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Kultur "Unterhaltsam sind nur Populisten"
Nachrichten Kultur "Unterhaltsam sind nur Populisten"
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16:31 06.09.2013
Sven Regener hat ein neues Buch geschrieben. Es spielt in den 90er Jahren, handelt aber nicht von dem Jahrzehnt, sagt der Autor. Quelle: dpa
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Sven Regener steht auf dem Balkon eines Lofts in Berlin-Mitte und schaut auf die Pappeln im Hinterhof. Dann kommt er an den Tisch und legt los – in einem klaren, trockenen norddeutschen Slang.

Herr Regener, warum ist nicht Frank Lehmann Ihre Hauptfigur geblieben?

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Ich fand es einfach spannender, die Geschichte von Karl Schmidt weiter zu erzählen als die von Frank Lehmann. Karl kommt am Abend des Mauerfalls in die Psychiatrie, er scheint über Jahre weggeschlossen, aus dem Leben raus. Er hatte noch Kontakte in ein anderes Leben, zu Clubs, in denen Acid House gespielt wird. Wenn man ihn fünf Jahre später sieht, ist das ganze Techno-Ding durch die Decke gegangen und er durfte nicht dabei sein. Was macht er dann? Mir hat das immer leid getan, dass er in die Klapse kommt. Das musste so sein, aber es tat mir leid. Ich find’s auch nicht gut, dass man glaubt, nur weil jemand in die Klapse kommt, ist das Leben für ihn vorbei.

Es ist doch symbolisch – da verschwindet jemand am Abend des Mauerfalls und verpasst fünf Jahre lang den ganzen Vereinigungswahnsinn. Hatten Sie schlicht keine Lust, über 1990 zu schreiben?

Die Geschichten kommen, wie sie einem einfallen. Mich hat eben interessiert, was fünf Jahre später passiert, nicht was zwei Wochen nach dem Mauerfall passiert. Mich hat gereizt, dass Karl eben alles verpasst hat. Er hat verpasst, wie die elektronische Musik, in deren Subkultur er damals auch dabei war, plötzlich als Techno durch die Decke ging und die ganze Welt verändert hat. Verpasst hat er auch Ost-Berlin. Karl kennt West-Berlin – überall breite Straßen, hohe Mietskasernen und breite Fußwege. Nun kommt er nach Berlin-Mitte, ins Scheunenviertel, wo es eben wirklich aussieht wie in Hamburg-Ottensen, wo er wohnt, oder wie „Bielefeld nach dem Krieg“, wie er etwas abfällig sagt.

Der Autor

Sven Regener (52) ist Kopf der Band "Element of Crime", Schriftsteller und Drehbuchautor. 2001 schrieb er den Bestseller "Herr Lehmann", der im West-Berlin des Jahres 1989 spielt. Frank Lehmanns Vorgeschichte erzählte Regener in den Romanen "Neue Vahr Süd" (2004) und "Der kleine Bruder (2008). Frank Lehmann wird am Ende von "Magical Mystery" einmal kurz erwähnt. Er ist nun Teilhaber einer Cateringfirma, die Techno-Partys beliefert.

Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt, Galiani Verlag, 420 Seiten. 19,99 Euro.

Nach drei Büchern über die 80er Jahre kommt nun eines über die 90er. Was ist für Sie das unbeschwertere Jahrzehnt gewesen?

Moment mal, ich habe keine Bücher über die 80er geschrieben und dieses ist auch keines über die 90er. Es ist auch kein Buch über Techno, genau wie „Neue Vahr Süd“ kein Buch über die Bundeswehr ist. Ich schreibe keine Bücher über Jahrzehnte, weil ich mit Jahrzehnten nichts anfangen kann. Das ist eine willkürliche Einteilung. Es spielt fünf Jahre später, und natürlich hat sich die Welt weitergedreht. Karl ist nicht mehr unbeschwert. In den 80ern fühlte er sich unbesiegbar, alles was er macht, egal, wie doof es ist, wirkt auf ihn wie ein Film. Das ist eine Art zu leben, die ihm nicht mehr vergönnt ist. Das war, bevor er irre wurde. Er ist ein gebrochener Mann. Er hat eine ganz schwere Verletzung erlitten. 80er oder 90er ist eben nicht die Frage, sondern es geht um diese spezielle Person.

1995 lebt Karl in einer betreuten Anti-Drogen-WG in Altona. Dort haut er ab, geht als Fahrer und Betreuer auf die „Magical Mystery“-Tour mit einem Bus voller Berliner Techno-Musiker. Warum schließt er sich diesen Ravern an und geht an die gefährlichsten Orte für einen Menschen, der auf keinen Fall auch nur ein Bier trinken und keine Drogen nehmen darf?

Weil das sein Weg ist. Der einzige Weg, der ihm angeboten wird, um sich aus diesem betreuten Leben zu befreien, in dem er in Altona festhängt. Es ist ein Abenteuerroman, wie die Schatzinsel oder Indiana Jones. Es gibt was zu gewinnen, aber dabei riskiert man sein Leben. So ist das eben beim Abenteuer.

Über viele Personen erfährt man nur wenig, ihr Aussehen beschreiben Sie nie. Es gibt eine Frau auf der Tour, mit der Karl zusammenkommt, sie heißt Rosa…

Karl Schmidt ist der Ich-Erzähler – mein erster Roman übrigens in dieser Form. Wir hören das, was er uns sagen will. Über Rosa macht er zum Beispiel kein großes Gewese, obwohl man sofort ahnt, dass sie für ihn viel wichtiger ist als er in seiner lakonischen Art zugibt.

Das Buch schildert einen Ausbruch aus dem betreuten Leben – Karl ist umrundet von Sozialarbeitern, Therapeuten, Beratern. Wie gut kennen Sie diesen sozialen Komplex?

So etwas hat immer zwei Seiten, Bevormundung und Hilfe. Hilfe kann in Bevormundung umschlagen, manchmal ist Bevormundung notwendig, um helfen zu können. Wir bekommen die Sache von Karl Schmidt erzählt. Er meckert, redet abfällig von diesen Therapeuten und Sozialarbeitern. Andererseits erwähnt er sie so oft, dass man merkt, wie wichtig sie in seinem Leben sind. Es ist ein bisschen wie beim pubertierenden Jugendlichen, wenn der über seine Eltern spricht. Erst am Ende des Buches gibt er zu, dass sie ihn alle im Grunde gerettet haben. Dann hat er akzeptiert, dass dieser ganze soziale Komplex im Grunde richtig für ihn war. Mir war wichtig, dass Werner, sein Betreuer in der Anti-Drogen-WG, am Ende noch einmal auftaucht, ihm ein Bier vortrinkt und sagt: „Mir doch egal, du bist schließlich abgehauen.“ Er macht noch mal den Härtetest.

Karls Berliner Freunde haben das Musiklabel „Bumm Bumm Records“ gegründet und werden stinkreich damit. Ist das eine wehmütige Beschreibung einer Zeit, in der man mit Musik noch Geld verdienen konnte?

Man kann damit immer noch Geld verdienen. Auch heute reicht ein Hit und die Kasse klingelt. Das ist bei Romanautoren ebenso, ich weiß das, ich habe „Herr Lehmann“ geschrieben. Der Hit ist immer noch das, was Künstler zu einem gewissen Grad motiviert. Natürlich gibt es diese Masse an Indielabels nicht mehr. Und Firmen wie Bumm Bumm Records, die jede Woche fünf Singles raushauen, gibt es auch nicht mehr. Das sind aber auch keine Laberfuzzis. Die wissen, was sie tun. Die haben jede Woche eine Goldene Schallplatte.

Wie nahe war Ihnen als „Element of Crime“-Rocker damals die Technoszene?

Ich habe das alles erst ab 1996 durch meine Frau besser kennen gelernt . Ein paar kannte ich auch vorher. Manchmal war ich auch im Club, so war das ja nicht. Beim Techno kann jeder mitmachen, das ist ja das Tolle daran. Durch Charlotte habe ich mehr Leute in der Szene kennen gelernt, dadurch baut man ja auch Vorurteile ab. Ein Techno-DJ und ich, das sind schon zwei sehr verschiedene Welten, aber gleichzeitig sind wir auch beide Musiker. Ich habe auch bei manchen mitgespielt. Die Abgrenzung, diese Forderung „Gitarren ins Museum“, das war am Anfang wichtig für die Szene, dadurch wurde Techno groß. Aber viele Techno-Musiker kamen aus Bands, und später haben sie alle wieder gesagt „Das muss rocken“.

Und heute sind die Raver bei den Rock-Festivals, alles vermischt sich…

… ganz so kann man das nicht sagen. Aber nach den Rock-Bands legen DJs auf, was ja auch gut ist, das verlängert die Party und den Spaß. Ja, es gibt mehr Mischformen. Alles ist möglich, es gibt keine großen Gräben mehr. Hat es eigentlich nie gegeben.

Wie war es für Sie, als „die neue Stadt neben der alten aufgemacht wurde“, wie Sie aus West-Berliner Perspektive schreiben?

Wie mit jeder neuen Stadt, war das ein langsamer Prozess, nach und nach hat man sich ein Bild gemacht von der Stadt, von Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg oder von der Trabrennbahn Karlshorst. Seit 2000 wohne ich in Prenzlauer Berg. Einfach nur, weil es damals noch viel günstiger war als in Kreuzberg. Am Wochenende ist das da nicht zu ertragen, gerade mit den Kindern will man nicht am Sonntag in den Mauerpark gehen müssen. Da bin ich am Schwielowsee im Wochenendhaus oder auf meinem kleinen Angelkahn. Das Havelland ist Gottes eigenes Land, einfach wunderschön.

In Ihrer Jugend waren Sie mal im Kommunistischen Bund Westdeutschland, das ist wirklich lange her. Sind Sie denn noch ein politischer Mensch?

Ich bin ein sehr politischer Mensch. Damals, vor 32 Jahren, war das eine Sekte, ich habe ja in „Neue Vahr Süd“ darüber geschrieben. Es war schrecklich, aber es prägt mich bis heute.

Kann der politische Mensch Sven Regener denn erklären, warum der Wahlkampf 2013 so unglaublich langweilig ist?

Glücklich ist das Land, in dem man sich darüber beklagen kann, dass die Politik langweilig ist. Es geht hier einfach kein großer Reformdruck von der Bevölkerung aus, dann wird die Politik eben langweilig. Aber seit wann ist es ein Kriterium, ob Politik unterhaltsam ist? Wir beurteilen Politik viel zu sehr nach ihrem Unterhaltungswert, das ist doch ein ganz anti-aufklärerischer Standpunkt. „Punktsieg für…“ das ist doch infantil, da muss man aufpassen. Politik ist eben schwierig und kompliziert, und wenn man sich damit befassen will, muss man den Kopf anstrengen. Unterhaltsam sind meist nur Populisten.

Das Interview führte Jan Sternberg

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