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Kultur Take That veröffentlicht neues Album „Progress“
Nachrichten Kultur Take That veröffentlicht neues Album „Progress“
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12:58 17.11.2010
Die fünf von Take That sind wieder ein Team.
Die fünf von Take That sind wieder ein Team. Quelle: Brown/Universal
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Es ist ein inszeniertes Rührstück. In den Hauptrollen Gary und Robbie. Gary sagt über Robbie: „Er hat sich völlig geändert.“ Robbie sagt über Gary: „Er war immer wie ein Vater für uns. Ich bin froh, wieder unter seiner Leitung zu sein.“ Das Stück heißt „Take That“, aufgeführt wird es jetzt wieder in allen Formatradios, in den Klatschspalten sowieso, in der Nacht zum Freitag in der Dokumentation „Look back, don’t stare“ (0.30 Uhr, ProSieben) und 2011 auf Stadiontournee auch durch Deutschland. Am Freitag erscheint „Progress“, das Album zur Wiedervereinigung der Band.

Die Karriere von Take That erschien wie eine Zielvorgabe für alle Boy- und Girlbands und zugleich wie eine Conclusio der Generation Casting: Zusammengebaut aus fünf Posterboys, die alle singen und tanzen konnten, aber optisch eine bunte Auswahl für die schulpflichtige Hauptzielgruppe bot. Ein Großer mit Muskeln, ein großer Tänzer, ein kleiner Blonder, ein kleiner Dunkler – und ein Kasper. Dazu jeder ein Model unterschiedlicher Garderobenstyles. Machte unterm Strich ein Dutzend Nummer-1-Hits und Millionen verkaufter Platten. Nach abgelaufener Halbwertszeit folgte dann die Auflösung und der sternförmige Abflug in mehr oder weniger erfolgreiche Solokarrieren. Robbie Williams hatte bei seinem vorzeitigen Ausstieg Mitte der Neunziger zudem eine weitere Aufgabe der Versuchsanordnung Boyband erfüllt und das Geheimnis um die Gruppenstruktur, bis dato gehütet wie die Gesichter der „Kiss“-Rocker, gelüftet und entzaubert. Er schimpfte über kasernenartige Zustände und enormen Druck, Scheinheiligkeit und völlige Abhängigkeit. Dass ausgerechnet er, mit dem alle am wenigsten gerechnet hatten, einen beispiellosen Alleingang hinlegte, schien einer Dauerlösung Boyband endgültig den Sargnagel einzuklopfen. Seine Kollege Gary Barlow, eigentlich höher gewettet als Williams, hatte nur bescheidenen Erfolg, Howard Donald versuchte sich als DJ und zog nach Münster, Jason Orange schauspielerte, und Mark Owen, markanteste Stimme des Quintetts, fand sich schließlich in einer britischen „Big-Brother“-Staffel für Promis wieder – und siegte.

Doch dann lief etwas schief mit der Marktprognose. Im Schatten des Überfliegers Williams rauften sich die vier anderen zusammen und kehrten 2006 als erwachsenes Sängerquartett zurück. Während immer noch alle auf den Abtrünnigen schauten und dessen immer verzweifelteres Bemühen um eine neue künstlerische Ausrichtung, schlich sich der Rest im Kollektiv und mit viel Spaß bei der Arbeit an die Chartsspitze. Ein seltsames Bild: hier der einsame Superstar, der in der kreativen Sackgasse wieder mit dem Erwartungsdruck kämpft, da vier gereifte Herren, die geläutert und befreit wirken und durchaus ironisch mit ihrer Vergangenheit umzugehen wissen. Auch mit der Musik: Mit „Shine“ legten sie den besten Song hin, den das Electric Light Orchestra nie geschrieben hatte, und stürmten die Charts. Fast folgerichtig kehrt der große Robbie nun in den warmen Schoß der Band zurück – bevor er sich mit einem weiteren Soloalbum völlig verzockt.

Der Hype ist entsprechend riesig, aber nicht hysterisch, was den Blick freigibt auf die Musik. „Progress“ (Fortschritt) heißt das Album, das am Freitag erscheint. Zehn frische Songs, die noch einmal unterstreichen, wer hier zu wem zurückgekommen ist. Denn Extrawürste für den Heimgekehrten gibt’s nicht. Williams, mittlerweile 36, aber Gruppenjüngster, singt zwar mehr Soloparts als früher, taucht aber mannschaftsdienlich in den perfekten, gut wiedererkennbaren Chorgesang der anderen ein. Die Zusammenstellung der Stücke wirkt wie der Versuch, eine Brücke zu schlagen zwischen der Boy- und Manband Take That. Das ist nicht um jeden Preis modern, aber auch keinesfalls retro. Die meisten Songs stecken in schick designten Plastikkleidern, in denen sie durch die Musikgeschichte flanieren und mal bei Dance, mal bei Glamrock, mal bei Elektro stehenbleiben. Einige sind mitreißend wie die Tanzrocknummer „SOS“, andere („Wait“) spielen mit Hip-Hop-Grooves, um dann doch die fünf Stimmen im Refrain zusammenschmelzen zu lassen.

Das ist nicht nur radio-, sondern auch stadiontauglich und deutet auf ein buntes Live-Spektakel 2011 hin, das auch in Hamburg, Düsseldorf und München über die Bühne geht. Bei der jüngsten, gefeierten Tournee zog das Quartett Take That in einer Zirkuskulisse umher. Man wird sehen, ob der Balanceakt Wiedervereinigung eine Luftnummer wird oder ein Kunststück.

Uwe Janssen

16.11.2010
Jutta Rinas 16.11.2010