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16:25 20.11.2015
Von Stefan Arndt
Heimvorteil: Impressionen vom letzten Hausmusiktag. Quelle: Siebenthal
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Hannover

Es ist eine paradoxe Situation: Je mehr Musik uns umgibt, desto weniger musizieren wir selbst. Während wir zwischen mehr Konzertangeboten denn je wählen können, während das gesamte Fernsehprogramm und jeder YouTube-Film musikalisch unterlegt ist und wir dank Handy und iPod selbst beim einsamen Joggen im Wald nicht mehr auf klangliche Unterstützung zu verzichten brauchen, scheint unsere eigene Stimme immer weiter zu verstummen. Natürlich ist es ein Idealbild längst vergangener Zeiten, ein Streichquartett in der eigenen Familie rekrutieren zu können oder wenigstens mehrstimmig am Küchentisch zu singen. Doch selbst der viel jüngere Traum von der eigenen Band wird immer seltener realisiert: Auch die Kellerabende mit Bass, Gitarre, Schlagzeug geraten langsam aber sicher außer Mode.

Das bedeutet allerdings nicht, dass abseits des hellen Rampenlichts schon jetzt niemand mehr Musik macht. Gerade in Hannover profitieren die vielen Chöre von einem verlässlichen Zustrom an Sängern, die nach ihrer Zeit in den Jugendchören der Stadt eine neue Heimat für ihre Stimme suchen. Und es dürfte wohl auch in Hannover einige Hundert Menschen geben, die die Akkordfolgen von „Stairway to Heaven“ oder „House on the Rising Sun“ zumindest einigermaßen erkennbar auf der Gitarre spielen können.

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Am  Sonntag gibt es viele Hauskonzerte in der Region. Wer bislang zu keinem eingeladen ist, kann auf der interaktiven Musiklandkarte noch Angebote finden. Dort können eigene Veranstaltungen auch kurzfristig eingetragen werden.

An sie und viele andere (Laien-)Musiker richtet sich eine Initiative der Musikvermittler von Musikland Niedersachsen, die einen alten Gedenktag neu im Bewusstsein verankern wollen: Der 22. November ist der Tag der Heiligen Cäcilia von Rom, der Patronin der Kirchenmusik. In Deutschland wurde der Termin zunächst von Musikverlegern aufgenommen, die 1932 den ersten Tag der Hausmusik ausriefen. Damals konnte man sich gerade noch auf eine jahrhundertealte bürgerliche Tradition verlassen, die dem eigenen Musizieren eine hohe Stellung eingeräumt hat.

Denn bevor Pianola, Grammofon und Langspielplatten Einzug in die Salons und Wohnzimmer hielten, war Selbermachen die einzige Möglichkeit, im privaten Raum Musik zu hören. In jeder größeren Stadt gab es mindestens eine Klavierfabrik, und die Notenhändler machten gute Geschäfte mit Bearbeitungen von Opern und Sinfonien für kleinste Besetzungen. Was auf den großen Bühnen begeistert aufgenommen wurde, reproduzierte man eifrig im privaten Rahmen. Die Qualität der Darbietung stand dabei eher nicht im Fokus. Klavier oder ein anders Instrument zu spielen war eine Massenbewegung, die Sprache der Musik war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast so verbreitet wie heute Englisch: Zumindest radebrechend kann es jeder.

Vor allem für Frauen gehörte eine musikalische Ausbildung zum guten Ton. Die höhere Tochter verfügte selbstverständlich über eine geschulte Stimme und konnte fortgeschritten Klavier spielen. Und wer eine Chopin-Sonate besonders schön darbieten konnte, erhöhte damit durchaus seinen Wert auf dem Heiratsmarkt. Solche Auswüchse der Musizierbegeisterung beförderten nach dem Krieg allerdings auch die Abkehr davon. Darum hat Musikland-Chef Markus Lüdke die angestaubte Bezeichnung Hausmusik auch durch ein neues Schlagwort ersetzt: „Heimvorteil“ heißt die Initiative nun sportlich, die morgen an möglichst vielen Orten Musik in private Räume bringen will. Längst geht es dabei nicht mehr nur um Aufführungen für Klavier zu zwei Händen. Liedermacher und Weltmusiker sind mindestens ebenso gefragt wie Streichquartette.

So einfach ist es nicht

Noch steht das Projekt, das im vergangenen Jahr gestartet ist, am Anfang: Die interaktive Musiklandkarte, auf der Musiker und Wohnzimmerbesitzer im Internet zueinanderkommen und Zuhörer zu ihren Veranstaltungen einladen können, verzeichnet noch nicht allzu viele Einträge: In Hannover waren gestern Nachmittag 16 Konzertangebote online, in ganz Niedersachsen waren es gerade einmal 45.

Doch Lüdke ist trotzdem optimistisch: „Als wir das Projekt gestartet haben, dachten wir, wir betreiben Artenschutz: Wir versuchen etwas wiederzubeleben, das verloren zu gehen droht“, sagt er. Doch dann sei er doch überrascht gewesen, wie lebendig und einfallsreich gerade die private Musikszene sei. Der Musikvermittler hofft nun auf den ansteckenden Effekt der Wohnzimmerkonzerte. „Wer einen Auftritt in so intimer Umgebung erlebt, ist viel eher bereit, sich auch selbst einmal musikalisch einzubringen.“ Darum bietet das Musikland sogar ein „Starter-Kit“ für Musikeinsteiger an. Mit Einfachstinstrumenten wie Maultrommel und Schüttel-Ei hat Lüdke kuriose, aber niedrigschwellige Angebote zum Musikmitmachen im Repertoire.

Mehr als ein Einstieg kann das aber nicht sein. Denn ganz barrierefrei ist ein tieferer Zugang zur Musik nicht. Es kostet Zeit und Mühe, ein Instrument zu lernen oder die Stimme zu schulen. Doch genau das ist der Schlüssel zum Erfolg des Musikerlebens: Niemand kennt Musik besser, als der, der sie macht. Und jeder Musiker weiß, wie sehr die Mühe sich dafür lohnt. Der Tag der Hausmusik kann also auch ein Anlass sein, wieder einmal die Querflöte, die Gitarre oder die Trompete aus dem Keller zu holen. Nur nach den ersten Tönen nicht gleich den Mut verlieren: Es muss ja noch keiner zuhören. Im nächsten Jahr gibt es wieder einen 22. November.

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