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Kultur Svenja Golterman über die Generation der Kriegsheimkehrer
Nachrichten Kultur Svenja Golterman über die Generation der Kriegsheimkehrer
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15:48 07.07.2010
Überlebende: Kriegsheimkehrer im Grenzdurchgangslager Friedland 1955. Quelle: dpa

Die Trümmerlücken in den deutschen Städten wurden in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts erstaunlich schnell geschlossen. Auch sonst verschwand der Zweite Weltkrieg aus der Öffentlichkeit, über kollektive und individuelle Schuld wurde höchstens im Familienkreis gesprochen. Aber es gab Menschen, die unter Albträumen und sozialer Orientierungslosigkeit litten, die zwischen Selbstmitleid und Selbstüberschätzung schwankten. Nicht wenige von ihnen suchten Hilfe durch psychiatrische Behandlung – womit sie damals Gefahr liefen, abschätzig betrachtet zu werden. Es waren deutsche Kriegsheimkehrer, vor allem aus der Sowjetunion.

Den Folgen der Gewalterfahrungen solcher ehemaligen Soldaten widmet sich die Historikerin Svenja Goltermann in ihrem Buch „Die Gesellschaft der Überlebenden“. Es ist ein ungewöhnliches Buch, denn die Autorin verfügt nicht nur über das Rüstzeug der Geschichtswissenschaft, sondern besitzt auch breite Kenntnisse über Theorie und Praxis der Psychiatrie. Leicht ist die Abhandlung nicht immer zu lesen, aber die Mühe lohnt sich. Auch wenn Goltermann herausarbeitet, dass die Heimkehrer zu den Opfern des Krieges zählten, wird immer auch deutlich: Die Probleme, die die einstigen Soldaten hatten, rührten nicht zuletzt daher, dass sie ihrer persönlichen Verantwortlichkeit im Krieg auswichen.

Diese Männer stießen auf eine Psychiatrie, die seit dem Ersten Weltkrieg die Ansicht vertrat, dass die menschliche Psyche schier grenzenlos belastbar sei und das Kriegserleben keine seelischen Schäden hervorrufen könne. Zeigten sich solche dennoch, dann seien sie schon vor dem Krieg vorhanden gewesen. Die Frage, ob sich dahinter nicht die Ideologie des „harten Mannes“ verbarg – der Soldat leidet zwar, bleibt aber diszipliniert –, diskutiert die Autorin nicht, wohl aber verweist sie auf ein Nützlichkeitsdenken staatlicher Stellen und Gutachter: Wem der Krieg nicht hatte schaden können, dem stand auch keine finanzielle Unterstützung zu, und wer sie trotzdem einforderte, galt als „Rentenneurotiker“. Erst in den fünfziger Jahren wurde ein Zugeständnis gemacht: Wer an Mangelernährung gelitten hatte, bei dem könnte es aus organischen Gründen – ­vorübergehend – zu psychischen Auffälligkeiten kommen.

Wissenschaftlich ließ sich die „herrschende Lehre“ der Psychiatrie nur schwer begründen. Und dass diese in den sechziger Jahren aufweichte, hatte auch außerwissenschaftliche Gründe. Die Entschädigung der Opfer des National­sozialismus wurde zum Thema, und viele von diesen hatten eben keine sichtbaren körperlichen Schäden davongetragen, wohl aber seelische. Es war politischer Druck, vor allem aus dem Ausland, der dazu beitrug, dass in diesen Fällen nun nicht mehr von der grenzenlosen Belastbarkeit der Psyche gesprochen wurde. Den Kriegsheimkehrern brachte diese Erkenntnis aber nichts. Unterschwellig schlich sich wieder ideologisches Denken ein: NS-Verfolgte waren „Opfer“ und konnten deshalb Schäden reklamieren, ehemalige Soldaten als „Täter“ nicht. Erst in den neunziger Jahren war die „herrschende Lehre“ endgültig gebrochen. Aber da war dies, was die Heimkehrer anging, zum akademisch-historischen Problem geworden.

Autor

Svenja Goltermann

Titel

„Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg“.

Verlag

DVA

Seitenzahl

592 Seiten

Preis

29,95 Euro

Ekkehard Böhm

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