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Kultur „Allen geht es um Gerechtigkeit“
Nachrichten Kultur „Allen geht es um Gerechtigkeit“
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00:16 19.10.2013
Professorin Ina Wumm lädt ab nächster Woche zum Symposium „Das Gewaltpotenzial der Religionen“. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Frau Prof. Wunn, Sie sind Organisatorin des hochkarätig besetzten Symposiums „Das Gewaltpotenzial der Religionen“. Warum das Thema Religion? Die Kirchen schrumpfen, Religion scheint bei uns doch auf dem Rückzug zu sein ...

So dachte man lange, doch das ist ein Irrtum. Zwar sinkt allgemein die Bindung an Institutionen wie die Kirchen, aber das Interesse an Spiritualität ist ungebrochen groß. Es gibt ein immenses Bedürfnis nach Transzendenz, nach einem Überschreiten des eigenen Horizonts. Margot Käßmann zum Beispiel, die am Mittwoch beim Symposium spricht, gelingt es, religiöse Themen in die Sprache des Alltags zu übersetzen – und ihre Bücher sind Bestseller.

Deutschlands religiöse Landschaft ist dabei vielfältiger geworden in den vergangenen Jahren.

Bis vor wenigen Jahrzehnten gehörten bei uns fast alle Menschen einer Kirche an, und die Konfessionen waren geografisch fein säuberlich entlang der Grenzen alter Fürstentümer getrennt. Wir waren an religiöse Vielfalt schlicht nicht gewöhnt – daher waren viele auch überfordert, als in den Siebzigern Muslime kamen und ihren Glauben öffentlich leben wollten. Seither hat sich im Zusammenleben der Religionen viel getan, es gibt beispielsweise muslimischen Religionsunterricht – aber der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

Das Symposium dreht sich ums Gewaltpotenzial der Religionen. Sehen sich Religionen nicht eher als Friedensstifter?
Sicher, und Vertreter von jüdischen, muslimischen und christlichen Institutionen werden beim Symposium deutlich machen, dass Gewalttaten sich nicht religiös legitimieren lassen. Es gibt heute überall interreligiöse Arbeitskreise oder gemeinsame Friedensgebete. Doch Religionen können auch sehr janusköpfig sein. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus: Im Nahen Osten oder Afrika gibt es kaum einen Konflikt, der nicht zumindest religiös verstärkt wird. In Hannover wurde eine jüdische Tanzgruppe vor drei Jahren mit Steinen beworfen. Vom friedlichen Miteinander sind wir noch weit entfernt.

Anders als die Politik ist die Religion nicht das Feld von Kompromissen; über Glaubensfragen lässt sich schwer verhandeln oder abstimmen. Wie kommen verschiedene Religionen da überhaupt auf gemeinsame Nenner?
Historisch haben Christentum, Judentum und Islam einen gemeinsamen Ursprung, alle drei berufen sich auf den Stammvater Abraham ...

... und ethisch?
...  sind sie oft gar nicht so weit voneinander entfernt. In den heiligen Schriften aller drei geht es um Gerechtigkeit: Jüdische Propheten legten den Finger in die Wunde, wenn Güter ungleich verteilt waren. Christus wandte sich den Armen zu. Und Mohammed prangerte mitten im damals sehr materialistischen Mekka soziale Ungerechtigkeit an. So unterschiedlich die Glaubenswahrheiten teils sind, so sehr ähneln sich oft die ethischen Ziele der Religionen.

Wenn es allen um Gerechtigkeit geht – woher rühren dann die vielen religiös aufgeladenen Konflikte?

Probleme tun sich immer dort auf, wo politische oder gesellschaftliche Interessen berührt werden. Etwa, wenn Frauen mit Kopftüchern in akademische Berufe aufsteigen – und damit auch zu Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt werden.
Ist Religion aber nicht per se ein Hemmschuh für die Toleranz? Auf die Mohammed-Karikaturen etwa gab es vehemente Reaktionen empörter Muslime.

Satire erträgt man leichter, wenn man prinzipiell das Gefühl hat, akzeptiert zu werden. Viele Muslime sehen den Islam – auch aufgrund der Kolonialgeschichte – als verfolgte, unterdrückte Religion. Das erklärt manche Sensibilität. Religionen neigen dann zur Gewalt, wenn sie sich in ihrer Existenz bedroht sehen.

Dann müssten doch säkulare Menschen, die selbst gar keiner Religion angehören, zumindest die besseren Brückenbauer zu fremden Religionen sein.

Nein, nicht unbedingt. Sowohl religiösen als auch säkularen Menschen geht es ja um höchste Werte. Für die Religiösen sind diese eben in der Religion verankert, unter Umständen können sie sich mit anderen Heilssuchenden gut verständigen. Säkulare setzen hingegen eher auf den Staat oder auf die Menschenrechte. Sie vertreten ihre eigene Botschaft nicht weniger vehement als die Religiösen – aber in einer anderen Sprache. Der bekannte Religionskritiker Richard Dawkins etwa ist ein höchst streitbarer Mann. Und die Grünen sind als Partei einerseits sehr offen für Zuwanderer, andererseits finden sich dort besonders strikte Kopftuchgegner, denen es teils schwerfällt, religiöse Lebensentwürfe zu akzeptieren. Generell gilt: Nicht nur Religionen können intolerant sein. Es gibt auch Intoleranz der Gesellschaft gegenüber Religion.

Ist Ihr Symposium auch ein Versuch, Gräben zwischen Religionen zu überwinden?

Wir werden dabei nicht überall Konsens finden, aber wir können lernen, Unterschiede auszuhalten. Und wir können uns gegenseitig besser kennenlernen. In Hannover treffen ein Ayatollah aus dem Iran, eine Vertreterin des Jüdischen Weltkongresses und die Luther-Beauftragte der Evangelischen Kirche aufeinander. Wenn solche Persönlichkeiten irgendwann anfangen, sich gegenseitig Bilder ihrer Kinder und Enkel zu zeigen, sind wir auf dem richtigen Weg.

Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass dieser Weg wohl lang und steinig wird.

Aber er ist der einzig gangbare. Wir müssen akzeptieren, dass auch bei uns auf Dauer unterschiedliche Religionen miteinander leben werden. Der Sport hat schon ganz wunderbar vorgemacht, wie so etwas funktionieren kann. Theo Zwanziger, der als Referent am Donnerstag bei unserem Symposium sprechen wird, hat als DFB-Präsident gegen Rassismus und gegen Vorurteile gegenüber Religionen gekämpft. Allerdings gibt es im Fußball klare Regeln, die weltweit für alle gelten – und wer sie missachtet, sieht die Rote Karte. So weit müssen die Religionen erst noch kommen ...

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