herde zurückkehrt, die er verlassen hat ...“

Immerhin trennt der East River seine neue Heimat von seinem Elternhaus: Miles Heller lebt jetzt als Mit-Hausbesetzer in Sunset Park, einem heruntergekommenen Viertel in Brooklyn in einem abbruchreifen Gebäude, das der Stadt gehört und erstaunlicherweise immer noch mit Strom und Wasser versorgt wird. Hier am Rande des Greenwood-Friedhofs findet Miles Heller Zuflucht bei seinem Jugendfreund Bing Nathan, einem weitgehend glücklosen Jazzmusiker, der eine „Klinik für kaputte Dinge“ betreibt. Er will reparieren, was andere weggeworfen hätten.

Das Leben als Reparaturbetrieb, das ist, wie fast alles bei Paul Auster, kein Zufall, sondern Gleichnis. Es gäbe viel zu tun in einem Land, das schmerzhaft aus dem amerikanischen Traum erwacht. Da wären auch Beziehungen zu reparieren. Beispielsweise die zwischen Miles Heller und seinem Vater Morris, der als Verleger für ambitionierte Literatur auch schon bessere Zeiten erlebt hat.

Außer Miles Heller und Bing Nathan leben noch die Doktorandin Alice Bergstrom und die unglückliche Wohnungsmaklerin Ellen Brice in der Wohngemeinschaft im besetzten Haus am Sunset Park, die auch ihr Leben neu ordnet.

Wie Bausteine schichtet Paul Auster die biografischen Betrachtungen (viel Beschreibung, wenig Dialog) übereinander. Als Mörtel dienen dabei die für ihn typischen Erzählschleifen und die Auflistungen. Die Abschweifungen über Baseballstars dürften für hiesige Leser allerdings langweiliger zu lesen sein als die reichlichen Anmerkungen über William Wylers Film „The Best Years of Our Lives“. Der erzählt von den Problemen, die amerikanische Kriegsheimkehrer 1945 mit und in einer durch den Krieg veränderten Gesellschaft hatten.

Der bekennende Filmfreund und Filmemacher Paul Auster, der immer und überall kinematografische Erkenntnisse in seine Bücher einbaut, hat diesen Film mit feinem Hintersinn gewählt. Denn „Die besten Jahre unseres Lebens“ (so der deutsche Filmtitel) sind es wohl kaum, die unsere Helden jetzt erleben.

Als am Ende die Polizei das Haus räumt und die Gefahr droht, dass Alice Bergstroms Dissertation samt allen Erkenntnissen über den Wyler-Film verloren gehen könnte, da schlägt Miles Heller noch einmal zu. Der Widerstand gegen die Staatsgewalt ist auch ein Widerstand gegen den Status quo.

Der Schluss dieses Romans, der zwischen Distanzierung und Abgeklärtheit pendelt, klingt merkwürdig lakonisch (bis banal): Miles Heller „fragt sich, ob es sich lohnt, auf eine Zukunft zu hoffen, wenn es keine Zukunft gibt, und von jetzt an, nimmt er sich vor, wird er aufhören, sich irgendetwas zu erhoffen, und nur noch für das Jetzt leben ...“

Paul Auster: „Sunset Park“. Übersetzt von Werner Schmitz. Rowohlt. 315 Seiten, 19,95 Euro.

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